Zürich

Theater im Andachtsraum, Gebete im Café

«Urban Prayers Zürich»: Das Theater Neumarkt bespielt mit seinem Stadtprojekt religiöse Räume. Am Anfang schauen wir Richtung Mekka.

In der Moschee: Theater geht auch in Socken.

In der Moschee: Theater geht auch in Socken. Bild: Maurie Korbel

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Um 18 Uhr 11 geht der Gebetswecker los. Eigentlich wäre es jetzt Zeit für das vom Koran vorgeschriebene Abendgebet: Kommt her zum Gebet, kommt her zum Heil. Ein Mann aber zieht der Uhr den Stecker raus, der digitale Gebets-Aufruf erlischt, und weiter geht es im Forum des Orients mit dem Theater. «Was glaubt Ihr denn, wer wir sind, was wir glauben?» skandiert der Chor. Die Frage hat sich das Theater Neumarkt gestellt. Das Projekt «Urban Prayers Zürich» von Björn Bicker und Malte Jelden bringt zur Sprache, was die Menschen heute zu ihrem Glauben sagen. In diesem Stück Alltagsrecherche zum religiösen Leben einer Stadt sind ganz unterschiedliche Stimmen zu hören.

Das Projekt «Urban Prayers Zürich» bringt zur Sprache, was die Menschen heute zu ihrem Glauben sagen.

Ein «Chor der gläubigen Bürger» – Mitglieder verschiedener religiösen Gemeinschaften - tritt hier auf, verstärkt durch Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem Neumarkt-Ensemble. Der Clou: Die Bühne dieses Theaters ist ein Andachtsraum. Denn bespielt werden im März in Zürich sieben religiöse Zentren, vom Shiva-Tempel über die Israelitische Cultusgemeinde bis zur Citykirche Offener St. Jakob. Den Anfang dieses Stationenwegs machte am Samstag das Zentrum des Vereins «Forum des Orients» an der Hafnerstrasse 41 in 8005 Zürich.

«Forum des Orients» tönt nach Arabesken. Die Zürcher Realität in Sachen Islam sieht so aus: Der Weg zum Gebetstraum führt durch den unschmucken Hinterhof. Am Eingang heisst es: «Bitte die Schuhe ausziehen», aber Theater geht ja auch in Socken. Kurz die Einführung zum Ort durch ein Vorstandsmitglied des Vereins: wir sind in einer improvisierten Moschee, fünf Mal am Tag wird hier gebetet, bis 600 Menschen kommen zum Freitagsgebet. Für uns lautet die Gebrauchsanleitung heute: Handys bitte aus, die Toiletten sind im Untergeschoss, und: «Geniessen Sie die Show».

Gegenstände des Glaubens

Mit dem Lob Allahs, des Herrn der Welten, beginnt der Abend. Der Imam rezitiert die erste Koran-Sure, und mit den ersten Worten sieht man über das Improvisierte dieses Raums hinweg. Gegen diese Wort-Musik haben die Gegenstände des Glaubens, hier eine elektronische Gebetsuhr mit Grünpflanzen-Schmuck, keine Chance. Auch das Theater kann mit einem Wort eine schäbige Kulisse vergessen machen.

Little Big City of God

Imam ab. Die Schauspielerinnen und die Schauspieler sind schon unter uns. Sie stehen auf, formieren sich vor der Gebetsnische zum Chor. Wir schauen Richtung Mekka. Und hören, was der Chor uns zu sagen hat über die Anpassung an die Verhältnisse hier und über das Festhalten am Eigenen dort; es ist das, was uns verbindet und gleichzeitig auch trennt. «Du bist das schwarze Schaf» sagt der Chor, und: «Du bist das weisse Schaf». Manchmal spricht der Chor auch in allen Sprachen, die für eine Religion stehen: auf Hebräisch, Arabisch, Serbisch, Deutsch, Französisch, Tamil, Italienisch, Englisch. Und wir verstehen, dass der Glaube auch eine Heimat sein kann, wie Zürichdeutsch. Oder die Fifa. Der Chor nennt die Stadt auch: «The Little Big City of God». Bis zum Paradies ist es aber noch weit.

Das Theater geht hier zu den Menschen. Und bewegt etwas in ihrem Alltag. 

«Urban Prayers Zürich» öffnet die Räume. Wir sehen in die Zentren einer Religion hinein, auch in den Keller und in den ersten Stock. Im Café des Forums des Orients wird nach der Vorstellung ein Imbiss angeboten. Das Publikum muss aber noch warten. Denn im ersten Stock beten jetzt die Gläubigen das Abendgebet. Auch wir im Parterre haben den Glauben an das Theater wieder gefunden. Das Theater geht hier zu den Menschen. Und bewegt etwas in ihrem Alltag.


Vorstellungen bis 24. März.

(Der Landbote)

Erstellt: 04.03.2018, 16:45 Uhr

Radikalisiert euch!

Während das Theater Neumarkt in Sachen Religion mit den Urban Prayers in Zürich unterwegs ist, konzentriert sich an der Gessnerallee alles zum Themenschwerpunkt «500 Jahre Reformation» an einem Ort. Hier kommen vom 14. bis 25. März unter dem Titel «#Radikalisiert Euch!» mehrere Projekte zusammen. Am Anfang steht die «Riot Days Show» mit der Performerin Marija Aljochina. Die Freie Gruppe «K.U.R.S.K.» macht sich dann in «Die Gottesanbeter_Innen» eine Vorstellung über 500 Jahre ohne Beichte. «Und was erlöst uns heute?», fragt auch Patrick Frank an seinem Abend mit Kulturtheorie und neuer Musik. Ein Gastspiel hat «Martin Luther Propagandastück» von Boris Nikitin. Theater als Gottesdienst gibts auch zum Abschlusstag, den Auftritt haben «Bekennende und Überzeugte». bu

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