Locarno

Zu Hause bei der Mutter und draussen im Schilf

Locarno hat eine eigene Zeit, man misst sie in Filmen. Bis zum Weltuntergang eines Landes geht es da genau 99 Minuten – siehe «Heimatland». Oder dann schaut man sich eine Ewigkeit im Kino einen Baum an – was wirklich kein Mensch im richtigen Leben täte.

Fixe Einstellungen: Im Film «No Home Movie» zeigt Chantal Akerman ihre Mutter in deren Wohnung.

Fixe Einstellungen: Im Film «No Home Movie» zeigt Chantal Akerman ihre Mutter in deren Wohnung. Bild: pd

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«Heimatland» bleibt eine Episode, wie vieles im diesjährigen Internationalen Wettbewerb von Locarno. Schon vorbei ist mehr als die Hälfte des Festivals, und viele der Beiträge haben sich schon wieder verflüchtigt – oder besser gesagt: verlaufen, wie der kleine Ochse in «Bella e perduta» von Pietro Marcello, einer eher seltsamen Geschichte aus Italien. Oder sie sind brutal im Nebel aufgegangen, wie die Kühe im israelischen Beitrag «Tikkun» von Avishai Sivan, der vom Nicht-Leben und Nicht-Sterben eines jungen Mannes im ultraorthodoxen jüdischen Milieu von Jerusalem erzählt.

Das sind ambitionierte Beiträge, geprägt von einem rigiden Kunstwillen. In beiden Filmen geht es explizit ums Schlachten und um eine mögliche Rettung. Solche Filme, die den Menschen Masken voller Bedeutungen aufsetzen, passen immer gut in den Wettbewerb. Das gewöhnliche Kino spielt ja auf der Piazza. Nur möchte man das alles eigentlich nicht sehen. Auch die filmische Zeit hat in Locarno Grenzen.

Und da bleibt man doch an einem Baum hängen. Der Baum ist aus Chantal Akermans Wettbewerbsfilm «No Home Movie», er steht da ganz am Anfang. Mehr als fünf Minuten passiert gar nichts. Der Baum steht einfach da in der Landschaft. Der Wind bewegt seine Krone.

Die ganze Welt scheint in Bewegung zu sein. Einmal fährt ein Konvoi von Fahrzeugen im Hintergrund vorbei. Wir wissen nicht so recht, was der Baum uns sagen soll. Vielleicht steht hinter dem Baum gar nichts. Und doch beginnt mit dem Baum eine Geschichte über ein ganzes Leben – nach dem Untergang.

Nur in der Wohnung

Es ist die Geschichte von Chantal Akerman. Und die Geschichte ihrer Mutter. «Es ist ein Film über eine Welt in Bewegung, die meine Mutter nicht mehr sieht», sagt die Regisseurin. Die belgische Filmemacherin Chantal Akerman, Jahrgang 1950, hat immer schon alles gefilmt, was um sie war. Von ihren Reisen erzählen ganz direkt die Filme «Hôtel Monterey», «News from New York», «D’Est» oder auch «Là bas». Mit ihren Spielfilmen «Je tu il elle» oder «La Folie Almayer» hat sie ihr Gebiet erweitert. «No Home Movie» spielt aber nicht draussen. Man sieht die Mutter nur in ihrer Wohnung, einem Appartement in Brüssel.

Die Frau erzählt aus ihrem Leben: von den Gebeten, die sie einmal lernen musste. Von den Menschen, die um sie sind und waren. Die Kamera registriert jede Bewegung. Und manchmal schaltet sich Chantal Akerman per Skype zu, wenn sie gerade in New York, Japan oder Venedig ist. Sie sagt nichts besonders Wichtiges.

«No Home Movie» besteht nur aus fixen Einstellungen. Wenn die Mutter für einen kleinen Spaziergang nach draussen geht, bleibt die Kamera eingeschaltet in der Wohnung. Gegen Ende des Films, wenn die Mutter schon sehr müde ist und nur noch schlafen will, erzählt Chantal Akerman einer Hausangestellten die Geschichte weiter: wie die Mutter 1938 mit ihrer Familie nach Belgien kam, «auf der Flucht vor Polen, den Pogromen, den Ausschreitungen». Und wie sie später von den Nazis wieder zurück nach Polen deportiert wurde, nach Auschwitz, ins Vernichtungslager. «Man muss diese Geschichte kennen, um meine Mutter zu begreifen.» Dann ist keine Bewegung mehr in der Wohnung. Die letzte Einstellung: eine Fahrt der Kamera durch die Wüste.

Sehr viel einfacher macht es uns Alex van Warmerdam, geboren 1952 in den Niederlanden. Sein Film «Schneider vs. Bax» läuft in Locarno im Wettbewerb, ist aber dort am falschen Ort, er hätte auch gut auf die Piazza Grande gepasst. Denn da ist kein grosser Kunstwille und keine grosse Botschaft. Sondern einfach die Lust auf eine gut konstruierte Geschichte. Zur Rechtfertigung für die Auswahl: Alex van Warmerdams Film «Borgmann» war 2013 auch schon im Internationalen Wettbewerb von Cannes.

Killer im Vogelschutzgebiet

Erzählt wird von Schneider, der ein guter Mann ist, aber auch ein Auftragskiller. Gerade an seinem Geburtstag soll er den Schriftsteller Ramon Bax killen, der draussen im Ried mitten im Schilf in einem Vogelschutzgebiet lebt. Schneider weigert sich zuerst, denn er hat seiner Frau doch versprochen, ihr bei den Vorbereitungen zur Party am Abend zu helfen. Der Auftraggeber aber sagt: easy Job, spätestens am Nachmittag werde Schneider zu Hause bei Frau und Kindern sein. Es wird aber ein bisschen später. Und auch so ist nichts in dieser Geschichte so, wie es scheint.

«Schneider vs. Bax» ist ein sehr lichter Film, sehr heiter, verspielt, voller Wendungen. Er spielt unter einem grossen Himmel. Und zu sehen ist, wie unten die Menschen im Schilf ihre Wege durch die Landschaft gehen: Sie stolpern, schwimmen, waten, finden manchmal ein Brett, mit dem es leichter über den Kanal geht. Und alles geht hier für einen Wettbewerbsbeitrag relativ sehr schnell.

Im Unterschied dazu hat sich die filmische Zeit schon in den Alltag von Locarno eingeschlichen. Auf eine Pizza kann man da in einem Restaurant schon einmal 99 Minuten warten. Das ist kein Untergang. Aber vielleicht der Anfang davon. (Der Landbote)

Erstellt: 11.08.2015, 20:59 Uhr

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