Zürich

René Sutter verlässt seine Pedalos

Nach 25 Jahren als Bootsvermieter am Zürichsee ist für den ehemaligen Seepolizisten bald Schluss. Was sich über die Jahre verändert habe, sei der Respekt vor fremdem Eigentum.

«Bei guter Wartung kann man sie sicher noch 20 Jahre benutzen», sagt René Sutter über seine Oldtimer-Pedalos.

«Bei guter Wartung kann man sie sicher noch 20 Jahre benutzen», sagt René Sutter über seine Oldtimer-Pedalos. Bild: Matthias Scharrer

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René Sutter schliesst die vergitterte Tür beim Steg auf. Mit leisem Summen senkt sich die Zugbrücke dahinter automatisch. Nun ist der Weg frei zur Bootsvermietung beim Hafen Enge am Zürichsee. Es ist 9 Uhr morgens. Der See: spiegelglatt. Das Thermometer am Bootsvermietungs-Häuschen zeigt schon jetzt 31 Grad an. Sutters Arbeitstag beginnt. Es wird ein langer Tag. Seit 1993 ist der heute 65-Jährige Bootsvermieter am Zürichsee. Nach dieser Saison wird er seine Pedalos, Ruder- und Motorboote einem Jüngeren übergeben. Sutter geht in Pension.Dank ihrem 1950er-Jahre-Design sind seine metallenen Pedalos längst Kultobjekte. Sutter hatte sie einst von seinem Vorgänger übernommen und dieser vom Vorvorgänger, erzählt er im Schatten des Sonnenschirms auf der schwimmenden Plattform, an der die Boote festgemacht sind.

Sein ältestes Pedalo sei Baujahr 1953. Mit anderen Worten: Die Tretboote sind im Durchschnitt seit rund 60 Jahren im Einsatz. «Und bei guter Wartung kann man sie sicher noch 20 Jahre benutzen», meint der Bootsvermieter. Eines dieser Pedalos sei sogar im Verkehrshaus Luzern ausgestellt. Die Herstellerfirma, Forster AG in Diessenhofen TG, habe die Bootsfabrikation längst eingestellt. «Aber bis Anfang der 90er-Jahre konnte man noch Ersatzteile kaufen», sagt Sutter. «Und ich habe ein gut ausgestattetes Ersatzteillager.»

Die Seekuh war da

Testfahrt im Pedalo-Oldtimer. Der rote Lack und die gebürsteten Chromstahlteile glänzen im Sonnenlicht. Die Innenausstattung ist schlicht: Die Pedale aus massivem Holz sind an Stahlrohren montiert; das Lenkrad lässt sich an einer langen Stange herausziehen, sodass es den Knien beim Pedalen nicht in den Weg kommt. Unter Deck ist ein von Wasser gedämpftes rhythmisches Raunen zu hören: Das Kurbeln der Pedale wird auf ein von oben unsichtbares Wasserrad übertragen. Gemächlich gleitet der Oldtimer übers Wasser.

Während ich zurück zum Bootsverleih pedale, fischt Sutter von der schwimmenden Plattform aus büschelweise Seegras aus dem Wasser, damit es sich nicht im Getriebe der Pedalos verheddere. Zwar war die sogenannte Seekuh – eine Art Unterwasser-Rasenmäher – erst kürzlich da. Aber die Algen, die sich heute bis zur Wasseroberfläche strecken, hatten sich an jenem Tag zurückgezogen. Sie seien unberechenbar, sagt Sutter. Deshalb müsse er nun von Hand nachhelfen. Nach und nach kommen Sutters Angestellte auf die schwimmende Plattform beim Hafen Enge. Bis zu acht Personen, Sutter und seine Frau inbegriffen, arbeiten für die Bootsvermietung.

An schönen Wochenenden seien manchmal schon vormittags alle Boote vermietet. Das Seltsame sei: «Wenn das erste vermietete Boot ein Pedalo ist, werden danach vor allem Pedalos vermietet. Und wenn es ein Ruderboot ist, beginnt ein Ruderboot-Tag», hat Sutter über die Jahre beobachtet. Der Schluss liegt nahe: Der Mensch ahmt nach, was er sieht. Sein Verhalten hängt viel weniger von bewussten Entscheiden als von zufälligen Eindrücken ab.

Unglücksfälle rund um die Bootsvermietung musste Sutter, der schon als 14-Jähriger erstmals jemanden aus dem Wasser rettete, nur selten miterleben. Stolz verweist er auf einen Sicherheits-Test der Zeitschrift «Gesundheitstipp», die seiner Bootsvermietung Bestnoten erteilte.

«Einmal verletzte sich jemand beim Baden an einem Motorboot», erinnert sich Sutter. Ein andermal sei ein indischer Tourist beim Schwumm ums Pedalo ertrunken. Tage später sei die Leiche aufgetaucht. «Ansonsten blieben wir verschont, abgesehen von kleineren Blessuren», sagt der Bootsvermieter. Was sich indes verändert habe, sei der Respekt vor fremdem Eigentum: Dass sich Kunden mit Nietenhosen auf die frisch gestrichenen Pedalohauben setzten oder gar mit den Füssen darauf ständen, sei heute vermehrt zu beobachten.

Rückkehr der Hafenpläne

Bevor Sutter 1993 Bootsvermieter wurde, arbeitete der gelernte Mechaniker bei der Stadtpolizei Zürich. Er fing als Polizist im Stadtkreis 4 an, doch sein Ziel sei von Anfang an die Seepolizei gewesen. «Schon als Kind hat mich alles interessiert, was mit Wasser oder Booten zu tun hatte», sagt Sutter. 1982 begann er als Seepolizist.

Bereits damals sei vom Bau eines neuen Wassersporthafens in Zürich Tiefenbrunnen die Rede gewesen, erinnert er sich. Auch jetzt gibt es unter dem Titel «Marina Tiefenbrunnen» solche Pläne, die zum Ziel haben, das Seebecken ansonsten von Booten freizuräumen. Kürzlich wurde das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs bekannt gegeben. «Ich glaube es erst, wenn der neue Hafen gebaut ist», sagt Sutter trocken, als ich ihn nach den möglichen Folgen für seine Bootsvermietung frage. Doch bis dahin werde er das Geschäft ohnehin längst abgegeben haben.

Sutters Arbeitstag endet beim Eindunkeln. Um 20.15 Uhr muss das letzte Boot bei seiner Plattform angelegt haben. Um 21 Uhr dreht er den Schlüssel beim Eingangstor um. Die Zugbrücke hebt sich. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 20.07.2018, 18:14 Uhr

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