Zürich

Seco reicht Strafanzeige gegen Energydrink-Firma ein

Vemma verkauft Energy-Drinks und wirbt ­Mitarbeitende an Partys an. Das Staatssekretariat für ­Wirtschaft vermutet ein unerlaubtes Schneeballsystem und hat Strafanzeige eingereicht. Direktvertrieb an Partys liegt aber im Trend.

Wird lediglich über das US-Unternehmen Vemma vertrieben: Das Getränk Verve.

Wird lediglich über das US-Unternehmen Vemma vertrieben: Das Getränk Verve. Bild: pd

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Der Drink «Verve» in oranger Dose enthält zwölf Vitamine und weitere Muntermacher wie Taurin, Koffein und Guarana. Zu kaufen gibt es ihn nur direkt beim US-Unternehmen Vemma, welches das Getränk über eigene Mitarbeiter an Kunden absetzt. An Partys in gemieteten Lokalen mit Rednern wirbt Vemma für ein perfekteres Leben.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vermutet unlautere Geschäftsmethoden und hat sich an die Staatsanwaltschaft Winterthur gewandt. «Wir haben Ende Oktober 2014 einen Strafantrag gegen die Firma Vemma eingereicht, weil nach unserer Einschätzung ein unlauteres Schneeballsystem vorliegt», erklärt Kommunikationschefin Antje Bärtschi.

Nachsehen haben die Letzten

In Österreich geht die Arbeiterkammer gegen das Unternehmen aus Arizona vor. «Die Arbeiterkammer hat eine Sachverhaltsdarstellung an die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft übermittelt. Nach unserer Beurteilung ist Vemma ein Pyramidensystem», sagt Konsumentenberater Paul Rusching.

Schneeball- und Pyramidensysteme sind Geschäftsmodelle, für deren Gelingen das Anwerben neuer Mitarbeiter, die dabei Zahlungen leisten, wichtiger ist als der Verkauf des Produkts. Das Nachsehen bei Schneeball- und Pyramidensystemen haben die Letzten in der Kette. Investor Bernard Madoff wurde wegen Milliardenbetrugs mit diesem auch als Ponzi-Schema bekannten System 2009 in den USA zu 150 Jahren Haft verurteilt. Hans Hinderling, Geschäftsführer beim Schweizerischen Verband der Direktverkaufsfirmen, dem 28 Unternehmen angehören, macht deutlich: «Schneeballsysteme akzeptieren wir nicht. Wir wollen negative Schlagzeilen vermeiden.» Vemma ist nicht Mitglied.

Von Legitimität überzeugt

In Österreich warnt die Arbeiterkammer Jugendliche und warf Vemma vor, Minderjährige anzuwerben. In Italien wurde Vemma gebüsst. Eine Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Winterthur oder eine Informationsweitergabe ans Seco besteht laut Rusching nicht.

Die Vemma Schweiz GmbH mit Sitz in Opfikon erklärt über Sprecher Patrick Milo zur Strafanzeige: «Vemma wurde entsprechend informiert und respektiert die Gesetzgebung in jedem Land.» So habe Vemma den österreichischen wie auch den Schweizer Behörden volle Kooperations- und Dialogbereitschaft signalisiert. Vemma sei jedoch überzeugt, dass das Geschäftsmodell wie in anderen europäischen Ländern legitim sei und dass die Behörden nach Anhörung davon überzeugt werden könnten.

Geburtsdaten würden streng geprüft, Provisionen ausschliesslich auf Verkäufe und nicht auf neu angeworbene Kunden oder Vertriebspartner getätigt. Zur Bestimmung der Höhe einer Provision erfasse ein Punktesystem wöchentlich die eigenen Verkäufe sowie die Verkäufe der Teams, anhand dessen Vemma Provisionen und Boni bezahle.

«Kein positiver Effekt»

Für Jürg Hösli, Ernährungsberater bei Sporthomedicum, ist auch die Wirkung des Drinks nicht gegeben: «Ein gesundheitlich positiver Effekt ist bei adäquater Ernährung nicht zu erwarten.» Er warnt vor möglichen Schäden bei zu hoher Dosis der Inhaltsstoffe, bei Vitamin D an den Nieren, bei Betacarotin bei Rauchern.

Laut Vemma-Sprecher Patrick Milo wurde «Verve» von Vemma selbst entwickelt. Alle Vertriebspartner würden über die Produkte und ihre Wirkungsweisen ins­truiert.

Die Vemma Nutrition Company mit einem Umsatz in Europa von umgerechnet 43 Millionen Franken und weltweit von 196 Millionen Franken zählt zur Wachstumsbranche Direktvertrieb mit Verkauf durch Vertreter und auf Partys, auch zu Hause bei Vertriebspartnern oder Kunden. Das Businessmodell funktioniert über persönliche Netzwerke.

Starkes Wachstum

Die Branche wächst stärker als der Einzelhandel insgesamt. Direktvertriebsfirmen in der Schweiz erzielten 2014 nach Angaben der World Federation of Direct Selling Associations (WFDSA) einen Umsatz von 306 Millionen Franken. Das entspricht einem Zuwachs von 0,9 Prozent ge­gen­über dem Vorjahr. So hoch war die Zunahme des ­gesamten Detailhandels in der Schweiz nach Angaben des Marktforschungsinstituts GfK, den stark wachsenden Onlinehandel mit einberechnet. Kosmetik- und Wellnessprodukte führen die europäische und die weltweite Liste an.

«Direktvertrieb ist ein Gegentrend zum anonymen Shoppen und differenziert sich als Erlebnis bei ähnlicher werdenden und standardisierteren Produkten», sagt Carsten Rennhak, Professor für Marketing an der Universität der Bundeswehr, München. Er publizierte 2014 eine Studie zu den Erfolgsfaktoren im Direktvertrieb. «Es gibt einen starken Trend zu Verkaufspartys in externen Lokationen.» Einige Direktvertriebsunternehmen wie Just verkaufen ihre Produkte auch im eigenen Onlineshop. Das erklärte Geschäftsmodell bleibt dabei, sie zuerst im persönlichen Kontakt zu bewerben. (Der Landbote)

Erstellt: 12.08.2015, 22:52 Uhr

Direktvertrieb

Der Kunde als Verkäufer

Bei einigen Direktvertriebsunternehmen wie Vemma sind die Einstiegshürden niedrig. Interessenten können Produkte bestellen und mit der Arbeit beginnen. Als Anreiz wirbt Vemma auf der Homepage mit Fotos von teuren Autos. «Die Ausstiegsrate beträgt bei seriösen Unternehmen in den ersten Monaten 20 Prozent. Bei unseriösen ist der Abbruchfaktor zwei- bis dreimal höher», sagt Carsten Rennhak, Experte für Direktvertrieb.

«Mitarbeitende steigen bei unseriösen Unternehmen oft aus einer verzweifelten Lebenssi­tua­tion ein. Diese Unternehmen üben eher Druck auf Mitarbeitende aus.» Unseriöse Praktiken mit mangelhaften Produkten und hohen Erwartungen an Mitarbeitende fänden sich bei jedem dritten Unternehmen. mst

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