Industrie

Plastic Fantastic statt Stahlguss: Die letzte Sulzer-Fabrik der Schweiz

In Winterthur machte Sulzer die letzte Werkhalle dicht, in Haag im Rheintal will man sogar ausbauen. Hier baut Sulzer keine tonnenschweren Pumpen, sondern filigranste Plastikteile.

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Ausfahrt Haag im Rheinland: eine flache grüne Ebene, eingeklemmt zwischen steilen Felswänden, mittendrin die Autobahn nach Chur. Hier, zwischen dem Küchenland-Delta, einem Jumbo-Baumarkt und einem etwas abgetakelten Tennisplatz, liegt sie, die letzte Sulzer-Produktionsstätte der Schweiz. Das Hauptgebäude, ein Beton- und Glasquader, ist keine zehn Jahre alt. Modern, hell und aufgeräumt präsentieren sich die Lobby und der Ausstellungsraum.

In der grau-blauen Blechhalle nebenan fing alles an: Hier spritzte die Firma Werfo, ein KMU, jahrzehntelang Plastikteile auf Kundenwunsch. Zum Beispiel für Neutrik, den Weltmarktführer für Audio-Stecker, direkt auf der anderen Seite des Rheins in Liechtenstein. Doch noch besser lief die Zusammenarbeit mit der Innerschweizer Firma Mixpac, die ein patentiertes System entwickelt hatte, mit dem Zahnärzte Kleber und andere Pasten anrühren konnten. 2006 kaufte Sulzer beide Firmen auf und legte sie zusammen. In Haag entstand, im Neubau, Sulzer Mixpac. Seither ist der Standort stetig gewachsen, etwa 400 Arbeitsplätze sind es heute.

Mischen, was nicht gemischt werden möchte

Weit über hundert Produkte werden hier hergestellt, und ständig kommen neue dazu. Im Grunde geht es aber immer um die gleiche Frage: Wie mischt man zwei Stoffe möglichst gleichmässig zusammen und trägt sie dann auf? «Wenn Sie Milch in den Kaffee giessen, vermischen sich die Flüssigkeiten fast von selbst», sagt Laborleiter Rainer Müller. Je zähflüssiger die Stoffe, desto raffinierter muss man sie dazu zwingen, sich zu vermengen. Ein typisches Mixpac-Produkt sind Spritztüllen aus Kunststoff, in deren Inneren eine Art Schnecke dreht und die zwei Stoffe mit jeder Drehung feiner vermengt.

Zwei-Komponenten-Gemische kommen immer dort zum Einsatz, wo etwas rasch aushärten muss. Badezimmer-Silikon braucht einen ganzen Tag, bis es an der Luft vollständig aushärtet. Halb so schlimm. Ein Zahnarzt dagegen hat nicht so viel Zeit, sonst bekäme sein Patient eine Kiefersperre. Er braucht Kleber und Abgussmaterialien, die durch chemische Reaktionen schnell härten. Doch Sulzer ist nicht nur in fast allen Zahnarztpraxen vertreten, sondern auch in vielen Werkstätten: Mit Klebstoffpistolen aus dem Hause Sulzer werden Flügelteile an Airbus-Flieger montiert oder neue Heckscheiben in Autos eingeklebt.

«Klebstoffe sind ein Megatrend», sagt Bereichsleiter Marc Haller. «Sie sind leichter als mechanische Befestigungen wie Schrauben und Bolzen, rosten nicht und halten oft besser. Die Fortschritte in der Klebstofftechnologie in den letzten 15 Jahren sind erstaunlich.» Er zeigt auf einen Ziegelstein, in den Löcher gebohrt und Gewindestangen befestigt wurden. Mit Klebstoff. «Eher bricht der Ziegel, als dass die Stange sich löst», sagt er.

Zutritt nur mit Haarnetz und Schuhüberzug

Hergestellt werden die Hightech-Mischwerkzeuge hier in Haag und in einem zweiten Werk im liechtensteinischen Eschen. Betreten werden darf der Fabrikraum nur in Spezialbekleidung: Ein Plastikoverall, Haar- und Bartnetz und Plastiküberzüge an den Schuhen sollen verhindern, dass Staub und Schmutz eindringen. Über Röhren an der Decke wird laufend Kunststoffgranulat zu den Maschinen gepumpt. Man hört die Kügelchen in den Rohren rascheln. Minzgrüne Spritzgussmaschinen, jede so gross wie ein Land-Rover, schmelzen die Kügelchen und pressen den Kunststoff in die Spritzformen. Etwa alle 20 Sekunden fallen die fertigen Plastikteile in die Versandkisten.

Teils sind gleich mehrere Maschinen miteinander verbunden. Roboterarme greifen die Teile, setzen sie ineinander. Zwei solche Roboterstrassen sind schon in Betrieb, zwei weitere sind beantragt. Wie der gesamte Maschinenpark laufen sie 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Nur an Weihnachten steht die Fabrik für zwei Wochen still.

Goldgräberstimmung im Rheintal, Wachstum in Polen

Während Sulzer am Hauptsitz in Winterthur in den letzten Jahren laufend Personal reduzierte, herrscht im Rheintal Goldgräberstimmung. Laufend werden neue Anwendungen für hochpräzise Spritzgussteile und Mischer erfunden. Etwa ein Lacksprühgerät, um Windturbinen und Pipelines zu reparieren, ohne sie zu zerlegen. Oder eine neuartige Applikatorbürste für medizinische Tinkturen. Klassische Bürsten verlieren Borsten. Diese hier sind aus einem Stück gegossen, feinste Fasern aus Kunststoff. Die Technologie stammt von Geka, einer 2016 gekauften deutschen Firma, die Weltmarktführer für Wimperntuschebürsten ist. Inzwischen lagern ausserdem viele kleinere Kunden Teile ihrer Forschung und Qualitätskontrolle ans Sulzer-Labor in Haag aus.

Gerne würde man ausbauen. Doch auch beim Nachbarn, der Firma VAT, die Ventile für Reinräume herstellt, brummt das Geschäft. Darum verlegt Sulzer die Industriesparte, also die Klebstoffmischer, in ein neues Werk in Polen und setzt in Haag ganz auf Dental- und Medizinzubehör. Dass auch diese Sparte einst nach Polen abwandern könnte, ist für Bereichsleiter Haller kein Thema. «Das Teure sind die Maschinen und die wären dort dieselben. Dass wir mit so wenig Personal eine so hohe Qualität abliefern können, das geht nur mit erfahrenen, gut ausgebildeten Angestellten, wie wir sie hier in der Schweiz haben.» (Der Landbote)

Erstellt: 11.11.2017, 09:14 Uhr

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