Europaallee

Neuer Stadtteil wird nachhaltig

Die SBB sammeln mit der prestigeträchtigem Grossbaustelle beim Hauptbahnhof Auszeichnungen, bevor alle Gebäude fertig sind. Nicht alle finden die Preise gerechtfertigt.

Die Grossbaustelle Europaallee wurde von der Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft mehrfach ausgezeichnet.

Die Grossbaustelle Europaallee wurde von der Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft mehrfach ausgezeichnet. Bild: Matthias Scharrer

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Neue Quartiere schiessen im Grossraum Zürich derzeit wie Pilze aus dem Boden. Ein Paradebeispiel ist der neue Stadtteil Europaallee beim Zürcher Hauptbahnhof. Er ist noch im Bau – und bereits mehrfach als nachhaltig ausgezeichnet. Erst kürzlich verlieh die Schweizer Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (SGNI) dem Baufeld D der Europaallee die Nachhaltigkeits-Auszeichnung in Platin, wie die Bauherrin SBB mitteilte – Höchstnote also. Bereits früher erhielten drei weitere Abschnitte der Europaallee-Grossbaustelle zwischen Sihlpost und Langstrasse von der SGNI Nachhaltigkeits-Gold für die geplanten Bauprojekte.

Die Europaallee gilt als Filetstück der Zürcher Stadtentwicklung. In den bereits erstellten Neubauten befinden sich die Pädagogische Hochschule Zürich, Bankbüros, Restaurants und Läden sowie einige Wohnungen. Die bis 2020 noch zu erstellenden Bauten entlang der Gleise wird grösstenteils Google beziehen. Auch ein Kino und rund 400 Wohnungen, von denen ein Drittel bereits realisiert ist, gehören zum neuen Stadtteil. 1,2 Milliarden Franken investieren die SBB in das Grossprojekt. Doch was macht die Europaallee zu einem nachhaltigen Projekt?

Lediglich «Vorzertifikate»

Bei den SGNI-Auszeichnungen «werden ökologische, ökonomische, soziokulturelle und funktionale Qualitäten bewertet», heisst es in der SBB-Mitteilung. Die SGNI gab den Europaallee-Bauprojekten dabei jeweils hohe Punktzahlen. Allerdings handelt es sich bei den Auszeichnungen noch um «Vorzertifikate». Erst wenn die Projekte realisiert sind und sich bewähren, werden daraus Zertifikate, wie bei der SGNI zu erfahren ist.

Die Auszeichnung der Europaallee durch die Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft stösst auf Kritik: «Soziale Aspekte wurden dabei wohl zu wenig gewichtet», sagt Mieterverbands-Sprecher Walter Angst auf Anfrage. Angst, der als Gemeinderat der Alternativen Liste im Zürcher Stadtparlament sitzt, sieht die Europaallee als «Symbol für die Vertreibung von Leuten aus dem Quartier, die die hohen Mieten nicht mehr bezahlen können». Der neue Stadtteil entlang der Gleise beim Hauptbahnhof sei «ein Treiber der Aufwertung im Kreis 4».

Zudem seien die Wohnungen, die in der Europaallee entstehen, zu gross: «Der Wohnflächenverbrauch ist enorm – und damit alles andere als nachhaltig», so Angst weiter. Ohnehin werde in der Bauwirtschaft die soziale Dimension des Nachhaltigkeitsbegriffs oft vernachlässigt. Stattdessen ständen Aspekte wie Ener­gie­verbrauch und Baumaterialien im Vordergrund.

Europaweit gültiger Standard

SGNI-Geschäftsführer Heinz Bernegger betont, dass die Bewertung der Euopaallee-Baufelder auf einem europaweit gültigen Nachhaltigkeitsstandard basiert. Punkto sozialer Nachhaltigkeit würden dabei Aspekte wie Raumklima, Tageslichteinfall, Barrierefreiheit im ganzen Gebäude, ein hoher Öffentlichkeitsgrad der Erdgeschoss-Nutzungen und ein hoher Velokomfort berücksichtigt. Auch ein vielfältiger Wohnungsmix zähle. Die Preispolitik des Eigentümers oder Vermieters fliesse jedoch nicht in die Bewertung mit ein, da sie standortabhängig sei und das Bewertungssystem möglichst universell anwendbar sein solle.

Auf die soziale Nachhaltigkeit der Europaallee angesprochen, sagt SBB-Sprecher Reto Schärli: «Es ist uns ein grosses Anliegen, einen Stadtraum zu schaffen, der lebt.» Die Europaallee solle nicht wie aus dem Boden gestampft wirken. Vielmehr werde eine Verzahnung mit dem angrenzenden bestehenden Quartier angestrebt. Dazu dienen laut dem SBB-Sprecher auch Läden, die an Gewerbetreibende, die schon im Quartier ansässig sind, zu günstigen Konditionen vermietet werden.

Auch für Normalverdiener

«Bei den Wohnungen in der Europaallee setzen wir zwar nicht auf gemeinnützigen Wohnungsbau, sondern auf Marktmieten», räumt Schärli ein. Doch einige der Wohnungen seien gezielt auf Wohngemeinschaften ausgerichtet, sodass sie auch für Normalverdiener erschwinglich seien.

Auf der anderen Seite der Gleise, an der Zollstrasse, haben die SBB ein Areal an die Genossenschaft Kalkbreite verkauft. Dort soll bis 2020 ein Neubau mit rund 70 preisgünstigen Wohnungen und 3000 Quadratmetern Gewerbefläche entstehen, schreibt die Genossenschaft auf ihrer Internetseite. Ihre Ziele für den bereits erbauten Teil der Europaallee haben die SBB nach eigener Einschätzung bislang erreicht: «Das Quartier lebt, obwohl es zur Hälfte noch eine Baustelle ist.» Tagsüber sei es belebt wegen der Läden, der Pädagogischen Hochschule und der Banken, abends vor allem wegen der Restaurants.

Wenn auch die soziale Nachhaltigkeit des neuen Stadtteils umstritten ist: Kommerziell ist er gut unterwegs. Die bis 2020 noch geplanten Büro und Dienstleistungsflächen waren bereits fünf Jahre vor der Fertigstellung vermietet, wie die SBB bekannt gaben, als feststand, dass Google als Hauptmieter einziehen werde.

Erstellt: 23.01.2016, 10:44 Uhr

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