Zürich

«Das war keine zufällige Bombe»

Für Markus Arnold, Dozent für theologische Ethik, kann Homosexualität auf biblischer Basis nicht verurteilt werden. Bischof Vitus Huonders Aussagen seien Unsinn.

«Das Bistum Chur ist tief gespalten»: Die Kluft zwischen Vitus Huonder und den Gläubigen hat sich kürzlich wieder gezeigt.

«Das Bistum Chur ist tief gespalten»: Die Kluft zwischen Vitus Huonder und den Gläubigen hat sich kürzlich wieder gezeigt. Bild: pd

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Was hat der Churer Bischof ­Huonder falsch gemacht?

Markus Arnold: In Fulda sprach Bischof Huonder vor rechtskonservativen Katholiken, die seine Meinung teilen. Es ist möglich, dass er in Fahrt kam und Dinge sagte, die er sonst nicht sagen würde. Er hat wohl nicht an das mediale Echo und das Sommerloch gedacht. Ich habe aber Mühe mit der These, dass er den Schritt im Alleingang gemacht habe. Das Duo Generalvikar Martin Grichting und Mediensprecher Giuseppe Gracia landet regelmässig solche Themen vor einem Ereignis wie der Familiensynode im Herbst. Meiner Einschätzung nach war das keine zufällige Bombe, die aber kräftiger losging als gedacht.

War­um reagierten auch so viele Kirchenvertreter?

Weil die üble Kiste geöffnet wurde mit Themen wie homosexuellen Priestern, Bischöfen und Kardinälen und Missbrauchsfällen in der Kirche. Dadurch haben sie wohl in Rom Ärger bekommen. Hinzu kommt, dass das Bistum Chur tief gespalten ist. 80 Prozent der Katholiken haben Mühe mit Bischof Huonder und denen, die ihn in­strumentalisieren. Diese Kluft ist wieder ins Bewusstsein gekommen. Die anderen Bischöfe mussten vorsichtig auf Distanz gehen.

Haben die Medien über­reagiert?

Sie haben ja nichts erfunden, das nicht da war. Ein Tag nach Bischof Huonders Vortrag wurde in Tel Aviv an einer Schwulendemo ein Mädchen niedergestochen mit Verweis auf dasselbe Bibelzitat. Dieser Umgang mit der Bibel ist sehr gefährlich. Auch bei uns kann man eine solche Reaktion nicht mehr ausschliessen.

Auch im Katechismus steht, Homosexuellen soll mit Mitleid begegnet werden.

Die römische Sexualmoral entstand im 19. Jahrhundert aufgrund eines ideologisierten Naturbegriffs: Es gehört etwa zur Natur des Menschen zu heiraten, und die Sexualität ist nur zur Zeugung erlaubt. 1930 gab es eine Öffnung, da Sex in der Ehe an unfruchtbaren Tagen möglich wurde. Die Enzyklika Humanae Vitae von Papst Paul VI. hat 1968 das Rad wieder zurückgedreht und die Diskussion über die Sexualität vergiftet. In den letzten Jahren hat sich aber etwas getan. Der Nachholbedarf kommt wieder ­offener zum Ausdruck. Der Katechismus von 1992 hat das halbwegs mitgemacht: Zwar bleibt der homosexuelle Akt eine Sünde, aber man soll die Menschen nicht verurteilen. Huonder ist mit seiner Aussage noch vor den Katechismus zurückgegangen. Theologisch gesehen ist das Unsinn. Auf biblischer Basis kann man Homosexualität nicht einfach verurteilen.

Wie stehen die Chancen, dass der Katechismus angepasst wird?

Das ist offen. Im letzten Oktober hat sich eine Mehrheit der Bischöfe gegen die Doktrin gestellt, was wiederverheiratete Geschiedene anbelangt. Bei der Homosexualität ist noch nichts passiert. Es geht in der katholischen Kirche immer etwas länger. Papst Franziskus hat aber die Seelsorge wieder ins Zen­trum gerückt, nicht mehr die Doktrin.

Wie gehen die Gemeinden mit Homosexuellen um?

Was der Pfarrer in Bürglen, der zwei lesbische Frauen gesegnet hat, gemacht hat, passiert häufig. Ich habe selber als Gemeindeleiter in Oberrieden Gottesdienste mit Geschiedenen gefeiert. Das ist keine Trauung, aber analog zu verstehen. Homosexuelle oder Geschiedene, die heiraten wollen, finden immer jemanden, der eine kirchliche Feier durchführt. Der Pfarrer von Bürglen hat blöderweise die Segnung ins Pfarrblatt geschrieben. Weil die Herren in Chur ja nicht viel zu tun haben, studieren sie Pfarrblätter daraufhin, was nicht koscher ist. Vieles passiert, was von oben verboten ist. Man darf es einfach nicht an die grosse Glocke hängen.

Wie soll man als Katholik mit dieser Diskrepanz umgehen?

Es gilt die Regel: Stark in den Prinzipien, mild im Einzelfall. Auf der Kanzel wird gepredigt, Empfängnisverhütung sei verboten. Der Frau im Beichtstuhl wird aber gesagt: wenn es sein muss, lieber nicht so häufig. Im Süden Europas und in der Dritten Welt ist das gang und gäbe. Nur bei uns müssen Gesetze leistbar sein. Wenn in den Gemeinden das Kirchenrecht eins zu eins eingehalten würde, wäre das der Zusammenbruch der Seelsorge. Der Kirche zuliebe muss man sich manchmal über die Kirche hinwegsetzen.

Wird Homosexualität zum ­Thema an der Familiensynode?

Es wird wohl noch kein Haupttraktandum sein. Es wäre aber möglich, dass die Ideologie in ­Bezug auf die Geschiedenen aufgebrochen wird. Das könnte eine Langzeitwirkung haben, dass auch anderes in Bewegung kommt. Aber Vitus Huonder und seine Leute kämpfen erbittert um jeden Satz. Zudem ist die Homophobie der homosexuellen Kirchenmänner das grösste Problem.

Wie geht das zusammen?

Laut Umfragen gibt es unter Pries­tern 10, unter Bischöfen 20 Prozent Homosexuelle. Ich glaube, es sind noch mehr. Vor allem im Vatikan leben viele ein Doppelleben. Sie bekämpfen die Neigung nicht bei sich, sondern bei anderen. Heute hat sich die Gesellschaft gewandelt. Das könnte eine Wirkung haben. Vielleicht werden sich diese Priester der Schizophrenie bewusst und beginnen dar­un­ter zu leiden. ()

Erstellt: 20.08.2015, 22:15 Uhr

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