Dübendorf

Toilette mit eigener Kläranlage

Was ins WC kommt, soll möglichst schnell weg. Doch dabei gehen wertvolle Energie und Nährstoffe verloren. In Dübendorf arbeiten Forscher daran, das Abwasser besser zu nutzen.

WC-Schüssel, Urinal, Spülbecken und Minikläranlage: ETH-Forscher Kai Udert zeigt die WC-Anlage, die Urin, Feststoffe und Wasser trennt.

WC-Schüssel, Urinal, Spülbecken und Minikläranlage: ETH-Forscher Kai Udert zeigt die WC-Anlage, die Urin, Feststoffe und Wasser trennt. Bild: Heinz Zürcher

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Schon Kinder lernen, wie man Alufolie, Glas und andere Abfälle sauber trennt. Doch wenn es um unser Abwasser geht, hört der Spass mit dem Entsorgen auf. Was stinkt, gehört möglichst schnell aus den Augen und aus dem Sinn.Zu unrecht, findet Kai Udert. Am Wasserforschungsinstitut des ETH-Bereichs in Dübendorf, der Eawag, sucht der Forscher nach Wegen, wie Abwasser besser genutzt werden kann. Denn was im WC landet, wird heute mit Unmengen an sauberem Wasser weggespült. Bis dieses wieder in den natürlichen Kreislauf gelangt, legt es viele Kilometer zurück und muss mit grossem Aufwand in einer zentralen Kläranlage gereinigt werden.

Im Abwasser steckt zudem viel Energie, etwa im Kot: Die Eawag arbeitet derzeit an einem Projekt mit Fäkalschlamm. Dieser wird zu Pellets verarbeitet, die in Brennöfen für die Herstellung von Ziegeln verheizt werden. Auch Urin enthält wertvolle Stoffe, zum Beispiel die Nährstoffe Stickstoff und Phosphor, die als Dünger genutzt werden können.

Raffinierte Schüssel

«Je weniger Wasser mit dem Urin vermischt wird, umso besser lassen sich die Nährstoffe zurückgewinnen», sagt Kai Udert. Wie das geht, zeigt er anhand der neusten Sanitäranlage, die sein Team an der Eawag entwickelt hat. Der Container verfügt über WC-Schüssel, Urinal und Spülbecken. Auf den ersten Blick erkennt man in diesem autarken WC keinen Unterschied zu einer herkömmlichen Toilette.

Udert öffnet den Deckel und zeigt in die Schüssel. Sie ist so konstruiert, dass der Urin - vorausgesetzt, man sitzt beim Pinkeln - beim Abfliessen in eine kleine Öffnung gelenkt wird und von dort in ein separates Gefäss. Drückt man die Spülung, fliesst das Wasser an dieser Öffnung vorbei und schwemmt Fäkalien und WC-Papier in den Abfluss.

Funktioniert nur bei Sitzpinklern: Der Urin fliesst durch eine kleine Öffnung in ein separates Gefäss. Bild: Heinz Zürcher

Die Feststoffe wiederum werden durch einen Dralleffekt vom Wasser getrennt und landen in einem weiteren Tank. Diese Mini-Kläranlage befindet sich direkt unter der Toilette und man riecht sie kaum. Sie reinigt zugleich das Wasser, damit es für WC-Spülung und Händewaschen wiederverwendet werden kann.

«Mit diesem dezentralen System lässt sich das Abwasser viel effizienter aufbereiten», sagt Udert. Die Anlage ist für rund 60 Benutzer pro Tag ausgelegt und modular aufgebaut, damit sie beispielsweise auch nur für das Rezyklieren von Urin verwendet werden kann.

Feldversuch in Afrika

Der Prototyp wird nun nach Südafrika geflogen. In Durban wird er in einem Feldversuch getestet. Dort, wo Wasser knapp ist, lohnt sich eine effiziente Abwasserbewirtschaftung besonders. In der Schweiz ist man noch nicht soweit. Es fehlen die gesetzlichen Grundlagen. Und finanziell zahlt es sich noch zuwenig aus. Das zeigt ein Rechenbeispiel der Eawag: Die gesamte Abwasserversorgung in der Schweiz kostet rund 300 Franken pro Einwohner und Jahr. Demgegenüber kann aus dem anfallenden Klärschlamm Strom für rund drei Franken pro Kopf produziert werden. Und das im Abwasser enthaltene Phosphor hat aktuell lediglich einen Gegenwert von rund einem Franken pro Einwohner.

«Je weniger Wasser mit dem Urin vermischt wird, desto besser lassen sich die Nährstoffe zurückgewinnen.»Kai Udert, ETH-Forscher

Ein möglicher Erlös aus zurückgewonnenen Nährstoffen oder eingespartem Wasser sind jedoch nicht die einzigen Gründe dafür, dass in Dübendorf an solchen Systemen geforscht wird. «Die Trennung von Urin und Fäkalien eröffnet grundsätzlich neue technische Möglichkeiten in der Abwasserreinigung», sagt Udert, «und da wollen wir in einer innovativen Schweiz mit dabei sein.» Zum Beispiel könnte der Platzbedarf für Kläranlagen deutlich reduziert werden. Das ist in dicht besiedelten Gebieten wichtig, wenn auch nicht immer direkt in Franken messbar.

Das grösste Energieleck

Während sich Trocken-Urinale hierzulande mehr und mehr durchsetzen und bereits in vielen Gastrobetrieben zum Einsatz kommen, wird es wohl noch eine Weile dauern, bis autarke WC-Anlagen in unseren Haushalten anzutreffen sind.

Potenzial sieht ETH-Forscher Kai Udert in fortschrittlichen Unternehmen und in Genossenschaftssiedlungen - oder in einer Alphütte ohne Wasseranschluss. Das Ziel ist jedoch, dass solche Systeme irgendwann auch in Haushalten zur Anwendung kommen. Das grösste Energieleck ist heute bei Neubauten nicht mehr in der Gebäudehülle zu suchen, sondern beim ungenutzten Abwasser. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 11.10.2018, 15:27 Uhr

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