Zürich

Bewegung im Zwischengebiet

Martin Zimmermann zeigt am Zürcher Theater-Spektakel «Hallo». Ein Gespräch mit dem Bewegungskünstler über sein erstes Solostück, Clowns und das Glück, unterwegs zu sein.

Geheime Zusammenhänge: Martin Zimmermann lässt uns die Dinge anders sehen. Und berührt uns mit seinem Zauber.

Geheime Zusammenhänge: Martin Zimmermann lässt uns die Dinge anders sehen. Und berührt uns mit seinem Zauber. Bild: Augustin Rebetez

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Treffpunkt ist der Bahnhof Bülach. Dann gehts zum Industriegelände. Dort in einer Halle hat Martin Zimmermann sein Atelier auf Zeit. Wir sind in seiner Versuchsanlage. Überall Maquetten, Modelle. Hier ist sein erstes Solostück «Hallo» entstanden, das, wie alles bei diesem Künstler, ein Work in Progress ist. Der Flügel des Musikers Colin Vallon, der die Musik für «Hallo» komponiert hat, steht noch im Raum.

Eine Zwischenstation für alles das kommt

Im Theater Vidy in Lausanne, einem wichtigen Haus für Zimmermann, hat «Hallo» im November Premiere gefeiert. Dann ist das Stück den Weg in die Welt gegangen: von Le Havre bis Neapel und Luxemburg. Im Théâtre de la Ville in Paris, wo schon alle Grossen des Welttheaters aufgetreten sind, waren in den drei Wochen der Spielzeit alle Vorstellungen ausverkauft. Und der «Figaro» schrieb: «Der schräge Vogel Martin Zimmermann nimmt die Zuschauer in ‹Hallo› mit auf seinen Flug, weg – sehr weit weg von gängigen normalen Theaterabenden.»

Der Flug geht jetzt immer weiter: jetzt am Theater-Spektakel Zürich, dann in Prato, New York, Belfast, Brüssel. Und immer wieder ist dazwischen Bülach. Denn «Hallo» ist eine Zwischenstation für alles, was noch kommt.

Begonnen hat der Weg in Wildberg, Zürcher Oberland. Dort ist Martin Zimmermann, Jahrgang 1970, aufgewachsen. Es folgt die Lehre als Dekorationsgestalter in Zürich und die Ausbildung am Centre National des Arts du Cirque in Frankreich – «ich war immer schon Fan der Zirkuswelt». Denn Zirkus bedeutet: auf der anderen Seite des Alltags zu sein. Und dafür hat Martin Zimmermann auch stundenlang jongliert und gezaubert.

Mit dem Regisseur und Musiker Dimitri de Perrot entstehen dann in Zürich verschiedene Stücke. Und bald stehen auf den Affichen der wichtigsten Theater in der ganzen Welt Stücktitel wie etwa: «Gaff Aff» (2006), «Öper Öpis» (2008), «Hans was Heiri» (2012). Zimmermann & de Perrot haben eine ganz eigensinnige Sprache.

Das Spiel einer Figur mit sich selber

Nun heisst es «Hallo». Zimmermann ist jetzt in diesem Stück für sich allein. Bei ihm ist das Konzept, die Regie, das Bühnenbild, die Choreografie und das Spiel. Er bleibt jedoch zum grossen Teil seinen langjährigen engen Mitarbeitern treu: wie der Dramaturgin Sabine Geistlich, dem Bühnenbildkonstrukteur Ingo Groher, der Regie- und Choreografieassistentin Eugénie Rebetez, der Kostümbildnerin Franziska Born, vielen anderen grossartigen Menschen mehr. Aber es ist allein Zimmermann, der sich dem Raum aussetzt. «Das Alleinsein, das Aushalten des Alleinseins ist eine spannende Sache.»

Im Alleinsein lernt man sich selber besser kennen. Man lernt auch die anderen besser kennen. Wichtig ist, sagt Martin Zimmermann, sich selber bleiben zu können. Und zum ersten Mal wollte er auch sagen, dass die Figur, die er ist, ein Clown ist. Clowns reagieren auf ganz kleine und feine Sachen. Und können auch viel über sich selber lachen. Und noch besser sagt es Martin Zimmermann: «Ein Clown ist eine Silhouette und kein Schauspieler. Er erzählt keine Geschichte, denn seine Silhouette ist die Geschichte.»

Der Rahmen des Stücks ist, wie vieles im Leben, ein instabiles Gebilde. Das Stück selber ist die Folge prekärer Situationen, sagt Martin Zimmermann. Eine Figur versucht sich hier aus den Schieflagen, in die sie sich selber hineingebracht hat, wieder herauszubringen. Es ist ein Spiel einer Figur mit sich selber – das man vielleicht nur spielen kann, wenn man mit der Zeit näher zu sich gekommen ist: «Das Spiel wird im Alter immer spannender. Obwohl der Körper immer weniger mag – aber der Moment des Spiels wird immer intensiver.»

Alles kann in «Hallo» passieren, bis zur Premiere war auch noch vieles offen. Auch jetzt entwickelt sich das Stück von Vorstellung von Vorstellung immer weiter. Natürlich ist da der Grundgedanke, etwas über den Menschen zu erzählen. Die Dramaturgin Sabine Geistlich bringt es auf den Punkt. «Es ist wie eine Linie eines Lebens, wir schneiden hinein, und in diesem Einschnitt zeigen sich ganz verschiedene Facetten des Menschen.»

Das Theater ist ein lebendiges Wesen

Im Theater, das Martin Zimmermann macht, kann aber eine kleine Sache die ganze Dramaturgie verschieben. Seine Geschichten haben keinen Anfang, kein Ende, keinen roten Faden. «Auf einmal nimmst du ein anderes Papier, das zerrissen wird, und schon gibt es einen anderen Ton, und das löst wieder eine andere Reaktion des Publikums aus.»

Dieses Theater ist eben ein lebendiges Wesen, eine lebendige Skulptur. «Hallo» lässt uns die Dinge anders sehen. Und will uns berühren. Das hat mit einem Zauber zu tun. Manchmal werden die Objekte auf der Bühne von magischer Hand bewegt. Und dann sehen Menschen Dinge, die Zimmermann gar nicht so gemacht hat. Zimmermann lässt den Hut in tausend Scherben zerstückeln, und die Menschen meinen, es sei seine Maske. «Da hat sich ein Universum mit einem anderen vereint.» Das sind so geheime Zusammenhänge, die sich vielleicht erst später uns erschliessen.

Am besten sind in solchen Sachen die Kinder. Sie sind noch nicht so festgefahren wie die Erwachsenen. Kinder können ganz sich selber sein – in der eigenen und fremden Welt. Es ist ein Dazwischen, das immer auch der Ort für die Kunst ist. Mit solchen Augen sieht Martin Zimmermann die Menschen und ihr Tun. Und so sagt er ihnen: Hallo.

Erstellt: 04.08.2015, 19:18 Uhr

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