Zürich

Im Notfall für Betroffene da sein

Roger Müller leitet die Notfallseelsorge Kanton Zürich und ist Seelsorger für die Rettungskräfte von Schutz & Rettung Zürich. Der Pfarrer hilft Betroffenen von einer Notfallsituation, ihre Sprache wieder zu finden.

Am meisten nimmt es Notfallseelsorger Roger Müller mit, wenn ein Kind ums Leben kommt.

Am meisten nimmt es Notfallseelsorger Roger Müller mit, wenn ein Kind ums Leben kommt. Bild: Johanna Bossart

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«Was ist passiert?», fragt Roger Müller, wenn er mit Menschen spricht, die eine aussergewöhnliche Situation erlebt haben – häufig einen Todesfall: ein Unfall auf einer Baustelle, ein Suizid in einer Firma oder wenn ein Kind aus ­ungeklärten Gründen ums Leben gekommen ist. Die einen weinen, die anderen reagieren apathisch. «Diese Reaktionen auf eine aus­sergewöhnliche Situation sind normal, nur ungewohnt», sagt Roger Müller, Gesamtleiter der Notfallseelsorge Kanton Zürich. Vielen Betroffenen hat es die Sprache verschlagen. «Sie sind in ihrer eigenen Welt und realisieren nicht, was geschehen ist.»Weg vom Anblick der Leiche, an einem sicheren Ort, versucht der Notfallseelsorger, sie zurück in die Realität zu holen: «Wann haben Sie das letzte Mal etwas ­getrunken?» oder eben «Was ist passiert?». Nachdem ein Gespräch zustande gekommen ist, muss er manchmal nur noch ­zuhören, schweigen, aushalten. «Wir machen keine Versprechen, sagen nie, es wird schon gut, oder lassen uns auf Warum-Fragen ein. Wir geben die Frage zurück: Ich merke, diese Frage beschäftigt Sie.»

Roger Müller ist seit 15 Jahren als Notfallseelsorger tätig, zuerst in der Region Winterthur, wo er 14 Jahre lang als reformierter Pfarrer in Schlatt arbeitete. Im März 2013 hat er die Gesamtleitung der Notfallseelsorge übernommen, die seit 2005 kantonal organisiert ist und von den Landeskirchen getragen wird. Im April 2015 hat er seine Arbeit als Gemeindepfarrer aufgegeben und wurde neben der Notfallseelsorge auch Seelsorger bei Schutz & Rettung Zürich (siehe Kasten).

Immer mehr Rituale

«Am meisten nimmt es mich mit, wenn ein Kind ums Leben kommt», sagt der 49-Jährige aus Hofstetten. «Die Trauer, die Sprachlosigkeit der Eltern, die das nicht wahrhaben wollen.» Für Angehörige da zu sein heisst auch, mit ihnen zu besprechen, wie es weitergeht: Es kommen viele Fragen der Polizei, der Staatsanwaltschaft, des Bezirksarztes. Plötzlich stehen 15 Personen in einer kleinen Wohnung. Der Notfallseelsorger wird zum Vermittler. «Früher hat der Bestatter das Kind eingesargt und ist gegangen», sagt Müller. Heute könne man den Eltern die Möglichkeit geben, Abschied zu nehmen.

In der ersten Phase komme er als Mensch, nicht als Pfarrer zu den Betroffenen, sagt Müller. Später komme dann der religiöse Hintergrund der 85 Notfallseelsorger, die kantonal tätig sind, zum Tragen. Man merke schnell, ob die Betroffenen über religiöse Ressourcen verfügen oder nicht. Religion und Konfession spiele dabei kaum eine Rolle. «Ich habe auch schon mit einer hinduistischen Familie am Sarg gebetet oder mit einer Muslima, einer Buddhistin und einer Christin eine Kerze angezündet.» Rituale werden immer öfter gewünscht. «Sie können helfen, den Weg vom Aussergewöhnlichen wieder ins Leben zu finden», sagt Müller. Ein Bauarbeiter, dessen Kollege verunglückte, wollte aber lieber einen Schnaps auf dessen Wohl trinken. Der Notfallseelsorger hat mitgetrunken.

Die Anzahl Einsätze der Notfallseelsorge steigt stetig. 2015 waren es 195 Einsätze im Kanton, dieses Jahr werden es weit über 200 sein. Dies liege daran, sagt Müller, dass ein Care-Team vor Ort unterdessen Standard sei. Die Einsatzkräfte realisierten, dass das eine Entlastung ist. Zudem sei der Tod – vor allem Suizid – zu einem Tabu geworden. Nachbarn und Freunde wissen nicht mehr wie reagieren und halten sich fern. Stattdessen kommt der Notfallseelsorger.

Sollte es im Kanton Zürich zu einem Terroranschlag kommen, wäre laut Müller genügend Manpower vorhanden, mit den Care-Teams der Kantonspolizei, des Flughafens, der SBB und privaten Anbietern. «Alle verfügbaren Teams würden eingesetzt und von der Kantonspolizei koordiniert.» Das sei aber der Knackpunkt. Die Idee einer kantonalen Kernorganisation für Grossereignisse sei am Regierungsrat gescheitert, sagt Müller «Daher ­wäre die Koordination der Teams wohl schwierig. Wir haben das nie geübt.»

Schwieriges Dreiecksgespräch

In den meisten Fällen sind die Notfallseelsorger willkommen, denn die Einsatzleiter, die die Notfallseelsorger anfordern, haben bei den Betroffenen das Einverständnis eingeholt. Manchmal stehen aber Sprachbarrieren im Weg. «Als ein Asylbewerber ertrunken ist, waren wir froh um den Dolmetscher, der Farsi sprach», sagt Müller. Dreiecks­gespräche seien aber schwierig. Meist helfe, wenn eine vertraute Person, die dieselbe Sprache spricht, vorbeikommen könne.

Durchschnittlich sind die Notfallseelsorger drei Stunden vor Ort. Es ist aber möglich, dass sich die Betroffenen bereits nach einer Stunde gefestigt haben und Familienangehörige gekommen sind. «Dann werden wir zum Störfaktor und können guten Gewissens gehen.» Wer alleine ist und mehr Unterstützung braucht, wird an zuständige Stellen vermittelt.

Wie es den Betroffenen ergangen ist oder wie die Ermittlungen ausgehen, wissen die Notfallseelsorger nicht. «Wir machen Akut­intervention und gleisen spätere Hilfe auf», sagt Müller. «Was danach passiert, erfahren wir meist nicht mehr.» (Der Landbote)

Erstellt: 16.08.2016, 20:50 Uhr

Seelsorger für Rettungskräfte bei Schutz & Rettung Zürich

«Todesfälle im Team sind eine grosse Herausforderung»

Roger Müller ist zu 50 Prozent in der Polizeiseelsorge tätig. Seine Kollegin Kerstin Willems kümmert sich um die Kantons- und die Stadtpolizei Zürich, Müller ist für die Rettungskräfte bei Schutz & Rettung Zürich zuständig. Sie unterrichten an der Polizeischule respektive an der Höheren Fachschule für Rettungsberufe Ethik und Stressmanagement.
Müller begleitet den Rettungsdienst und die Feuerwehr bei Einsätzen, geht auf der Einsatzzentrale vorbei und steht für Gespräche zur Verfügung, nicht nur nach Einsätzen, sondern auch bei privaten und beruflichen Problemen. Da er nicht bei Schutz & Rettung, sondern den Landeskirchen angestellt ist, hat er kein Büro vor Ort, und die Gespräche gelangen nicht in die Akten. Neben drei Gottesdiensten im Jahr gestaltet er für seine «Gemeinde» auch Hochzeiten und Taufen. Herausfordernd sind Todesfälle im Team. «Die Rettungskräfte sind wie eine ­Familie, sie arbeiten eng zusammen und kennen sich gut», sagt Müller. Vergangenes Jahr hat er die Abdankungsfeier eines Feuerwehrmannes gestaltet und neben dem Team auch die Familie betreut, da die lokale Pfarrperson in den Ferien war.

Vor Roger Müller hatten zwei Personen die Stelle des Gesamtleiters Notfallseelsorge und diejenige bei Schutz & Rettung inne. Die Kombination bringe Vorteile, sagt Müller. Er kennt die Leute und die Abläufe, erhält Rückmeldungen des Rettungsdienstes und ist auch schon als ­Notfallseelsorger zum Einsatz ­gekommen, während er die ­Rettungskräfte begleitete.

Müller fasziniert die Arbeit der Rettungskräfte, was sie für andere leisten und sich dabei grosser Belastung aussetzen. Er hilft ­ihnen, Bilder, Geräusche und Eindrücke zu verarbeiten. Er selber schaltet beim Lesen, Kochen und Musikhören ab. «Mir selber etwas Gutes tun hilft, Distanz zu gewinnen.» kme

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