Zürich

Die SVP als Wahlhelferin wider Willen

Eine Mehrheit der SVP-Wähler ist der Empfehlung ihrer Partei gefolgt, nur den eigenen Kandidaten Hans-Ueli Vogt auf den Wahlzettel zu schreiben. Dadurch haben sie ungewollt Daniel Jositsch (SP) die Wahl ermöglicht.

Regierungspräsident Ernst Stocker (SVP) gehörte zu den ersten Gratulanten von Daniel Jositsch (l.).

Regierungspräsident Ernst Stocker (SVP) gehörte zu den ersten Gratulanten von Daniel Jositsch (l.). Bild: Patrick Gutenberg

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Mit etwas mehr als 5000 Stimmen über dem absoluten Mehr hat Daniel Jositsch (SP) die Wahl in den Ständerat zur Überraschung vieler bereits im ersten Wahlgang am vergangenen Sonntag geschafft. Nicht einmal er selber habe damit gerechnet, sagte Jositsch, nachdem das Resultat feststand. Nun zeigt sich, dass der Sozialdemokrat dabei auch eine kleine Hilfestellung von unerwarteter Seite erhalten hat – nämlich von der SVP.

Auffällig am Wahlresultat ist die stattliche Zahl an Leerstimmen, die im offiziellen Wahlprotokoll ausgewiesen wird. Auf etwas mehr als 400 000 gültigen Wahlzetteln befanden sich über 92 000 leere Stimmen. Auf knapp einem Viertel der Wahlzettel stand also nur ein Name. Das ist relevant, weil bei den Ständeratswahlen im Kanton Zürich die Leerstimmen zur Ermittlung des absoluten Mehrs nicht berücksichtigt werden.

«Schreiben sie Hans-Ueli Vogt auf die erste Linie, und machen sie einen Strich auf der zweiten Linie», riet SVP-Parteipräsident Alfred Heer den Parteianhängern bereits an der Delegiertenversammlung Ende April. Nachdem die Partei offiziell entschieden hat, keinen anderen Kandidaten als den eigenen zu unterstützen, wurde auch die «Wahlanleitung» für die Parteianhänger entsprechend gestaltet.

Die SVP-Wähler folgten dieser Empfehlung offenbar sehr konsequent. Dies zeigen die Resultate einer Wahlstudie, welche die Forschungsstelle Sotomo des Politikwissenschaftlers Michael Hermann im Auftrag von Tamedia erstellt hat. Rund 9000 Personen haben sich an der im Internet durchgeführten Umfrage beteiligt. Die Auswertung zeigt unter anderem, von welcher Parteiwählerschaft die Ständeratskandidaten Stimmen erhalten haben (siehe Artikel unten).

SVP-Anhänger wählten stramm gemäss Empfehlung Aus den Zahlen lässt sich auch herauslesen, wie viele Namen die Anhänger der verschiedenen Parteien im Durchschnitt auf den Ständeratswahlzettel geschrieben haben. Bei den meisten Parteien haben etwa 70 bis 80 Prozent der Umfrageteilnehmer angegeben, zwei Kandidaten gewählt zu haben. Nur bei der SVP haben dies weniger als 40 Prozent getan. Das hat zu Zehntausenden zusätzlichen Leerstimmen geführt, die wiederum die Hürde des absoluten Mehrs gesenkt haben. Und zwar so weit, dass Daniel Jositsch dieses als Einziger erreicht hat. «Es war natürlich nicht unser Ziel, dass Daniel Jositsch im ersten Wahlgang gewählt wird, auch wenn man damit rechnen musste», sagt SVP-Parteipräsident Alfred Heer auf Anfrage. Trotzdem habe man darauf verzichtet, den Wählern zu empfehlen, einen beliebigen zweiten Kandidaten zu wählen, um die Hürde des absoluten Mehrs zu heben. «Das hätte nur Verwirrung gestiftet», sagt Heer.

Durch die ungewollte Hilfestellung für Jositsch hat sich die Situtation der SVP für den zweiten Wahlgang aber nicht verschlechtert. «Für uns ist die Wahl Jositschs kein Unglück. Unsere Ausgangslage für den zweiten Wahlgang verbessert sich dadurch eher», sagt Heer.

Noser hat mehr Stimmen zu verlieren als Vogt

Im zweiten Wahlgang kann im Gegensatz zum ersten nur noch ein Kandidat gewählt werden. Die Wähler müssen sich also entscheiden. Wie die Wahlstudie von Sotomo zeigt, dürfte von dieser neuen Ausgangslage eher Vogt als Noser profitieren. Noser erhielt am Sonntag schätzungsweise 40 000 Stimmen von SVP-Anhängern. Vogt hingegen hat nur rund 15 000 Stimmen von von FDP-Wählern erhalten. Zieht man diese Stimmen vom Resultat des ersten Wahlgangs ab, bleiben beiden Kandidaten noch je rund 110 000 Stimmen.

Gegen ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden bürgerlichen Kandidaten spricht allerdings die Erwartung, dass die Wählerschaft der Mitteparteien ihre Stimme eher Noser als Vogt geben dürften.

Lachender Dritter im Kampf der beiden bürgerlichen Kandidaten könnte theoretisch der Grüne Bastien Girod werden. Gemäss den Zahlen der Wahlstudie hat er nicht viele Stimmen von Wählern bürgerlicher Parteien zu verlieren. Das Defizit von rund 30 000 Stimmen gegenüber den beiden bürgerlichen Kandidaten scheint aber zu gross, als dass seine Wahl zu erwarten wäre.

Trotzdem wäre es verfrüht, den Freisinnigen Ruedi Noser jetzt schon als wahrscheinlichen Gewinner der Stichwahl vom 22. November zu handeln. Wie der Coup von Jositsch im ersten Wahlgang zeigt, ist gerade bei Ständeratswahlen durchaus mit Überraschungen zu rechnen. (Landbote)

Erstellt: 21.10.2015, 21:39 Uhr

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