Zürich

Die Welt – eine Einladung zum Selberbauen

Das Zürcher Museum für Gestaltung zeigt auf dem Toni-Areal «Modelle zum Entwerfen, Sammeln, Nachdenken» – samt Schneekugel-Workshop mit Kitschfaktor.

Endlich dieser Überblick: Der Fotograf Philipp Sidler beschäftigt sich mit der Modellhaftigkeit von Landschaftsdarstellungen, hier seine Untertorbrücke Bern, 2012. Was wie Swissminiatur aussieht, ist eine Frage des Objektivs. Bild: zVg/Philipp Sidler

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Da war einst das Schloss Sargans. Aus einem Bastelbogen hatten wir die ganze Anlage gebaut – bubileicht war das. Schloss Kyburg war dann schon ein bisschen schwieriger. Aber an Schloss Chillon, Massstab 1:390, sind wir dann endgültig gescheitert. Irgendetwas mit den Wehrgängen ging schief. So bastelte man vor Jahren die Schweiz nach den Vorlagen des Pädagogischen Verlags der Lehrerinnen und Lehrer Zürich zusammen – und so macht man es auch heute: Zur Heimatkunde gehören noch immer die Modelle «Dörfli», «Kleine Stadt», «Walliser Stadel» et cetera. Das ganze Land lässt sich in Karton falten – und sieht auch dementsprechend aus – irgendwie zu einfach für diese Welt.

Wunderwerk derVerkleinerungsform

Die Vorlage von einem Schloss lässt sich aber supern. Supern ist ein Wort im Modellbaujargon, es bedeutet: das Vorgegebene besser machen. Denn da gibt es auch Schloss Neuschwanstein beiHohenschwangau im Massstab 1:5000 – und das hat wirklich nichts mehr mit einem Bastel­bogen und Pädagogik zu tun. Die Burg des Märchenkönigs hat auf der Fläche eines Fingernagels Platz – samt Torbau, Palas, Viereckturm, Treppenturm, Ritterhaus und Kemenate. Thomas Grüninger, auch Mister Mikro genannt, zeigt uns mit dieser Anlage ein Wunderwerk der Verkleinerung. Und da gehen einem die Augen auf, was mit Modellen alles zu machen ist. Eigentlich alles. Und noch mehr: Die Welt setzt sich aus Modellen zusammen.

Thomas Grüningers Neuschwanstein-Miniatur ist Teil der Ausstellung «Welten bauen» im Museum für Gestaltung Zürich. Gezeigt werden «Modelle zum Entwerfen, Sammeln, Nachdenken». Zu sehen ist ein kreativer Prozess: wie die Wirklichkeit in eine künstliche Landschaft übersetzt wird. Und manch ein Modell, wie Grüningers Mini-Neuschwanstein, sieht viel besser aus als das Objekt in echt. Apropos: Weltenbauer Grüninger ist in der Ausstellung unter anderem auch mit dem Schlachtschiff Prinz Eugen vertreten, was ein Theater der Komplikationen für sich ist.

Eine Fata Morgana,gemacht aus Pixeln

Modelle lassen ins Innere einer Sache hineinblicken. Zum Beispiel steht dafür das Präsentationsmodell «Toni-Areal – innerer Urbanismus» aus Plexiglas des Architekturbüros EMN; es ist sozusagen die Referenz an den Ort selber – und lässt durchblicken, wie das Gebäude in seinem Innersten funktioniert.

Modelle dieser Art bauen etwas auf, was es noch gar nicht gibt. Dazu gehört auch die Visualisierung des neuen Hauptsitzes einer Umweltmanagement-Firma in den Vereinigten Arabischen Emiraten, es war eines der letzten Projekte der Architektin Zaha Hadid. Wir sehen einen Film, der uns das Haus draussen in der Wüste von Sonnenuntergang bis in den nächsten Tag hinein zeigt. Das wechselnde Licht zeichnet die Linien der Architektur nach. Und auch wenn das Projekt im jetzigen Moment nicht mehr als eine Fata Morgana ist – das Präsentationsprojekt als Rendering lässt alles sehr sinnlich erscheinen, samt Mond und Sandsturm. Eine Welt wird hier aus Pixeln gebaut.

So geht auch die Automobilwerbung vor: Der BMW, der auf dem Plakat in einer Strassenschlucht steht, ist nur ein im Computer gemachtes Modell – wie auch die Umgebung zusammengestückelt ist aus ganz verschiedenen Bildvorlagen. Nichts ist hier wirklich, was es scheint. Und trotzdem möchten wir diesen BMW haben, er steht als Modell, sagen wir mal, für etwas Grösseres.

«Ein Modell ist immer ein Modell von etwas oder ein Modell für etwas», sagt Ausstellungskurator Andres Janser. «Und Modelle lassen uns Dinge besitzen, die wir anders nicht haben können.»

Eine Abteilung ist dem Sammlertum gewidmet. Prominent an einer Wand platziert sind die Eisenbahnmodelle von Claude Nobs. Wir bestaunen die Spur-1-Lokomotiven und -Waggons, die der Gründer des Montreux-Festivals in seinem Chalet hoch über dem Genfersee gesammelt hat – auch David Bowie hat sie einst bestaunt und in die Hand genommen.

Modelle lassen von einer anderen Welt träumen. Und so kommen wir in eine ganz eigene Landschaft der Vorstellungen hinein.

Willkommen in Swissminia­tur und Umgebung. Nachgebaute Welten gibt es überall. Melide hat die Schweiz im Kleinen, Hamburg das Miniatur-Wunderland, und China baut natürlich alle Sehenswürdigkeiten eins zu eins nach, auch den Bahnhof von Interlaken.

Zürich lässt sich in der Ausstellung interaktiv begehen. Die Stadt gibt es gleich doppelt im Modell: digital und auch physisch. Und hier kann man auch schon in den neuen SBB-Hochgeschwindigkeitszug Giruno einsteigen. Eine Maquette des Herstellers ist aufgebaut, die die verschiedenen Lichtverhältnisse im Erstklassabteil simulieren kann – ein Arbeitsinstrument im Entwurf.

Reisen im Modell heisst, dass man keinen Schritt weiter kommt, aber doch ahnt, wie reisen geht. Aber auf Modelle kann man auch hineinfallen, wie das Clement Valla mit seiner «Postcard from Google Earth» zeigt: Der Highway folgt hier einfach den Konturen der Landschaft bis in ihre Talsenken hinein.

Das Aufblüheneiner Titanwurz

Brücken täten not. Modelle sind so etwas wie Hilfskonstruktionen zum Verständnis von Sachen, die sich sonst nicht einfach so sehen lassen: Das Drahtmodell eines Pferde-Cytochrom C, das Kurt Wüthrich mit seiner Proteinforschung den Nobelpreis eingebracht hat, steht hier zum Beispiel. Und wer das Aufblühen der Titanwurz im Basler Botanischen Garten verpasst hat, kann dies in Zürich simulieren: Ein interaktives Modell erlaubt es, die Pflanze wie durch Zauberhand zum Wachsen zu bringen. Hätten wir doch die Zauberhand auch bei Chillon gehabt. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 27.07.2016, 09:07 Uhr

Mister Mikro:? Thomas Grüninger mit Schlachtschiff Prinz Eugen. (Bild: zVg/Salvatore Vinci)

Live in der Ausstellung

In einer Werkstatt innerhalb der Ausstellung, die bis zum 8. Januar zu sehen ist, können die Besucherinnen und Besucher ihre eigenen Modelle aus Holz oder Lego bauen. Zum Angebot gehört auch, dass Modellbau­amateure und -profis sich an mehreren Wochenenden über die Schulter blicken lassen und Auskünfte über das Modellieren mit Karton, Lego, Naturmaterialien und dem 3-D-Drucker geben. Thomas Grüninger, der aus Karton Wunderwerke fertigt, ist zum Beispiel am 29. und 30. Oktober da. Und Peter Kammer von der Swiss Lego Users Group am 12. und 13. November. Ein Schneekugel-Workshop «mit Kitschfaktor» ist auch dabei. Und in einem Konzert kommen Musik und Modell in einen Dialog.

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