Zürich

Es könnte eng werden fürs Dadahaus

Der Zürcher Stadtrat will dem Geburtshaus des Dadaismus nach dem Jubiläumsjahr mehr Geld geben. Doch im Gemeinderat bahnt sich breiter Widerstand an.

Mit dem geplanten Betriebskredit will Adrian Notz das Cabaret Voltaire zur Heimat für einen dadaistisch inspirierten Kunstbetrieb machen.

Mit dem geplanten Betriebskredit will Adrian Notz das Cabaret Voltaire zur Heimat für einen dadaistisch inspirierten Kunstbetrieb machen. Bild: Sandra Ardizzone

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So da war Dada noch nie: 100 Jahre nach der Geburt des Dadaismus im Cabaret Voltaire überbieten sich die Zürcher Kulturhäuser in den kommenden Wochen und Monaten mit Jubiläumsveranstaltungen.

Finanziell auf wackligen Beinen

Auch das Cabaret Voltaire, in dem am 5. Februar 1916 die erste dadaistische Soiree stattfand, beteiligt sich daran. Selbstverständlich ist das nicht, denn noch zu Beginn der 2000er-Jahre sollte die einstige Künstlerkneipe der Dadaisten in der Zürcher Altstadt zu einer Apotheke werden. Künstlerisch veranlagte Hausbesetzer kamen dem zuvor, und wenig später wurde das Cabaret Voltaire 2004 neu eröffnet. Seither hat Zürich zwar eine Art Gedenkstätte für die einzige weltweite Kunstbewegung, die von der Limmatstadt ausging. Doch finanziell stand sie immer auf wackeligen Beinen. Das soll sich nächstes Jahr ändern.

Der Zürcher Stadtrat plant, ab 2017 neben den Mietkosten von jährlich 313 000 Franken neu auch einen jährlichen Betriebsbeitrag von 150 000 Franken zu gewähren. Cabaret-Voltaire-Direktor Adrian Notz will das Haus damit längerfristig zur Heimat für einen dadaistisch inspirierten zeitgenössischen Kunstbetrieb machen. Nach den Sommerferien will der Stadtrat beim Gemeinderat den vorerst auf vier Jahre befristeten Kredit beantragen, wie von Präsidialdepartementssprecher Nat Bächtold zu erfahren ist. Im Stadtparlament, wo sich Ratslinke und -rechte in einer Pattsi­tua­tion gegenüberstehen, zeichnet sich eine kontroverse Debatte ab – mit ungewissem Ausgang.

Stetig mehr für die Kultur

Die SVP will nicht noch mehr Gelder aus der Stadtkasse in die Kulturförderung fliessen lassen. «Die Kulturausgaben liegen mittlerweile bei über 100 Millionen Franken pro Jahr und steigen jährlich an», sagt SVP-Fraktionschef Martin Götzl. «Gleichzeitig weisen die Kulturin­sti­tu­tio­nen zumeist einen tiefen Eigenfinanzierungsgrad auf.» Die SVP werde daher den Kreditantrag fürs Cabaret Voltaire «sehr kritisch» unter die Lupe nehmen.

Ähnlich klingts bei FDP und CVP: «Wenn sich kein genügender Effort für eine private Finanzierung abzeichnet, werden wir keine zusätzlichen Mittel fürs Cabaret Voltaire bewilligen», sagt Severin Pflüger, kulturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Er fügt an: «Über eine Defizitgarantie kann man reden, aber die finanzielle Grundausstattung darf nicht vom Staat kommen.»

CVP-Fraktionschefin Karin Weyermann erinnert daran, dass die CVP sich kürzlich schon in der Debatte übers städtische Kulturleitbild für eine Plafonierung der Kulturausgaben einsetzte – ohne Erfolg. Einer staatlichen Finanzierung des Cabarets Voltaire über das Jubiläumsjahr hinaus stehe auch sie daher «sehr kritisch» gegenüber.

GLP Zünglein an der Waage?

Bei der GLP dürften die Meinungen über den geplanten Kreditantrag auseinandergehen, sagt die grünliberale Fraktionschefin Isabel Garcia. Zwar finde die GLP, die Stadt Zürich gebe zu viel für die drei grossen Kulturhäuser Schauspielhaus, Kunsthaus und Tonhalle aus. «Das würde fürs Cabaret Voltaire sprechen», so Garcia. «Aber die finanzpolitischen Aussichten der Stadt sind nicht gut. Da sind wir auf der sparsamen Seite.»

Anders sieht es bei der Ratslinken aus: «Die SP hat das Cabaret Voltaire immer unterstützt. Es ist wichtig, dass die Stadt dieses kulturelle Erbe pflegt», sagt SP-Fraktionschef Davy Graf. Dada habe in Zürich Tradition. «Das Provozierende und Aufrüttelnde des Dadaismus muss man weiterentwickeln», so Graf. Die SP, klar grösste Fraktion im Stadtparlament, werde den Kreditantrag daher «wohlwollend prüfen».

Wohlwollend gehen auch die Grünen das Thema an, wie Fraktionschefin Karin Rykart sagt. Sie betont: «Das Cabaret Voltaire ist eine wichtige Institution. Es ist zwar umstritten, aber gerade das Kontroverse macht seine Bedeutung aus.» Zudem handle es sich um ein Kulturangebot mit Ausstrahlung über Zürich hinaus, auch touristisch. Seitens der Grünen sei kaum mit Opposition zu rechnen. Auch die AL kündigt eine wohlwollende Prüfung der Kreditvorlage an.

Doch es könnte eng werden fürs Dadahaus. Machen die Sparparteien ernst, muss die Ratslinke auf Linksabweichler aus der GLP hoffen, um den vom Stadtrat geplanten Betriebskredit ins Trockene zu bringen.

Erstellt: 28.01.2016, 15:47 Uhr

Dada-Jubiläumsjahr

Mit der Eröffnung des Cabarets Voltaire an der Spiegelgasse 1 im Zürcher Niederdorf formierte sich am 5. Februar 1916 eine Kunstbewegung, die über die ganze Welt verstreut Anhänger fand: Der Dadaismus war geboren. Rückblickend schrieb der Zürcher Stadtrat dazu 2012 im Hinblick auf die Jubiläumsaktivitäten: «Die Dada-Bewegung ist international gesehen wohl das bedeutendste Kulturerbe Zürichs seit der Reformation.»

Das 100-Jahr-Jubiläum wird von den Zürcher Kulturin­sti­tu­tio­nen über das ganze Jahr hinweg gebührend gewürdigt. Speziell begangen wird der Auftakt am 5. Februar.

Das Landesmuseum eröffnet um 18 Uhr seine Ausstellung «Dada Universal», eine Stunde später zieht das Kunsthaus mit «Dadaglobe Reconstructed» nach. Im Cabaret Voltaire folgt sodann um 20.30 Uhr die Vernissage der Ausstellung «Obsession Dada», wie der Verein Dada 100 Zürich 2016 gestern mitteilte.

Bereits frühmorgens um 6.30 Uhr findet im Cabaret Voltaire das erste von 165 Dada-Offizien statt, die im Jubiläumsjahr geplant sind. Ebenfalls am 5. Februar geht die Web-Dokumentation Dada-Data.net online.

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