Zürich

Mann, Mann, Mann – was war das denn?

Theater Sibylle Berg setzt im Theater Neumarkt ihr ­ eigenes Stück «How to Sell a Murder House» in Szene. Es ist vielleicht mehr als ein Abgesang auf den Mann an sich.

Sie weiss, wo es entlang geht, er ist eher ratlos: Caroline Peters und Marcus Kiepe unterwegs auf unterschiedlichem Gebiet.

Sie weiss, wo es entlang geht, er ist eher ratlos: Caroline Peters und Marcus Kiepe unterwegs auf unterschiedlichem Gebiet. Bild: Niklaus Stauss

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«Wird es traurig werden?», fragt der Mann. «Ja», sagt die Frau. «Aber die gute Nachricht: Es ­ geht vorbei.»

Das kann man auch über ­das Stück «How to Sell a Murder ­House» von Sibylle Berg sagen, das am Theater Neumarkt in ­Zürich die Uraufführung hatte. Das Stück ist traurig, sogar mehr als traurig. Denn es handelt von einem Vergehen. Was keine so ­gute Nachricht für Männer ist. Denn sie verenden.

Vier Frauen im Waldrappenkostüm verkünden uns gleich am Anfang den Verfall unserer Werte – «unserer schönen Werte». Und sie skandieren – halb auf Schweizerdeutsch – das Ende unserer Kultur, «unserer Schwinger-Kultur». Lokalkolorit muss sein.

Mit «unser» sind die Frauen nicht mitgemeint. Die Männer bleiben also auf der Strecke. Da überlebt nur, wer überlebt. Waldrappen sind Vögel, von denen es heute nicht mehr viele gibt. Bei Sibylle Berg sind sie aber nicht auszurotten – nicht in ihrer weiblichen Form. Soviel zum Geschlechter-Diskurs.

Wer aber Frauen in Wald­rappen­kostüme (hier von Svenja Gassen) steckt, macht eigentlich nur Theater, und das macht Si­bylle Berg eben hier in eigener Regie. Und sie macht das gut, auch wenn man ihr in «How to Sell a Murder House» nicht in ­allen Dingen folgen kann. So einfach die Bühne von Janina Audick für das Mords-Haus auch angelegt ist: In diesem Zimmer mit Ausblick in einen Birkenwald können sich die Figuren auf allen Ebenen verirren – sie verlieren sich dann am Schluss im Nichts (wo sie auch herkommen).

Schon in ihrem ersten Roman «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot» hat Si­bylle Berg das Handlungsgebiet von Mann und Frau für sich abgesteckt und dann immer wieder in verschiedenen Ausformungen vari­iert. Verkürzt gesagt: Die Men­schen können zueinander nicht freundlich sein, das männ­liche Geschlecht steht einem besseren Leben entgegen. Das Glück ist bei Sibylle Berg ein Zwitter.

Die verdammten Dings

Auch in «How to Sell a Murder House» geht es vor allem um ein Thema, nämlich «um die ‹verdammten Dings›, sag schon» – Männer. Genauer: «um das Ver­sagen des weissen des weis­sen, westlichen, heterosexuellen Man­nes». Die anderen sind aber sicher auch mitgemeint – Männer, denen man sagt: Du redest nicht. Hörst nicht zu. Du pin­kelst im Stehen.

Ein Exemplar wird vorgeführt. Auf der Bühne steht Marcus Kiepe, der Schauspieler. Er führt vor, was ihn hergebracht hat. Anscheinend sind Millionen von Männern auf der Flucht. Anscheinend sind die Frauen an die Macht gekommen. Überall Aufruhr, Plünderungen, das ganze dystopische Programm. Ein Mann hat es bis in den Jura geschafft, wo ihm eine Maklerin ein Haus verkaufen will, ein «Stein gewordenes Gedicht», wie sie sagt. Hier könnte er seinen Friedgarten anlegen, denn, was will ein Mann anderes als ein bisschen Ruhe? In Prosa heisst das aber: Das Haus ist ein eigentliches Totenhaus – vier Männer-Geschichten sind hier recht abrupt an ein Ende gekommen.

Gebrochene Herzen

Die Todesarten der Männer gibt es in der Folge ganz allgemein und im Detail: Sie verenden zum Beispiel aus «emotionalen, gleichsam sexuellen Gründen», wie uns der Chor der Waldrappen sagt. Weiter im Katalog: Männer erdrosseln sich in Schränken bei autoerotischen Spielen; sie ver­enden an gebrochenen Herzen. Oder werden Opfer häuslicher Gewalt – und so weiter.

Manchmal fallen sie einfach ­ auf den Boden. Da muss auch ein Marcus Kiepe durch. Er gibt dem Anzugsträger, der immer das gleiche Gesicht macht und braune Halbschuhe trägt, das Gesicht – wie vielen anderen armen Männern mehr. Manchmal ist auch sein Frust zu sehen, dass ein Mann doch mehr Möglichkeiten hätte, als nur ein Halbschuh zu sein. Marcus Kiepe macht seine Sache gut. Aber er ist in der Hand einer rigiden Regie. Sibylle Berg weiss, was sie will.

Zurück in das Nichts: Das ist der Weg, den ein Mann in ihrer Stücke-Welt gehen muss. Zwar hat ein Mann so seine Vorstel­lungen, was er in seinem Leben ­ so tun sollte: Geschlechtsverkehr, Arbeit, Familie, Sport und so. Das Leben hat aber meistens etwas dagegen. Oder wie die Frau sagt: «Da würde ich auch einen sogenannten Burnout bekommen, wenn ich immer etwas arbeiten oder ficken oder unternehmen müsste, das entweder ein Fahr­rad beinhaltet, ein Longboard oder ­ an einem Paraglideschirm endet, der sich nicht entfaltet.» Das ist ein ­Sound des Stücks.

Was die Frau sagt, sagt Caro­line Peters, und sie sagt das, wie das nur eine Schauspielerin wie sie es sagen kann: Caroline Peters hat immer auch im Blick, was zwischen den Wörtern steht. Das ist eine gute Nachricht.

Denn es sind eigentliche Wortgirlanden, die Sibylle Berg ihren Figuren in den Mund legt. Furios ist das und auch unerbittlich, Sibylle Berg-mäs­sig eben. Man liebt sie dafür. Aber dazwischen gibt es immer Momente der kleinen Hoff­nung auf eine bessere Welt. Okay, eigentlich gibt es keine Hoffnung. Das ist traurig. Aber es geht vorbei.

Erstellt: 13.10.2015, 13:46 Uhr

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