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Steter Kampf gegen die Schwerkraft

In Affoltern am Albis steht das schweizweit einzige Zentrum für Neurorehabilitation von Kindern.

Basteln und Werken gehören zur Therapie im Rehabilitationszentrum des Kinderspitals Zürich.
Basteln und Werken gehören zur Therapie im Rehabilitationszentrum des Kinderspitals Zürich.
Marc Dahinden
In Affoltern am Albis steht das schweizweit einzige Zentrum für Neurorehabilitation von Kindern.
In Affoltern am Albis steht das schweizweit einzige Zentrum für Neurorehabilitation von Kindern.
Marc Dahinden
Die Mäxi-Stiftung hat den Neubau vollständig finanziert. Diese wurde zu Ehren des verstorbenen Katers der Stifterin gegründet.
Die Mäxi-Stiftung hat den Neubau vollständig finanziert. Diese wurde zu Ehren des verstorbenen Katers der Stifterin gegründet.
Marc Dahinden
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Fabian* düst mit seinem Rollstuhl eine Rampe hinunter. Ein Bein ist hochgelagert. In der Hand hält er einen Apfelschnitz und lacht die Besucher an. Fabian wurde von einem Lastwagen überfahren. Im Rehabilitationszentrum Affoltern am Albis (RZA) des Kinderspitals Zürich lernt er Bewegungsabläufe neu, repetiert Übungen und überwindet die Angst vor dem Busfahren, die ihn seit dem Unfall plagt.

Physiotherapie, Ergotherapie, Robotertherapie, Sporttherapie, Wassertherapie, Neuropsychologie, Logopädie. 4000 Therapietermine werden im RZA pro Woche vergeben. Jede Therapeutin und jeder Therapeut arbeitet jeweils 45 Minuten mit einem Kind. «Rehabilitation ist ein steter Kampf gegen die Schwerkraft», sagt Andreas Meyer-Heim, Chefarzt des RZA. Die Kinder sollen sich so schnell wie möglich wieder bewegen, damit ihr Körper nicht im geschwächten Zustand verharrt.

Computerspiele mit Robotern

Für Kinder sei es jedoch unverständlich, weshalb sie 50 Mal einen Ball drücken sollten, sagt Meyer. Daher müssen die Übungen Sinn ergeben und werden mit Alltäglichem verbunden. In der Ergotherapie-Küche schneiden die Kinder etwa Gemüse. In der Werkstatt bastelt ein Bub an einem Schachbrett und ein Mädchen lernt wieder Knöpfe zu öffnen und zu schliessen.

Sind sie selber noch nicht in der Lage, die Bewegungen richtig auszuführen, bekommen die Kinder Unterstützung von Robotern. Der Roboterarm «ChARMin» etwa wurde mit der ETH entwickelt und steht im Forschungsflügel des Reha-Zentrums. Dort arbeiten ETH-Mitarbeiter direkt mit den Patienten und Therapeuten zusammen. Damit auch hier die Repetition nicht langweilig wird, spielen die Kinder mit Roboterunterstützung Computerspiele.

"Hunde motivieren die Kinder zur Therapie."

Andreas Meyer-Heim, Chefarzt des Rehabilitationszentrums

Nie langweilig wird es mit den beiden Therapie-Hunden, die mit ihrer Besitzerin gerade um die Ecke kommen. Dass die Labradorhunde Streicheleinheiten brauchen, versteht sich von selbst. «Wir glauben nicht grundsätzlich an die therapeutischen Fähigkeiten der Hunde», sagt Meyer, aber sie motivierten die Kinder zur Therapie. Dasselbe gelte für die drei Ponys, die draussen im Stall stehen und fleissig gestriegelt werden – wieder eine repetitive Bewegung. Das heilpädagogische Reiten hilft den Kindern dabei, Beziehungen aufzubauen.

Neue Eltern-Kind-Zimmer

Die Besitzerin der Therapiehunde kommt unentgeltlich ins RZA und auch die Pferde hat das Zentrum Spenden zu verdanken. Eine Stiftung hat auch den neusten Ausbau finanziert, der dem RZA mehr Platz verschafft (siehe Kasten rechts). Am Wochenende werden die Physiotherapie und der Gymnastikraum in den Neubau ziehen. An deren Stelle entstehen im Altbau fünf neue Eltern-Kind-Zimmer.

20 Prozent der Eltern leben bei ihren Kindern, während sie in Affoltern sind. Dafür steht ein Elternhaus zur Verfügung. Viele schlafen aber auch im Klappbett direkt bei ihren Kindern. In den Eltern-Kind-Zimmern werden die Eltern mehr Privatsphäre und ein eigenes Bad haben.

Derzeit sind 42 Kinder im RZA. Sie sind 0 bis 18 Jahre alt. Direkt nach der Intensivstation im Kinderspital Zürich – oder anderen Spitälern der Schweiz – kommen die Kinder zuerst in den Flügel für Schwerverletzte. Auf den Türen der Zimmer stehen ihre Namen. Leas* Matratze liegt am Boden. Es besteht die Gefahr, dass das Mädchen sonst aus dem Bett fallen würde. Sie hat ihre eigenen Stofftiere, Musik und Kissen mitgebracht, die das Zimmer so wohnlich wie möglich machen.

Spielen, streiten, flirten

Sind die Kinder stabiler, leben sie mit Altersgenossen in Wohngruppen. Dort wird nach 16 Uhr, wenn keine Therapien mehr stattfinden, gespielt, gegessen, aber auch gestritten und geflirtet.

Viele Kinder im RZA haben ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Manche leben auch von Geburt an mit Beeinträchtigungen und kommen nach einer Operation in die Rehabilitation. Was wie therapiert werde, sei so individuell wie jedes Kind, sagt Andreas Meyer. In wöchentlichen Sitzungen werden die Therapiepläne und -ziele zusammengestellt. Dabei werden auch die Wünsche und Erwartungen der Kinder und Eltern einbezogen.

"Viele Eltern erwarten, dass ihr Kind wieder gleich sein wird, wie vor einem Unfall. Das ist oft nicht realistisch."

Andreas Meyer-Heim, Chefarzt des Rehabilitationszentrums

Allerdings sei zu unterscheiden zwischen Erwartungen und Zielen, sagt Meyer. «Viele Eltern erwarten, dass ihr Kind wieder gleich sein wird, wie vor einem Unfall.» Das sei oft nicht realistisch. Zu verstehen, dass ein Kind von nun an einen Rollstuhl braucht, falle den Eltern oft schwerer als den Kindern selber. Daher kümmern sich die hauseigenen Psychologen um die ganze Familie.

Durchschnittlich bleiben die Patienten 45 Tage im RZA, manche bis zu einem Jahr. Deshalb gehört auch eine Schule zum Zentrum. 20 der 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Lehrpersonen. Sie unterrichten Klassen mit einem bis fünf Schülern, deren Zusammensetzung fast täglich wechselt, je nach Therapiekombinationen und Ein- und Austritten.

Erreichen die Kinder die gesteckten Ziele, und ist geklärt, wie sie im Alltag wieder zurecht kommen können, werden sie entlassen. Bevor sie gehen, dürfen sie im obersten Stock des Reha-Zentrums an einem Seil ziehen, an dem ein weisser Stoffaffe befestigt ist – und im Türmchen auf dem Dach beginnt eine Glocke zu läuten.

*Namen geändert

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