Zürich

«Viele sind unbeholfener als früher»

Seit 1966 existiert die Notfallnummer von Tox Info Suisse. Heute wählen sie 100 Leute pro Tag. Trotzdem höre er immer noch Neues, sagt Direktor Hugo Kupferschmidt.

Der Winterthurer Hugo Kupferschmidt?arbeitet seit 1996 bei Tox Info Suisse, seit 2004 ist er Direktor.

Der Winterthurer Hugo Kupferschmidt?arbeitet seit 1996 bei Tox Info Suisse, seit 2004 ist er Direktor. Bild: Marc Dahinden

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Wann sollte man bei Vergiftungsverdacht die Notfallnummer 145 anrufen?
Hugo Kupferschmidt: Grundsätzlich möglichst sofort. Wenn aber jemand etwas verschluckt oder inhaliert hat und schon starke Symptome hat, sollte man zuerst die Ambulanz rufen, Erste Hilfe leisten und erst dann die Tox Info anrufen. Die meisten rufen aber an, gleich nachdem etwas passiert ist. Dann beruhigen wir und geben einen Ratschlag. Sehr oft können wir sagen, dass man gar nichts machen muss.

Wann beispielsweise?
Etwa wenn Kinder Zündholzköpfe abknabbern oder die Kügelchen verschlucken, die in den Deckeln von Brausetabletten drin sind. Oder ein Biss Lippenstift, das macht alles nichts.

Das passiert vor allem Kindern.
Mehr als die Hälfte unserer Fälle sind Kinder. Fünf Sechstel davon Kinder im Vorschulalter. Sie können alles erreichen, wissen aber nicht, was gefährlich ist. Primarschulkinder sind vernünftiger und nehmen nicht mehr alles in den Mund. Jugendliche über 12 Jahre vergiften sich nach dem Muster Erwachsener. Dort gibt es mehr beabsichtigte Vergiftungen als Unfälle. Drei Viertel der beabsichtigten Vergiftungen sind Suizidversuche. Zehn Prozent sind Missbrauch von Substanzen.

Rufen diese Personen selber an?
Meist sind es Angehörige oder Ärzte. Manchmal rufen die Betroffenen selber an, sagen, was sie genommen haben und fragen: sterbe ich jetzt? Muss ich noch mehr nehmen? Oder sie haben es sich anders überlegt. Oft wollen sie den Suizidversuch jemandem mitteilen, eine Art Hilfeschrei.

Was sagen Sie dann?
Wir schicken sie immer zum Arzt, unabhängig davon, wie schlimm die Situation aus toxikologischer Sicht ist, zur Abklärung der Suizidalität. Manche lehnen das ab. Dann müssen wir ihnen gut zureden. Leute, die bereits etwas geschluckt haben, versuchen wir davon zu überzeugen, die Ambulanz zu rufen. Gelingt uns das nicht, schicken wir die Polizei.

Gibt es Anrufer, die sich über Substanzen informieren, um sich umzubringen?
Es gibt oft Anrufe wegen theoretischen Fragen. Die meisten wollen vorsehen, bevor sie sich in Gefahr begeben. Etwa ob Lösungsmitteldämpfe gefährlich sind, wenn gestrichen wird, oder ob das Schlangenserum mitgenommen werden soll, wenn man wandern geht. Dann gibt es solche, die an einem Suizid herumstudieren. Um das rauszufinden, sind wir sehr hellhörig. Das merkt man im Verlauf des Gesprächs, etwa wenn nach einer Dosis gefragt wird. Dann beginnen wir, zurückzufragen. In den meisten Fällen kommt ein vernünftiges Gespräch in Gang. Wir versuchen Hilfe zu vermitteln. Verhindern können wir aber nichts.

Werden Sie auch bei Giftmorden involviert?
Mordversuche mit Gift sind extrem selten. Wir werden dabei kontaktiert, wenn es um die Abklärung und Therapie der Vergiftung geht. Häufiger als Mordanschläge sind Vergiftungen durch Dritte mit KO-Tropfen oder aus Unfug, wenn einem Lehrer Haschisch-guetsli untergejubelt werden.

Gibt es noch Fälle, die Sie zum ersten Mal hören?
Ja, fast täglich. Es gibt neue oder ausländische Produkte. Oft geht es auch um neue Kombinationen oder Vergiftungsumstände. Etwa wenn eine schwangere Frau betroffen ist oder eine abnorm hohe Menge im Spiel ist.

Seltene Fälle müssen sie recherchieren, welche können Sie aus Erfahrung beurteilen?
Etwa wenn Zigarettenstummel verschluckt werden. Aus Hunderten von Fällen weiss man ziemlich genau, was passieren wird.

Muss man dann ins Spital?
Früher ging man wegen der auf der Packung deklarierten Nikotinmenge von einer höheren Gefahr aus. Bis zu einer gewissen Menge kommt es nur zu Schweizssausbrüchen, Blässe und Erbrechen. Sonst gesunde Kinder können dann zuhause bleiben.

Bei welchen Substanzen muss man ins Spital?
Bei vielen Medikamenten wird es ab einer bestimmten Dosis gefährlich etwa Kreislaufmedikamente und Schmerzmittel. Auch bei Giftschlangenbissen und ätzenden Chemikalien. Sobald Symptome da sind, müssen sie ärztlich beurteilt werden.

Gibt es saisonale Unterschiede?
Es gibt einen Jahreszyklus. Im Sommer sind Vergiftungen häufiger, durch Pflanzen und alles, was nur draussen passieren kann. Jetzt im Frühling fängt die Bärlauchsaison an und kurz darauf wachsen die giftigen Herbstzeitlosen. Im Herbst natürlich die Pilzsaison, und bei Beginn der Heizperiode die Gefahr der Kohlenmonoxidvergiftung durch defekte Heizungen. Es gibt auch typische Vergiftungen bei Anlässen: Die Ostertoxikologie mit Ostereierfarben und verdorbenen Eiern. Im Advent: Leim, Farben und verschluckter Weihnachtsschmuck. Es gibt Leute, die Feuerwerk verschlucken. Wenn jemand bengalische Zündhölzer gegessen hat, müssen wir fragen, welche Farbe? Je nachdem sind toxische Metalle drin, und man muss ins Spital.

Wann muss man etwas aus dem Magen holen?
Gifte müssen aus dem Magen entfernt werden, wenn sie zu einer schweren Vergiftung führen können. Dies ist nur frühzeitig möglich, wenn das Gift noch im Magen ist. Früher hat man zu diesem Zweck Magenspülungen durchgeführt, heute würde man eher eine Magenspiegelung machen. Meistens wird Aktivkohle verabreicht, um das Gift im Magen zu binden. Batterien müssen nur entfernt werden, wenn sie steckenbleiben. Ein Problem sind starke Magnete. Wenn man zwei verschluckt, kann es sein, dass zwei benachbarte Darmschlingen so zusammengepresst werden, dass ein Loch entstehen kann. Die Magnete müssen chirurgisch entfernt werden.

Die Anrufe haben sich seit 1966 vervielfacht. Gibt es mehr Vergiftungen als vor 50 Jahren?
Ich glaube, die Leute vergiften sich immer gleich häufig. Am Anfang gab es eine Zunahme wegen der steigenden Bekanntheit des Tox-Zentrums. In den letzten 25 Jahren war die Steigerung parallel zur Bevölkerungszunahme. Im Durchschnitt sind die Produkte heute harmloser als vor 30 Jahren. Gefährliche Produkte wurden aus dem Handel entfernt oder der Zugang wurde erschwert. Gewiss Produkte sind aber schwer zu ersetzen. Backofenreiniger etwa werden immer ätzend sein, weil sie nur dann wirken.

Rufen heute auch mehr Leute an, weil das Sicherheitsbedürfnis gestiegen ist?
Ich habe manchmal das Gefühl, viele sind unbeholfener im Umgang mit gefährlichen Substanzen als früher. Man hat heute den Anspruch, dass Haushaltsmittel sicher sein müssen. Viele haben das natürliche Gespür dafür verloren, wo man achtsam sein muss.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 04.04.2016, 19:48 Uhr

Buben und Frauen vergiften sich eher

Das Schweizerische Tox- Zentrum wurde 1966 vom Apothekerverein gegründet. Die Stiftung Tox Info Suisse ist ein unabhängiges assoziiertes Institut der Universität Zürich.

Vor 50 Jahren habe ein Informationsnotstand geherrscht rund um Vergiftungen und die Beschaffung von Gegengiften, sagt Hugo Kupferschmidt, Direktor von Tox Info Suisse. Da hat der Apothekerverein mit den Gerichtsmedizinern und der interkantonalen Giftkommission eine schweizerische Beratungsstelle für Fragen rund um Vergiftungen gegründet. Seit März 1966 existiert auch die Notfallnummer im 24-Stundenbetrieb, seit 2003 die Kurzwahl 145. Während vor 50 Jahren 2000 Anrufe pro Jahr entgegengenommen wurden, waren es laut Tox Info Suisse im vergangenen Jahr 38 400 – durchschnittlich über 100 Anfragen pro Tag. 1966 gab es 4 Vergiftungen durch Vipernbisse, 14 durch Pilze, 9 durch Alkohol und 96 wegen Insektiziden. Bereits damals wurden die meisten Vergiftungen durch Medikamente verursacht. Das ist bis heute so geblieben. Die zweitgrösste Gruppe sind Haushaltsprodukte, danach folgen Pflanzen. Diese drei Gruppen machen drei Viertel aller Fälle aus.

In zwei Dritteln der Fälle werden Betroffene oder Angehörige beraten. In einem Viertel sind es medizinische Fachpersonen. 6 Prozent der Anfragen kommen von Firmen, Organisationen oder den Medien. Mehr als die Hälfte der Vergiftungen passieren Kindern. Buben sind öfter betroffen als Mädchen (53:47). Bei den Erwachsenen sind es mehr Frauen als Männer (60:40). Tox Info Suisse ist als private Stiftung organisiert und ist ein unabhängiges assoziiertes Institut der medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Für die Telefonberatung arbeiten in Zürich 17 Ärztinnen, zwei Pharmazeutinnen, zwei Pflegefachfrauen und eine Tierärztin. Die Stiftung wird durch Spenden und Beiträge finanziert etwa von Santésuisse und dem Apothekerverband sowie durch Leistungsverträge mit dem Bundesamt für Gesundheit, Spitälern und Kantonen. Der Kantonsbeitrag ist mit 1,3 Millionen der grösste und entspricht 16 Rappen pro Kopf. Zum Jubiläum wurde eine Briefmarke und eine Smartphone-App lanciert.

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