Filmfestival

Von Menschen und ihren Räumen

Vom amerikanischen Mutter-Sohn-Konflikt über die Vergangenheitsbewältigung in Serbien bis zur Gegenwart im Iran: Der Internationale Wettbewerb des Filmfestivals von Locarno zeigt intensive Momente – und auch Enttäuschungen.

«Paradise»: Es geht hier um Regeln, Abmachungen, Konventionen – junge Mädchen dürfen zum Beispiel nicht Fussball spielen.

«Paradise»: Es geht hier um Regeln, Abmachungen, Konventionen – junge Mädchen dürfen zum Beispiel nicht Fussball spielen. Bild: pd

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Draussen ist Sommer. Und die Menschen stürmen in Locarno die Piazza Grande. Der Eröffnungsfilm des Filmfestivals am Mittwoch war mehr als ausverkauft. Viele, die für «Ricki and the Flash» von Jonathan Demme ein Ticket hatten, blieben von der Vorführung ausgesperrt. Meryl Streep, die hier eine Rockerfrau spielt, war eine zu gute Affiche. Auf die Piazza hat sie es aber auch nicht geschafft. Locarno ist für die grossen Stars doch eine Nummer zu klein.

Dafür war tags drauf Marlen Khutsiev da, 90-jähriger Filmemacher aus Russland, der ein Regisseur des Tauwetters in der Sowjetunion war («Frühling in der Zaretschnaja-Strasse», «Juliregen»). Von Wladimir Putin bekam er einst einen Orden 3. Klasse für seine Arbeit, jetzt wurde er auf der Piazza Grande für sein Lebenswerk geehrt – Locarno macht alles ein bisschen grösser. Für alles hat es hier Raum.

Die schönste Jahreszeit

Wir sind eben in der schönsten Jahreszeit für die Filme. «La belle saison» heisst auch der Film von Catherine Corsini, die von einer grossen Liebe zweier Frauen im Sommer ’71 erzählt. Es ist die Geschichte von Delphine, der das Dorf, in dem sie aufgewachsen ist, zu eng wird. In Paris findet sie Arbeit – und lernt Caroline, eine Spanischlehrerin, kennen, die sich sehr für die Befreiung der Frauen einsetzt. Die beiden werden ein Paar – und finden auf dem Land für einen Sommer das Glück. Sie bewirtschaften zusammen den Bauernhof von Delphines Eltern. Im Herbst trennen sich die Frauen, die Widerstände im Dorf gegen die Beziehung sind doch zu gross – und auch die Unsicherheit über den eigenen Lebensentwurf. Aber Delphine und Caroline gehen beide weiter ihren Weg. «La belle saison» ist kein grosser, aber ein schöner Film, gerade richtig für einen grossen Sommer, wie er es jetzt in Locarno ist. Und dafür gabs auch auf der Piazza Grande dicke Küsse.

Drinnen im Kino ist aber Winter. Und da sind wir beim Internationalen Wettbewerb der 68. Ausgabe des Filmfestivals von Locarno.

Im November lässt der amerikanische Regisseur Josh Mond seinen Erstlingsfilm «James White» beginnen. Es ist eine Geschichte über die Stadt New York und ihre Menschen. Im Zen­trum steht James, ein junger Mann, der sich durchs Leben schlägt. Immer wieder taucht er ab in die Discos, weg vom Vater, der gerade gestorben ist – zu ihm hat er nie ein gutes Verhältnis gehabt –, und weg auch von seiner Mutter, die Krebs im Endstadium hat. James dröhnt sich zu – und will doch eine andere Musik im Ohr haben: ruhiger, relaxter, weniger auf Speed. Distanz ist aber für ihn nur schwer zu finden. Die kleine Flucht ins Ferienleben an die Strände von Mexiko ist keine Option, auch wenn dort der Himmel grösser ist. James findet aber zurück – zu seiner Mutter, die er bis zu ihrem Tod begleitet, und so auch ein bisschen zu sich. «James White» ist ein Vorzeigewerk des unabhängigen Filmschaffens fern von Hollywood, der Film will zeigen, dass es auch anders geht. Und trotzdem lässt er uns kalt – zu offensichtlich ist die Technik des Erzählens. Auf den Geist geht einem die fixe Einstellung der Kamera auf das Gesicht des Protagonisten.

Der alte General

Von einem alten General in Serbien, der sich seiner Verfolgung entziehen will und auf seinem Weg in die Berge mit Bildern aus seiner Vergangenheit konfrontiert wird, erzählt Bakar Bakura­dze in seinem Wettbewerbsfilm «Brat Dejan». Auch hier zeigt sich eine Fluchtbewegung. Der Regisseur verzichtet völlig auf eine politische Verortung, wichtiger ist ihm der Mensch in einer Landschaft, die voller Geschichten, Erinnerungen ist. Doch verortbar ist diese Figur nicht, zu viele Leerstellen hat der Regisseur in seinen Film eingebaut. Und manchmal schaut der General einfach eine Wand an, was nicht besonders interessant ist.

Die junge Lehrerin

Ansprechender ist ein anderer Film aus dem Wettbewerb: «Paradise» von Sina Ataeian Dena aus dem Iran, auch dies ein Erstlingswerk, das einen speziellen Blick auf die Gegenwart eines Landes wirft. Wir begleiten eine junge Lehrerin auf ihren Wegen, vom Zen­trum Teherans, wo sie bei ihrer verheirateten Schwester wohnt, in einen Aussenbezirk der Stadt, dort hat sie Arbeit in einer Schule gefunden.

Ganz im Dunkel beginnt der Film, die Lehrerin wird von der Schulleiterin gefragt, ob sie immer einhält, was im Iran für Frauen als schicklich gilt. Es geht hier um Regeln, Abmachungen, Konventionen – junge Mädchen dürfen zum Beispiel nicht Fussball spielen und auch nicht Nagellack auftragen.

Besonders geht es in «Para­dise» um die Frage, welche Räume den Frauen in dieser Gesellschaft noch bleiben. Und welchen Platz sich die Männer hier einfach nehmen. Und manchmal nehmen sie ihn sich mit Gewalt.

«Paradise» meint den abgezirkelten Bezirk. Frauen müssen draussen auf der Strasse unsichtbar werden, sich verhüllen. «Der Tschador ist ein Schutz, keine Eingrenzung», ist einmal auf einer Hauswand zu lesen. Eine klare Linie geht auch durch den Film, da hat es nicht so viel Platz für Nuancen. Vieles entspricht hier unseren Vorstellungen. Aber die Reise geht am Filmfestival ­immer weiter, in andere Bezirke, in neue Regionen.

Erstellt: 08.08.2015, 08:54 Uhr

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