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Versuche in Sachen Liebe

Lisa Blatter ist mit «Skizzen von Lou» ein federleicht-melancholischer Liebesfilm oder eben ein feines Porträt der «Generation Unverbindlich» geglückt.

Lou (Liliane Amuat) versteckt unter einem Verband am Arm Narben aus einer Vergangenheit, die sie vergessen will.
Lou (Liliane Amuat) versteckt unter einem Verband am Arm Narben aus einer Vergangenheit, die sie vergessen will.
zvg, Keystone

«Ich sammle die Momente im Leben, in denen man alles andere vergisst und nur noch ist. Ist das Glück oder Freiheit? Oder ist es beides?» Und etwas später: «Ich wollte einfach den Sommer geniessen und dann nach Nepal oder so: Immer weiter, bis es nicht mehr wehtut»: «Skizzen von Lou» beginnt besinnlich. Jungbesinnlich und freiheits­liebend: Die Besinnlichkeit eines Mannes Mitte vierzig oder einer Frau um die achtzig würde sich anders an­hören.

Sie frage sich immer wieder, hat Regisseurin Lisa Blatter gesagt, ob in der mitteleuropäischen ­Gesellschaft der Freiheitsdrang ihrer Generation – Blatter hat Jahrgang 1979 – so umfassend sei, dass man im Strudel unend­licher Möglichkeiten verloren gehe. Und damit sich selber paralysiere. So wie Lou und Aro, die sich in «Skizzen von Lou» zufällig in die Arme laufen. Aro ist Grafiker, Zeichner, freier Künstler und jobbt in einer Zürcher Szenebar. Lou übersetzt, macht mal dies, mal jenes, ist immer unterwegs, lässt sich immer wieder für Neues begeistern, als Nächstes, wenn der Sommer vor­über ist, vielleicht eben für ein Hilfsprojekt in Nepal.

Schliesslich kennt man sich ja noch nicht richtig, hat bloss ein paar Nächte miteinander verbracht, stundenlang geredet, Liebe gemacht und ist in der Limmat schwimmen gegangen.

Sich nur nicht festlegen. Besitzmässig nicht, auch nicht mit dem Wohnen. Lou logiert mal da, mal dort, bei Freunden, von denen sie sagt, dass sie ihre «Familie» seien. Auch als sie eines Morgens mit ihrem Tramperrucksack und einer Bananenkiste – mehr Habseligkeiten, als darin Platz haben, besitzt Lou nicht – unangekündigt in Aros Wohnung steht, will sie «nicht einziehen», sondern «ein paar Dinge einstellen». Schliesslich kennt man sich ja noch nicht richtig, hat bloss ein paar Nächte miteinander verbracht, stundenlang geredet, Liebe gemacht und ist in der Limmat schwimmen gegangen.

Sommer in Zürich

Überhaupt ist es Sommer, herrlichster Zürichsommer in Blatters «Skizzen von Lou». Tag um Tag37 Grad heiss und so; da muss man oft baden gehen: Was ist Zürich schön an seinen versteckten Plätzen in den Kreisen 4, 5 und 3, in denen Blatters Film spielt! Leicht fallen da die Gefühle, die Sinnlichkeit auch, zwischen durchtanzten Nächten, Flohmarktbesuch und zerwühltem Bett.

Sie sind ein schönes Paar. Aro, gespielt von Dashmir Ristemi, ein Secondo albanischer Herkunft, ein Familienmensch, der sehr an seiner Mutter hängt, ein weltoffener junger Mann auch, der die Schweiz und ihre Demokratie schätzt und pflichtbewusst Abstimmungsformulare ausfüllt. Eigentlich ist Lou, die sich weitgehend nur genau für das interessiert, was sie im Moment betrifft, so etwas wie sein Gegenteil. Doch da ist ihr einer Arm, der, obwohl zwar voll beweglich, aber immer, auch beim Liebemachen, in einem dunklen Schutzverband steckt: Narben einer Vergangenheit, die Lou abstreifen, vergessen will und nicht kann.

Spröde Schnoddrigkeit

Was ist mit deiner Familie?, fragt Aro einmal, nichts, antwortet sie spröd. Die Mutter tot, Unfall. Mit dem Vater hat sie es nicht gut. Es ist solches bei Blatter auch in der spröden Schnoddrigkeit wunderbar stimmig. Überhaupt ist ihr Film sehr sinnlich und stimmungsvoll, indem die Stimmung zur Situation passt: die Locations, der Ton, Musik und Geräusche, die Kleider, die die Menschen tragen, was sie zueinander sagen.

Gerade auch die Dialoge, in Mundart gehalten, in Schweizer Filmen leider oft ein Ärgernis, sind bei Blatter wunderbar flüssig. Schreiben kann sie, die noch relativ junge Regisseurin, die auchfür das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Sie hat eine Episode zu «Heimatland» beigetragen, davor einige Kurzfilme gedreht. «Skizzen von Lou» ist ihr erster langer Spielfilm und als solcher ein Kleinod. Sein grösster Schatz: Lou, grossartig unprätentiös, gleichwohl überaus präsent, zudem ungemein sensitiv gespielt von Liliane Amuat. Amuat, 1989 in Zürich geboren, liess sich am Max-Reinhardt-Seminar in Wien ausbilden und spielte vier Jahre am Burgtheater, bis sie 2015 ans Theater Basel wechselte, sie ist derzeit dabei, die Leinwand zu ­erobern.

Sie spielt nicht nur in «Skizzen von Lou» die Hauptrolle, son-dern demnächst eine in «Der Frosch» von Jann Preuss. Abgesehen davon wurde sie in Solothurn soeben mit dem Schweizer Fernsehfilmpreis als beste Nebendarstellerin in «Lotto» von Charles Lewinsky ausgezeichnet.

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