Zürich

Sie dient als Gedächtnis der Regierung

Kathrin Arioli ist die erste Frau, die im Kanton Zürich das Amt der Staatsschreiberin ausübt. In dieser Funktion fällt die Juristin zwar keine politischen Entscheide, sie steht dem Regierungsrat aber beratend zur Seite – eine Begegnung.

Die Zukunft mitgestalten: Die Funktion als Staatsschreiberin bezeichnet Kathrin Arioli als vielfältig.

Die Zukunft mitgestalten: Die Funktion als Staatsschreiberin bezeichnet Kathrin Arioli als vielfältig. Bild: Severin Bigler

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Eigentlich wollte sie die erste Bundesrätin der Schweiz werden. Dieses Berufsziel gab sie Ende Matura in der Abschlusszeitung an. Daraus wurde nichts. Dafür ist Kathrin Arioli nun die erste Staatsschreiberin des Kantons Zürich. Seit einem Monat bekleidet die gebürtige Bündnerin ein Amt, in dem sie berühmte Vorgänger hat wie Alfred Escher und Gottfried Keller.Als Staatsschreiberin ist Arioli gewissermassen das achte Mitglied des Zürcher Regierungsrates. In einer beratenden Funktion nimmt sie an dessen wöchentlichen Sitzungen im Zürcher Rathaus teil. «Ich habe eine Dienstleistungsfunktion und unterstütze den Regierungsrat, damit er seine Aufgaben möglichst gut wahrnehmen kann», fasst die promovierte Juristin ihre Arbeit zusammen. Diese bezeichnet Arioli als vielfältig.

Jeder Antrag, der vom Regierungsrat beschlossen wird, geht «banal gesagt» über Ariolis Bürotisch im Kaspar-Escher-Haus nahe dem Zürcher Hauptbahnhof. Zusammen mit dem Rechtsdienst prüft sie die Anträge formal und rechtlich. Zudem achtet die Staatskanzlei mit ihrer Chefin darauf, dass die Beschlüsse des Regierungsrates «kohärent» – also logisch und schlüssig – sind. Arioli wirkt beim Regierungsrat mit, aber ausschliesslich beratend. «Ich bin keine Schiedsrichterin», sagt Arioli. Die Entscheide fällen die sieben Regierungsrätinnen und -räte. Sie gibt rechtliche Inputs und verweist als Gedächtnis des Regierungsrates allenfalls auf frühere Beschlüsse.

Als die ehemalige Leiterin der kantonalen Fachstelle für Gleichstellung von Frau und Mann 2011 in die Direktion des Inneren des Kantons Zug wechselte, begründete sie den Jobwechsel mit dem «Reiz, inhaltlich noch stärker mitbestimmen zu können». Dass sie in ihrer jetzigen Funktion als Staatsschreiberin beratend wirkt, ist für Arioli kein Widerspruch dazu. «Es ist meine Rolle als Staatsschreiberin – hier geht es nicht um meine politische Meinung und Haltung», sagt Arioli.

Mit Distanz nahe dabei

Das politische Interesse der Juristin aber ist gross, wie sie sagt. So ist auch die Liste ihrer ehemaligen ehrenamtlichen Engagements lang. Eingesetzt hat sie sich seit ihrem Studium für Menschenrechts- und Frauenrechtsfragen. Mit dem Antritt ihrer neuen Stelle vor einem Monat aber hat sie diese Aufgaben abgegeben. «Ich will nicht in die Gefahr von Interessenkonflikten laufen», sagt Arioli. Die Juristin ist selbstkritisch und pragmatisch: «Ich will keine Stiftung präsidieren, die Kantonsgelder erhält.»

Antworten gibt die Staatsschreiberin mit Bedacht, ihre Worte wählt sie sorgfältig. Findet sie eine Frage schwierig, bittet sie um Bedenkzeit. Die Grundfrage der Gerechtigkeit, aber auch jene der Gleichberechtigung ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Es seien Werte, die sie vom Elternhaus mitbekommen habe. Diese leiten sie bis heute. «Werte lässt man am Feierabend ja nicht im Büro zurück», sagt Arioli.

Nach vier Jahren als Generalsekretärin am Berner Obergericht ist der Wechsel nach Zürich «ein Nach-Hause-Kommen» für die Bündnerin. Seit ihrem Studium wohnt die 55-Jährige in der Limmatstadt. Sie sagt: «Hier lebe und wähle ich.» In der Stadt zu arbeiten, zu der sie den engsten Bezug habe, reize sie. So auch ihre neue Aufgabe: «Als Staatsschreiberin ist man bei allem, was im Kanton passiert, nahe dran.»

Einen Bezug zu haben, schätzt Arioli. Dennoch kommt ihr gerade die ausserkantonale Verwaltungserfahrung in ihrer neuen Funktion zugute. Es ist wohl gerade dieser Blick von aussen, der Arioli hilft, den Regierungsrat bei seiner Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen zu unterstützen.

Anders als mit der Nähe am Geschehen, die Arioli schätzt, verhält es sich mit dem Rampenlicht. Das nämlich sucht sie nicht. Auch ihr Privatleben spart sie vom Gespräch aus. Dieser Bereich habe mit ihrer Rolle als Staatsschreiberin kaum etwas zu tun. In dieser Funktion aber beschreibt sie sich als eine Person, die gerne die Zukunft mitgestaltet: «Weil ich gerne Neues lerne, schätze ich Vielfalt», sagt Arioli. So geniesst sie, in ihrem Beruf Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen zu haben. Während sie das sagt, fällt der Blick auf das Bild von Christine Streuli an der Wand neben dem Sitzungstisch. Das von der Farbe Pink dominierte Gemälde trägt den Namen «Eine Begegnung». Arioli hat es selber ausgesucht.

Dass sie sich hinsichtlich ihrer Person bedeckt hält, hat auch mit ihrer zwölfjährigen Erfahrung als Gleichstellungsbeauftragte zu tun. Sie hat sich immer gegen die Personifizierung ihrer damaligen Funktion – die «Madame Égalité» des Kantons zu sein – gewehrt. «Für die Gleichstellung von Frauen und Männern sind alle verantwortlich», sagt Arioli.

Anders als zu Zeiten Kellers

Die erste Frau zu sein, die die Funktion der Staatsschreiberin innehat, freut Arioli. Ebenso die neunte Nachfolgerin von Gottfried Keller zu sein. Gemeinsamkeiten mit dem Schriftsteller sieht sie kaum, eher Unterschiede: «Er konnte sicher besser schreiben als ich.» Während sie das sagt, lacht sie. Es sei eine schwierige Frage. Die Zeiten hätten sich seit Keller doch beachtlich geändert. Die Verwaltung ist im digitalen Zeitalter angelangt. Doch etwas unterstellt sie ihrem berühmten Vorgänger: «Er hatte wohl die gleich grosse Freude am Beruf wie ich heute.»

Nicht nur die Technologie hat sich bei der Verwaltung entwickelt, auch die Situation von Frauen im Erwerbsleben und damit ihr Anteil im Kader habe sich verbessert. Arioli sieht nichts Besonderes darin, als Frau die Staatskanzlei zu führen: «Jede Tätigkeit kann von einer Frau oder einem Mann ausgeführt werden, wenn die entsprechenden Voraussetzungen wie Ausbildung, Erfahrung und Wissen vorhanden sind.»

Dass die Realität diesem Ideal nicht entspricht, verkennt Arioli nicht. Die kantonale Verwaltung habe diesbezüglich in den letzten Jahren Fortschritte gemacht. Als sie noch Gleichstellungsbeauftragte war, habe es beim Kanton kaum Amtschefinnen gegeben. «Man konnte sie an einer Hand abzählen», sagt Arioli. Zwar sei die Parität noch nicht erreicht, aber die Entwicklung sei im Gange: «Zürich ist in diesem Zusammenhang kein Pionier. Andere Kantone haben schon seit längerem Staatsschreiberinnen.» Was Arioli aber trotz Bescheidenheit akzeptieren muss: Als erste Staatsschreiberin des Kantons Zürich ist sie eine Wegbereiterin.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 07.03.2018, 20:08 Uhr

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