Sammlung Hahnloser

Mit Leidenschaft für ihre Zeit

Diese Ausstellung wird viele begeistern: Das Kunstmuseum Bern zeigt die Schätze, die Arthur und Hedy Hahnloser vor 100 Jahren in der Villa Flora zusammengetragen haben: Werke von «Van Gogh bis Cézanne, Bonnard bis Matisse».

«La Blanche et la Noire» von Félix Vallotton: Eine kühne Hommage an Manets skandalträchtige «Olympia».

«La Blanche et la Noire» von Félix Vallotton: Eine kühne Hommage an Manets skandalträchtige «Olympia». Bild: zvg / Kunstmuseum Bern

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Nun läuft der Sämann wieder über den weiten, fast die ganze Fläche einnehmenden Acker mit den lebendig drängenden Schollen, mitten hoch ins Bild gesetzt, und hofft wie Vincent van Gogh, der ihn 1888 gemalt hat, dass seine Saat aufgeht. Nun rollt er wieder in die Tiefe der Landschaft, der Einspänner mit dem Schimmel, während der Maler von «La charrette» (1911) als unsichtbarer Beobachter im Schatten am Wegrand zurückbleibt – der Maler ­Félix Vallotton, der sich immer empfunden hat als Zuschauer des Lebens, von dem er ausgeschlossen blieb. Und sein grosses Gemälde «La Blanche et la Noire» (1913)? Nicht einen Funken Spannung hat sie verloren, Vallottons kühne Hommage an ­Manets skandalträchtige «Olympia»: Die beiden Frauen, die nackte Weisse und die bekleidete Schwarze, kommen ganz ohne bewundernde Männerblicke aus.

Und während wir zusehen, wie Odilon Redons rotes Schiff mit den blauen Segeln (um 1910) auf dem wilden Meer unterwegs ist, unverrückbar, für immer, oderwir mittendrin dabei sind, wenn Pierre Bonnard den Zauber einer Bootsfahrt in einen beglücken-den Moment nicht nur der Malerei verwandelt («Promenade en mer», 1922), werden all die ­Momente des Glücks lebendig, die wir den Werken der Künstler verdanken, welche Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler zwischen 1907 und 1936 zusammengetragen haben. Nun ist die Sammlung Hahnloser in Bern zu Gast: «Die Sehnsucht lässt alle Dinge blühen … Van Gogh bis Cézanne, Bonnard bis Matisse» ist sie überschrieben.

«Vivre son temps!» war ihre Devise

Es ist freilich nicht mehr die ursprüngliche Sammlung Hahnloser, sondern das, was von ihr übrig geblieben ist. Aber auch das ist noch viel: Weit über 100 Werke sind zu sehen, in denen die Pionierleistung von Hedy Hahnloser (1873–1952), der treibenden Kraft dieser Sammlung, und ihrem Mann Arthur (1870–1936), der sie tatkräftig unterstützte, deutlich zu spüren ist. Die beiden Winterthurer, der Augenarzt und die in Zeichnen und Malerei ausgebildete Frau, die als die bedeutendste Schweizer Kunstsammlerin ihrer Generation gilt, widmeten ihre Sammelleidenschaft der französischen Moderne und der Schweizer Avantgarde; «vivre son temps!» war ihre Devise. Für ­«ihre» Maler und deren Kunst mussten sie oft regelrecht kämpfen – gerade Hedy tat es als wahre Kunstmissionarin.

1940, mitten im Krieg und fast vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes, verliess die Sammlung erstmals ihr angestammtes Haus, die Villa Flora in Winterthur, die längst selbst zu einem Kunstwerk geworden war: Hier lebte man mit der Kunst, hier gab (und gibt) es Raumkunst – allen voran der von Architekt Robert Rittmeyer, Hedy Hahnloser und ihrem Lieblingscousin und Gesinnungsgenossen Richard Bühler geschaf­fene Salon – sowie Design aus der Hand der Hausherrin und einen Garten, in dem auch die Kunst blüht und eigens für die beiden Maillol-Skulpturen passender Raum gestaltet wurde. Die Ausstellung 1940 in Luzern wurde ein voller Erfolg, das Echo war gross, und der französische Kunstkri­tiker Frank Elgar meinte gar, wie im Katalogbeitrag von Hahnloser-Urenkelin Bettina nachzulesen ist: «Nun ist die Zeit bereits gekommen, da die Landsleute ins Ausland reisen müssen, um die Meisterwerke der modernen französischen Malerei zu bewundern.»

Äusserst erfolgreiche Auslandtournee

Das hat sich inzwischen natürlich geändert, die damalige Moderne ist in den Museen Frankreichs angekommen, ebenso in Bern, wo einst der Hahnloser-Sohn Hans Robert eine Bresche für die Moderne schlug. Doch jetzt, da diein die Hahnloser/Jäggli-Stiftung eingegangenen Werke der ehemaligen Sammlung ihr Stammhaus «Flora», wo sie während 19 Jahren in wechselnden Ausstellungen zu sehen waren, aus kulturpolitisch-finanziellen Gründen für längere Zeit verlassen ­haben, gewährt ihnen nach einer äusserst erfolgreichen Auslandtournee das Kunstmuseum Bern Gastrecht auf Zeit – dank Mat­thias Frehner, Sammlungsdirektor des Kunstmuseums Bern und selbst Winterthurer, der überhaupt erst die Idee dazu hatte.

Schlittschuhläufer und Sämann: Berühmte Werke von Pierre Bonnard und Vincent van Gogh. zvg / Kunstmuseum Bern

Nun ist die Zeit gekommen, da die Leute nach Bern reisen, um die Meisterwerke der Sammlung Hahnloser zu bewundern, könnte man in Anlehnung an Frank Elgar sagen: Und sie werden kommen, haben doch die wenigsten die Zeit zwischen 1995, der Eröffnung, und 2014, der (vorübergehenden) Schliessung genutzt, um eine der 24 Ausstellungen in der Villa Flora in Winterthur zu besuchen. So oder so: Bern bietet die Chance, nicht nur einer Fülle von Meisterwerken und Raritäten zu begegnen, sondern auch etwas mitzubekommen von der vorbildhaften Art des Sammelns von Arthur und Hedy Hahnloser.

Auch für Kenner der Villa Flora ist die mit einigen selten gezeigten Werken aus der ehemaligen Sammlung angereicherte Ausstellung in Bern eine Entdeckung: «Museal» präsentiert in sieben hohen Sälen im Obergeschoss des Altbaus wächst ihnen «grössere» Bedeutung zu.

Das Nebeneinander der Werke, die Durchblicke von einem Kapitel zum andern, die Werke sozusagen auf einer Ebene ermöglichen neue Sichten auf die Gemälde und Skulpturen der Zeitgenossen des Sammlerpaars, das mit seinen «Kerlen» – Vallotton, Bonnard, Henri Manguin, Ker-Xavier Roussel – freundschaftlich verbunden war und viele der anderen Künstler persönlich kennen lernte: Ferdinand Hodler, Giovanni Giacometti, mit denen sie ihre Sammlung einleiteten, Aristide Maillol, Edouard Vuillard, Henri Matisse, Odilon Redon, Georges Rouault etc. Dazu kommen er­gänzend die Wegbereiter «ihrer» Künstler wie Renoir, Toulouse-Lautrec, van Gogh oder Manet.

Als geschlossenen Kosmos konzipiert

Denn auch die Wegbereiter gehören in diese Sammlung, welche die Sammler als geschlossenen Kosmos konzipierten, einzig ihrer Leidenschaft und ihrem ­ästhetischen Urteil folgend, nur immer wieder von ihrem nicht allzu dicken Portemonnaie in die Schranken gewiesen, doch hilfreich unterstützt und aufmerksam gemacht auf Erwerbenswertes besonders durch Vallotton, den «Lieblingskünstler» unter ­allen.

«Die Sehnsucht lässt alle Dinge blühen» wird im Titel der Ausstellung Marcel Proust zitiert; «… der Besitz zieht alle Dinge in den Staub» würde das Zitat voll­ständig lauten. Das scheinen auch ­Arthur und Hedy Hahnloser gewusst zu haben und so manche ihrer Nachkommen, die ihre Kunst zu geniessen wussten und ihr Glück gerne teilten, auch durch das grosszügige Schenken von Werken. (Landbote)

Erstellt: 14.08.2017, 09:17 Uhr

Daten und Fakten

Die Ausstellung dauert bis 11. März 2018. Nächste öffentliche Führungen: So, 11 Uhr, und Di, 19 Uhr. Der reich illustrierte Katalog verzichtet darauf, jedes Werk einzeln zu beschreiben, und lässt dafür Kenner zu einzelnen Aspekten und zur Sammlung als Ganzes zu Wort kommen. Die Beiträge stammen von Matthias Frehner, Bettina Hahnloser, Margrit Hahnloser-Ingold, C. Rudolf Jäggli, Rudolf Koella, Marc Munter, Sylvie Patry und Ursula Perucchi-Petri (Scheidegger & amp; Spiess, 39 Fr.). Sehenswert: der in der Ausstellung gezeigte Film über die Villa Flora von Nathalie David (78 Min.). Am Di, 29. Aug., 19 Uhr, spricht Rudolf Koella über die Samm­lerin und Kunstschriftstellerin Hedy Hahnloser. (aa)

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