Zürich

«Man redet zu viel über Probleme statt über Stärken»

Jürg Forster, Zürichs langjähriger oberster Schulpsychologe, spricht über die Jugend und die Schule von heute

Jürg Forster sieht Smartphones eher als Gewinn für Jugendliche – und fordert weniger Bezugspersonen in den Schulen.

Jürg Forster sieht Smartphones eher als Gewinn für Jugendliche – und fordert weniger Bezugspersonen in den Schulen. Bild: Chris Iseli

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Herr Forster, nach 23 Jahren als Leiter des schulpsychologischen Diensts der Stadt Zürich gehen Sie in Pension. Zeit für eine Bilanz: Was zeichnet die Jugend von heute aus?
Jürg Forster: Sie will mitreden, ernst genommen werden. Sie will mit ihren Freundinnen und Freunden ungestört kommunizieren können. Früher fand das eher mündlich statt, indem man abgemacht und sich besucht hat. Heute ist das auch online möglich.

Ist das auch ein Verlust?
Ich finde, das ist eher ein Gewinn.

Inwiefern?
Es bietet zusätzliche Möglichkeiten, sich auch mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen, die weiter weg sind. Das gibt Rückhalt. Auch Einzelgänger können so eher Kontakte pflegen.

«Wenn man denkt, alles lasse sich beheben, tut man dem Kind keinen Gefallen.»

Aus Elternsicht ist das Thema Smartphones für Kinder eine zweischneidige Sache. Was empfehlen Sie?
Ich empfehle Eltern, mit den Jugendlichen darüber zu reden, wie sie das Smartphone nutzen – und sich die Apps und Games, die sie spielen, von ihnen zeigen zu lassen. Eltern, die mit ihren Jungen eine gute Gesprächskultur pflegen, merken früher, wenn das Gamen zum Problem wird.

Was sind die Alarmzeichen?
Wenn ein Kind nicht mehr ansprechbar ist für andere Aktivitäten. Auch wenn die Schule zu kurz kommt, ist das ein Alarmsignal. Manchmal gibt es dann einen Knick bei den schulischen Leistungen. Der muss nicht unbedingt auf Onlinesucht zurückzuführen sein. Dahinter können auch andere Schwierigkeiten stecken, die durch qualifizierte Fachleute abgeklärt werden sollten.

Wie kann man einem Jugendlichen helfen, von einer Onlinesucht loszukommen?
Über ein vertrauensvolles Verhältnis, in dem man offen darüber reden kann, wenn etwas ist – ohne, dass es deswegen zum Bruch kommt.

Aber besteht das Problem in solchen Situationen nicht gerade darin, dass sich Jugendliche immer mehr zurückziehen und kaum noch ansprechbar sind?
Es gibt solche Phasen. Die sind schwierig durchzustehen. Wenn sie länger anhalten, lohnt es sich, Hilfe von Dritten zu holen. Das können Schulpsychologen sein oder auch Jugendberatungsstellen.

Und das hilft dann?
Nicht immer. Es gibt Jugendliche, die ein grösseres Problem mit Online-Games haben. Das zeigt sich vor allem bei denen, die deswegen nicht mehr in die Schule kommen und sich zu Hause in ihrem Zimmer einschliessen.

Wie gross ist der Anteil der Jugendlichen, die derart onlinesüchtig sind?
Das ist ein sehr kleiner Anteil, wohl weniger als ein Prozent. Die meisten finden einen vernünftigen Umgang mit ihrem Smartphone.

«Das Mobbing-Problem hat sich ins Internet verlagert.»

Gibt es noch andere Aspekte, die die heutige Jugend von jener vor 25 Jahren markant unterscheiden?
In der Schule pflegt man die Gemeinschaft stärker als früher. Man achtet darauf, dass das Schulklima gut ist. Das war vor 25 Jahren weitgehend dem einzelnen Lehrer oder der Lehrerin überlassen. Heute weiss man, wie wichtig es ist, dass die Kinder und Jugendlichen sich in der Schule gut aufgehoben fühlen. Und man schreitet bei Mobbing schneller ein.

Hat sich das Mobbing-Problem verschärft?
Nein, aber es hat sich ins Internet verlagert. Während man früher vielleicht von einer kleinen Gruppe von Jugendlichen geplagt wurde, kann es heute eine grosse Gruppe sein, die Gemeinheiten verbreitet, um jemanden zu verletzen. Das kann jedem und jeder passieren. Darum ist es so wichtig, dass man es anspricht und auch von Erwachsenenseite her zu unterbinden versucht.

Der Lehrer oder die Lehrerin ist nicht mehr allein mit den Schulkindern, es sind vermehrt Experten wie Heilpädagogen oder Psychomotoriker da, Teamarbeit ist gefragt. Führt das dazu, dass Lehrpersonen Verantwortung abschieben?
Die Verantwortung wird von der Schulleitung mitgetragen. Dass mehrere Lehrpersonen mit der Klasse arbeiten, viele mit Teilzeitpensen, sollte nicht dazu führen, dass man weniger Verantwortung übernimmt, sondern dass man sie gemeinsam trägt.

Sollte. Ist dem auch so?
Bei Teamteaching kann es Abspracheprobleme geben, sodass jeder meint, der andere sei am Ball.

Sehen Sie die angesprochenen Veränderungen in der Schule insgesamt als Erfolg?
Früher waren die Lehrpersonen weitgehend auf sich gestellt, einige bezeichneten sich als Einzelkämpfer. Das Pendel hat nun in die andere Richtung ausgeschlagen: Es sind oft so viele Personen, die sich mit dem Kind befassen, dass dieses manchmal nicht mehr weiss, mit welcher Frage es sich an wen wenden soll. Ich finde es besser, wenn sich eine kleinere Anzahl Erwachsene um das Kind kümmert. Es gibt ja im Kanton Zürich das Projekt «Starke Lernbeziehungen», das genau darauf abzielt.

Auch das Verhältnis Eltern-Schule hat sich verändert. Sollten sich Eltern wehren, wenn für ihr Kind in der Schule eine Abklärung nach der anderen vorgeschlagen wird?
Eltern sollen sich frei fühlen, ihre Meinung im schulischen Standortgespräch einzubringen. Das ist auch der richtige Ort, um Vorbehalte gegen Abklärungen und Massnahmen zu diskutieren. Für den Austausch der Einschätzungen wird in solchen Gesprächen oft zu wenig Zeit verwendet. Man redet zu viel über Probleme, statt auch die Stärken des Kindes zu thematisieren.

Tendiert unser heutiges Schulsystem dazu, sich zu stark auf die Probleme zu konzentrieren?
Ich denke: Ja. Es gibt nämlich Schwierigkeiten, die Kinder nicht ohne weiteres überwinden können. Schwächen, mit denen sie einen Umgang finden müssen. So gibt es zum Beispiel schwere Lese-Rechtschreibschwächen, die auch mit aller Förderung nicht ganz verschwinden. Wenn man sich zuviel vornimmt und denkt, alles lasse sich beheben, tut man dem Kind keinen Gefallen. Die Förderplanung soll realistische Ziele haben. Wichtig ist zu schauen: Was hilft dem Kind beim Lernen, und wie kann es wieder zu Erfolgserlebnissen kommen? Das schafft Selbstvertrauen, und das braucht das Kind um sich weiterzuentwickeln.

Wenn Sie darüber entscheiden könnten, was man dringend ändern müsste an unserem Schulsystem: Was würden Sie tun?
Ich würde die Zahl der separierten Sonderschulungen zugunsten von integrierten Schulungsformen reduzieren. Kinder, die besonders intensive Massnahmen brauchen, sind noch zu häufig in separierten Angeboten. Zwar hat man vor zehn Jahren mit der integrierten Sonderschulung ein Gefäss geschaffen, das oft und gern genutzt wird. In vielen Gemeinden werden aber nur Kinder mit geistiger Behinderung auf diese Weise unterrichtet. Kinder mit Sinnesbehinderungen, schwereren Aufmerksamkeitsstörungen, leichteren Formen von Autismus oder Verhaltensauffälligkeiten besuchen dann eine Sonderschule. Aus meiner Sicht geschieht das zu oft.

Ist die Schule in der Lage, noch mehr schwierige Fälle integrieren?
Im Moment eher nicht. Aber wenn es gelingt die Regelschule zu stärken, und wenn man entsprechende Ressourcen aus der Sonderschulung in die Regelklassen zurückholt, kann man diesen Kindern besser gerecht werden. Sie zusammen mit anderen zu schulen, die ähnliche Probleme haben, kann für ihr Selbstvertrauen und ihre weitere Entwicklung eine Belastung sein. Eine gute Durchmischung der Klassen ist auch für Jugendliche mit einer Behinderung sehr viel wert.

(landbote.ch)

Erstellt: 03.01.2018, 11:04 Uhr

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