Zürich

Trotz allem ein bisschen feiern

Vor 23 Jahren ­hat Nicole Thakuri-Wick den Kanton Zürich verlassen, um in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu Strassenkindern zu helfen.

Im NAG (Nawa Asha Griha, Heim neuer Hoffnungen) in Kathmandu, links Nicole Thakuri-Wick mit einem ihrer jüngsten Schützlinge.

Im NAG (Nawa Asha Griha, Heim neuer Hoffnungen) in Kathmandu, links Nicole Thakuri-Wick mit einem ihrer jüngsten Schützlinge. Bild: pd

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gab es auch schöne Momente in die­sem Jahr? Nicole Thakuri-Wick (46) überlegt länger. Doch, sagt sie schliesslich, es gab sie. Zum Beispiel, als sie im Rahmen einer Hilfs­aktion in einem abgelegenen Dorf auch einen Fussball ver­schenk­ten und sahen, welche Freude das bei den Jugendlichen dort auslöste. Thakuri leitet das Kinderheim NAG in Kathmandu, das sie vor 23 Jahren gegründet hat. Sie ist in Hor­gen aufgewachsen und kam als Volontärin für ein Hilfswerk nach Nepal. Sie war schockiert vom Elend der Strassenkinder und setzt sich seither für sie ein.

Nepal ist arm. Das Erdbeben vom 25. April hat den Staat am Hi­ma­laja ins Elend gestürzt – und die Kri­se dauert an. Zu allem Überfluss ist das Land auch noch in Kon­flikt mit dem Nachbarland Indien geraten, das daher seit bald drei Monaten die Ener­gie­­­­zufuhr blo­ckiert. «Momentan sind die Fol­gen davon schlimmer als jene des Bebens», sagt Thakuri, warm angezogen in ihrem Büro sitzend, über Skype. «Überleben in Kathmandu ist schwierig geworden.»

Dessen ungeachtet wird in der Schule, die Teil des NAG ist, unterrichtet. 210 Kinder wohnen im Heim, 150 kommen von auswärts. Thakuri ist stolz, dass der Bus, der die externen Kinder täglich in den Slums einsammelt, noch nie aus­ge­fallen ist. Sie hat dem Fahrer einen dicken Schlafsack besorgt. Er übernachtet jeweils im Auto, um auch über Nacht für Diesel anzustehen. Treibstoff gibt es oft nur noch auf dem Schwarzmarkt.

Wellenartige Erdstösse

«Es fühlte sich an wie auf einem Boot, mit dem man gleich unterzugehen droht.» So hat sie das Beben mit seinen wellenartig verlaufenden und nicht enden wollenden Erd­stössen in Erinnerung. In den Wochen und Monaten danach gab es stets neue, teils heftige Nachbeben. «Für die Erwachsenen war es schlimmer als für die Kinder», trös­tet sich Nicole Miss, wie sie von Schülern und Angestellten ge­nannt wird. Die NAG-Gebäude hiel­ten stand. Thakuri hatte sie – ganz Schweizerin – in früheren Jah­ren verstärken lassen. Denn dass Nepal erdbebengefährdet ist, weiss man nicht erst seit gestern.

Die Schule fiel zwei Monate aus, die Kinder lebten in Zelten auf dem Areal. Thakuri war dafür ­besorgt, dass sie beschäftigt und abgelenkt waren. Sie organisierte Spiele, sandte die älteren Kinder und Jugendlichen aber auch aus, um bei Aufräumarbeiten zu hel­fen. Mit Anbruch des neuen Schul­jahres konnte der Unterricht wieder aufgenommen werden. Die jüngste der zwölf Schulklassen ­besteht nun hauptsächlich aus Erdbebenwaisen.

Inzwischen herrscht wieder so etwas wie Alltag – er ist alles ­andere als leicht. In der Nacht wird es recht kalt. Mehr als zehn Grad warm ist es in den Zimmern auch am Tag nie. Es gibt kaum noch ­Gas, das sich die Menschen in ihre ­Metallflaschen abfüllen lassen kön­nen. Und so ist auch das Kochen nur noch eingeschränkt möglich. Das ist in ganz Nepal so und im NAG nicht anders.

Wälder werden abgeholzt

Als Folge der Kälte seien mehr Kinder krank als sonst im Winter, sagt Thakuri. Auch Verstopfung ist ein Problem. Denn als Ersatz für gekochten Reis gibt es jetzt öfters Reisflocken. Und so freut sich die Heimleiterin, dass sie gerade 1000 Kilo Brennholz organisieren konnte. Es wird in der Küche Verwendung finden – wenn auch mit etwas schlech­tem Gewissen. Dann als Folge der Ener­gie­­­­krise werden nun die Wälder abgeholzt. Thakuri: «Wir schlittern jetzt auch noch in eine Umweltkatastrophe hin­ein.» Sie ist dabei, eine Baumpflanz­aktion zu organisieren.

Anpacken hilft. So hat sie, im Rah­men ihrer Möglichkeiten, nach dem Beben auch Hilfsaktionen für die Menschen organisiert. Und sie tut es bis heute. Zunächst kam eine mobile Suppenküche zum Einsatz. Mit dem Lastwagen werden heute Werkzeug und Medikamente in die Dörfer gefahren.

Mit dabei ist auch immer je-mand von der NAG-Krankenstation. ­Geführt wird diese von Sa­pana Tamang, einer ehemaligen NAG-Schü­lerin, die Medizin studiert hat – eine grosse Sache für eine junge Frau aus so einfachen Verhältnissen und eines der Erfolgserleb­nisse, die Nicole Miss für so vieles entschädigen.

Die früher hübschen Dörfer

Thakuri lebt bescheiden. Das Büro ist auch ihr Schlafzimmer. Jeweils im Sommer besucht sie die alte Heimat – auch um Beziehungen zu pflegen. Sie schaut vorbei bei der Ber­ner und Schaffhauser Verwandt­schaft des 2011 verstorbenen Vaters. Quartier nimmt sie in Lang­nau am Albis bei der Mutter, einer gebürtigen Australierin, die ihr die in der Schweiz anfallende Administration erledigt. In den verwandtschaft­li­chen Verzweigungen verlaufen teils auch die Kanäle, um an Spenden zu gelangen oder auch einfach um Zuspruch zu erhalten.

Wichtiger Fixpunkt ist jeden Som­mer ein Spendenanlass im refor­mierten Kirchgemeindehaus Hor­gen, an dem Thakuri um Un­ter­stützung wirbt und darlegt, wofür frühere Spenden verwendet wur­den. Wegen des Bebens blieb sie diesen Sommer in Nepal. Tochter Kim (17) und Ärztin Sapana Tamang haben sie vertreten.

Bedrückend an der aktuellen Situa­tion empfindet sie den Stillstand. Im Konflikt mit Indien ist keine Lösung in Sicht. Hoffnungen, dass China mit Ener­gie­­­­lieferungen aushelfen könnte, haben sich nicht erfüllt. Hinzu kommt der schleppende Wiederaufbau.

Ein anderer Flüchtlingsstrom

Vom Ausland zugesagte Mittel wer­den nicht überwiesen, weil die nepalesische Regierung die dafür verlangten Vorleistungen nicht leis­ten kann oder will. Öffentliche Gebäude sind vielfach wieder hergestellt, jetzt bräuchten die Menschen Hilfe, um ihre Häuser wieder aufzubauen. In vielen davon ist bisher nur ein Raum behelfsmässig wieder hergestellt. Es sei traurig, das viele provisorisch angebrachte Wellblech zu sehen, wenn man durch die einst hübschen Dörfer fahre, sagt Thakuri.

«Wer kann, geht», sagt sie. ­Denn mit der Ener­gie­­­­krise wird das ­Leben für viele unerschwinglich. Wobei dieser Flüchtlingsstrom nicht nach Europa führt, sondern in Länder wie Dubai und Katar, ­ wo die Nepalesen als weitgehend rechtlose Billigarbeiter gefragt sind. Rund 30 Personen beschäftigt Thakuri in unterschiedlichen Pensen. Sie werde wohl ihre Löhne erhöhen müssen, um sie halten ­ zu können, sagt sie. Ein weiteres Pro­blem ist, dass die Medika­mente knapp werden.

Eine Art Weihnacht

Auch nepalesische Heranwach­sende wollen ihre Grenzen aus­testen. Nicole Miss musste die rich­tige Mischung zwischen Nachsicht und Konsequenz finden. Sie hat das gemeistert wie so vieles. Mit einer kleinen Wohnung, in ­die sie drei Kinder aufnahm, hatte sie einst angefangen. Zweimal musste die Schule später umziehen. Hinzu kamen Schicksalsschläge. 2008 starb ihr nepalesischer Ehe­mann nur 36-jäh­rig an einem Hirn­schlag. Und so gibt sie auch jetzt nicht auf. «Ich werde hier gebraucht», sagt sie – und selbst über die schlechte Skype-Leitung hört man her­aus, dass sie sich damit auch selber Mut zuspricht.

Auch in Nepal wird eine Art Weihnacht gefeiert. Am 25. Dezember kommt der Sa­mi­chlaus und bringt Geschenke. Thakuri hat 390 Trainingsanzüge für ihre Schützlinge bestellt. «Das musste jetzt einfach drinlie­gen.» Sie freut sich auf das Fest. «Die Nepa­lesen feiern gern», sagt sie. «Wir alle brauchen es jetzt dringend, ein wenig feiern zu können.»

Erstellt: 23.12.2015, 21:44 Uhr

Blockierte Hilfsgelder und Ener­gie­­­­krise

Der Wiederaufbau in Nepal nach den schweren Erdbeben vom April und Mai stockt. Die drei bestimmenden politischen Parteien im Land sind zerstritten und fanden keinen Konsens, um eine funktionierende Wiederaufbaubehörde zu schaffen. Sie wäre Voraussetzung für den Erhalt längst gesprochener Hilfsgelder aus dem Ausland. Hinzu kommt ein Konflikt mit dem Nachbarland Indien. Er entzündete sich an der neuen Verfassung Nepals. Als sie Mitte September in Kraft trat, führte dies zu Protesten ­ der Minderheit der Madhesi im Süden Nepals und in der Folge zu einer Ener­gie­­­­blockade durch Indien. Die Madhesi machen ­ 20 Prozent der Bevölkerung ­Nepals aus und fühlen sich eng mit Indien verbunden. Sie fordern volle Bürgerrechte wie etwa das Recht, in hohe politische Ämter gewählt zu werden.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles