Literatur

«Es ist ein Fehler, das Sterben zu verdrängen»

Das zweite Buch der Wienerin Saskia Jungnikl handelt von der Angst vor dem Sterben. Diese Angst verfolgt sie, seit sich ihr Vater vor neun Jahren das Leben genommen hat.

«Ich will immer noch nicht sterben, aber ich hab nicht mehr so eine panische Angst davor.» Saskia Jungnikl schreibt über die Reise ins Leben.

«Ich will immer noch nicht sterben, aber ich hab nicht mehr so eine panische Angst davor.» Saskia Jungnikl schreibt über die Reise ins Leben. Bild: Rafaela Pröll

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Sie haben über Ihre Angst mit dem Tod ein Buch geschrieben. Ist die Angst dadurch verflogen
oder noch grösser geworden?
Saskia Jungnikl*: Das Schreiben war für mich eine zweijährige Reise mit verschiedenen Stationen. In der ersten Hälfte war die Angst immer da und wuchs auch noch. Dann ist diese Fixierung auf den Tod und das Unentrinnbare umgeschwenkt zu der Erkenntnis, dass mir noch viel Lebenszeit bleibt. Und zur Frage, wie ich sie so verbringen kann, dass sie positiv ist und ich möglichst viel davon profitiere.

Haben Sie Ihre Sterblichkeitakzeptiert?
Ich will immer noch nicht sterben, aber ich hab nicht mehr so eine panische Angst davor. Und ich sehe viel mehr Möglichkeiten in meinem Leben.

Mehr Möglichkeiten?
Mehr Chancen, die Dinge zu tun, die ich tun will. Ich habe für mein Buch mit einem Zeitpsychologen darüber geredet, ob man subjektiv die Lebenszeit verlängern kann. Es geht darum, Ereignisse zu schaffen, Momente zu kreieren, die einem rückblickend das Gefühl geben, man hat richtig und richtig lang gelebt.

Trailer zu «Papa hat sich erschossen». www.saskiajungnikl.com via Vimeo

Haben Sie Ihr Leben umgestellt?
Ich bemühe mich mehr darum, Dinge zu erleben, und habe leichter auch mal den nötigen Egoismus zu sagen, das ist es mir wert. Ich tue weniger Dinge, die ich nicht machen will. Klar, man kann nicht immer nur machen, was man will, aber man kann besser aussuchen, was man nicht will. Ich kümmere mich auch mehr um meine Freunde, weil Beziehungen wahnsinnig wichtig für ein lebenswertes Leben sind.

Kann man wirklich keine Angst vor dem Tod haben oder kann sie nur erfolgreich verdrängen?
Für mich steht die Frage im Vordergrund, ab wann Angst schädlich ist. Angst hat ja auch etwas Gutes, sie ist ein Antreiber, und sie lässt einen wichtig von unwichtig trennen. Wenn ich keine Angst vor dem Tod hätte, wäre mir mein Leben nicht wichtig. Angst wird dann ein Problem, wenn sie von einem Besitz ergreift und man sich nicht mehr traut, manche Dinge zu tun.

«Alles, was danach kommt, kann ich nicht wissen, und ich konzentriere mich eher auf die Dinge, die ich weiss.»Saskia Jungnikl

Haben die Leute mehr Angst vor dem Tod oder vor dem Sterben?
Meiner Erfahrung nach mehr Angst vor dem Sterben. Mein Mann zum Beispiel sagt, er hat grosse Angst davor, eine unheilbare Krankheit zu bekommen und dahinzusiechen. Der Tod ist ihm egal. Bei mir ist das anders. Wir haben kürzlich über die Patientenverfügung gesprochen. Er ist der Meinung, wenn es keine Hoffnung mehr gibt, dann bitte alles abstellen. Und ich sage, Gnade ihm Gott, wenn er die Maschinen abstellt. Ich glaube, diese Einstellung verändert sich: Je älter man wird, desto versöhnlicher wird man.

Für viele wird die Angst vor dem Tod schlagartig grösser, wenn ein nahestehender Mensch stirbt, vor allem die Eltern. Hat sich das in Ihren Recherchen bestätigt?
Bei mir selbst war es so. Ich hatte nie Angst vor dem Tod, bis mein Vater Suizid beging. Dass er so plötzlich tot war, hat mir deutlich gezeigt: Ich kann auch einfach plötzlich tot sein. Es hat mir viel Angst gemacht, dass ich nicht mehr existieren werde.

Ihr Bruder ist vier Jahre vor Ihrem Vater gestorben. Das hat in Ihnen keine Angst ausgelöst?
Nein, komischerweise nicht, obwohl auch sein Tod ein plötzlicher war. Ein Jahr nachdem mein Vater gestorben war, wurde Obama Präsident. Und ich hab mir gedacht: Wie kann er das nicht miterleben? Ich will alles miterleben! Ich will nicht sterben, ich will in 1000 Jahren noch sehen, was passiert. Damals hat die Angst begonnen.

Eigentlich hat jede Weltreligion eine Antwort auf diese Angst. Haben Sie auch in einer Religion
eine Antwort für sich gefunden?
Mir persönlich ist Religion kein Trost. Für mein Buch habe ich mit dem evangelischen Bischof Österreichs über Religion gesprochen. Je näher die Menschen dem Tod kommen, desto gläubiger werden sie. Der Bischof hat etwas gesagt, das ich sehr interessant finde, nämlich dass unser Leben einfach nur ein Fragment sein könnte, eingebettet in andere Dinge. Das würde den Druck nehmen, alles in diese rund 80 Jahre Lebenserwartung zu packen, die wir haben. Mir hat das ein bisschen Ruhe gegeben.

Der intellektuelle Zweifler und Atheist, wie ihn Woody Allen verschiedentlich verkörpert, hat mehr Angst vor dem Tod.
Ist das so? Ich habe für das Buch mit so vielen unterschiedlichen Menschen über das Thema geredet und die Beschäftigung mit dem Tod zieht sich durch. Viele Menschen machen sich kluge Gedanken über den Tod. Es ist schade, dass sie das nicht mehr miteinander teilen.

Sie verdrängen die Angst.
Ja, oder sie haben keine Möglichkeiten, darüber zu reden. Ich habe einmal Freunde zu mir eingeladen, um einen Abend lang über den Tod zu reden. Es hat niemand geweint, wir haben immer wieder mal gelacht, und jeder ist mit dem Gefühl gegangen, dass ihn der Abend weitergebracht hat.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, damit umzugehen, dass eigentlich niemand weiss, ob nach dem Tod noch etwas folgt?
Ehrlich gesagt, das ist mir völlig egal. Ich bin so wahnsinnig fixiert auf dieses Leben. Alles, was danach kommt, kann ich nicht wissen, und ich konzentriere mich eher auf die Dinge, die ich weiss.

Sie denken, dass Ihr Vater nun einfach weg ist?
Ich denke oft an meinen Vater, und ja, da ist so viel Energie. Es gibt so starke Menschen, wahnsinnige Persönlichkeiten. Wo gehen sie hin, wenn sie sterben? Das Gefühl, dass sie einfach verwehen, habe ich nicht.

Das beschäftigt Sie aber nicht.
Nein, ich glaube schon, wenn wir tot sind, sind wir tot. Mein Mann sieht das anders, der hat gern das Gefühl, dass seine Oma noch irgendwo ist. Auch meine Mutter hat das Gefühl, dass sich mein Bruder und mein Vater irgendwo wiedergetroffen haben. Ich finde das eher beängstigend, weil ich denke, wenn ich schon tot bin, dann will ich wirklich tot sein und nicht irgendwo existieren, ­ ohne wirklich zu existieren.

«Wenn ich schon tot bin, dann will ich wirklich tot sein und nicht irgendwo existieren, ohne wirklich zu existieren.»Saskia Jungnikl

In Ihrem Buch befassen Sie sich auch damit, dass Leute ihre ­Gene einfrieren lassen, um nach einem allfälligen wissenschaftlichen Fortschritt zurückzukehren. Ist das eine Option für Sie?
Der Wunsch nach Unsterblichkeit ist ein Riesenthema, das uns antreibt. Ich dachte anfangs, ich würde mich sofort einfrieren lassen. Je länger ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr bin ich davon abgekommen.

Warum?
Was hätte ich von dem Mehr an Leben? Ist es nicht gescheiter, das zu nutzen, was ich jetzt habe, statt es einfach nur in die Länge zu ziehen?

Ginge das überhaupt?
Ein Forscher hat mir klargemacht, dass es, solange ich lebe, keine Pille zur Verlängerung des Lebens geben wird. Das hat mir geholfen, weil mir klar wurde: Ich kann aufhören, davon zu träumen, einen Weg zu finden, ewig zu leben, und anfangen, mich auf dieses eineLeben so zu konzentrieren.

Eigentlich will man mit diesem Einfrieren ja den Tod leugnen.
Ja, oder ihn austricksen.

Biologisch gesehen ist die Zeugung die Überwindung des Todes, sie sichert den Fortbestand
der Art, des Lebens. Ist die logischste Antwort auf die Angst vor dem Tod, Kinder zu haben?
Vielleicht funktioniert das, aber vielleicht bin ich auch zu narzisstisch, weil ich es ja bin, die leben will. Mein Vater hat gesagt, er möchte Kinder auch, weil ihn somit etwas überdauert. Ich kann also verstehen, dass man deswegen Kinder kriegt.

Aber es hilft nicht gegendie Angst vor dem Tod.
Ich weiss es nicht, ich habe keine Kinder. Ein Freund sagt, seine Angst vor dem Tod wurde nach der Geburt seines Kindes nebensächlich. Jetzt hat er Angst, dass sein Kind stirbt.

Was für einen Schluss ziehen Sie aus Ihrer Recherche?
Ich glaube, es ist es wert, sich mit dem Tod und dem Sterben zu beschäftigen. Das Sterben dauert im Idealfall ja Monate, es ist ein eigener Abschnitt im Leben, in dem sich die Welt um einen herum verändert. Man redet anders mit Menschen, nimmt Abschied, von der Umwelt, aber auch von sich selber, von seinen Träumen, Erinnerungen. Ich möchte das bewusst erleben, weil ich glaube, es ist wichtig. So wie die Geburt. Ich glaube, es ist ein Fehler, das Sterben zu verdrängen. Es kann einen guten Abschied geben. Den möchte ich unbedingt haben. (Landbote)

Erstellt: 19.09.2017, 10:15 Uhr

Zur Person

Saskia Jungnikl (35) ist Journalistin und Autorin und lebt in Wien. Ihr zweites Buch «Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte, die Angst vor dem Tod zu überwinden» erscheint am 26. Oktober im Fischer-Verlag.

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