Bezirksgericht Meilen

Vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen

Ein heute 70-Jähriger soll vor rund 20 Jahren in einem Wäldchen im Bezirk Meilen ein Mädchen auf dem Schulweg vergewaltigt haben. Für eine Verurteilung fehlen eindeutige Belege, fand das Bezirksgericht Meilen.

«Im Zweifel für den Angeklagten», befand das Bezirksgericht Meilen im Fall eines mutmasslichen Vergewaltigers.

«Im Zweifel für den Angeklagten», befand das Bezirksgericht Meilen im Fall eines mutmasslichen Vergewaltigers. Bild: Archiv Sabine Rock

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Was sich in den 1990er-Jahren in einem Wäldchen in einer Gemeinde am rechten Zürichseeufer tatsächlich abgespielt hat, wird wohl nie ans Tageslicht kommen. An der Urteilseröffnung am Bezirksgericht Meilen sprach der Vorsitzende am Mittwoch von einem «klassischen Vieraugendelikt», also einer Tat ohne Zeugen. Denkbar ist somit, dass der Beschuldigte tatsächlich der Täter war – oder aber, dass sich das mutmassliche Opfer irrt.

Die offensichtlich traumatisierte junge Frau wirft dem heute 70-Jährigen vor, sie als Siebenjährige auf dem Schulweg in ein Wäldchen gezerrt und vergewaltigt zu haben. Der Mann war der damalige Nachbar des Kindes und soll sich über ein Jahr lang etwa zehn Mal an der Schülerin vergangen haben – immer am selben Ort und immer mit der Androhung, dass noch Schlimmeres geschehe, wenn sie jemandem davon erzähle. Der Beschuldigte wies die Vorwürfe an der Verhandlung vor zwei Wochen kategorisch zurück.

Erst verdrängt, dann erinnert

Die junge Frau hat den Mann erst vor wenigen Jahren angezeigt. Sie habe den Vorfall lange verdrängt, erst im Zuge einer Traumatherapie seien die Erinnerungen wieder bruchstückhaft hochgekommen, sagte die psychisch stark angeschlagene Klägerin an der Verhandlung. An der Urteilseröffnung war sie nicht mehr anwesend. So musste sie sich nicht anhören, wie das Gericht den Beschuldigten freisprach. Die Staatsanwältin hatte auf eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren plädiert. Abgewiesen wurde konsequenterweise auch der Antrag auf Genugtuung von 35 000 Franken, welchen die Anwältin der Klägerin gestellt hatte.

Das Gericht konnte sich bei seinem Urteil praktisch nur auf die Aussagen von Opfer und Täter stützen, und das machte es schwierig. «Das Langzeitgedächtnis speichert Erinnerungen nicht unverfälscht», sagte der Gerichtsvorsitzende. Ein Opfer könne dabei die subjektive Gewissheit haben, dass sich ein Ereignis genau so zugetragen habe, wie es ihm in Erinnerung sei. Als «anschaulich, detailliert und wirklichkeitsgetreu» bezeichnete der Richter denn auch die Aussagen der Klägerin. Und doch hätten diese manchmal so gewirkt, als ob «allgemein gespeichertes Wissen» abgerufen worden sei.

Die Kraft der Therapien

Dem Richter fehlte das Unverwechselbare und Individuelle in den geschilderten Gefühlen der jungen Frau. Das Gericht zog zudem die Möglichkeit in Betracht, dass diese unbewusst suggestiven Einflüssen ausgesetzt worden sein könnte, etwa von ihren Therapeutinnen. Anders gesagt: Was die Frau als real wahrnimmt, könnte ihr – unbeabsichtigt – eingeredet worden sein. Pikant in diesem Zusammenhang ist zudem, dass die junge Frau im Erwachsenenalter tatsächlich einmal Opfer einer Vergewaltigung war, wie erst anlässlich der Urteilseröffnung bekannt wurde.

Die Worte des Beschuldigten hatte das Gericht ebenfalls unter die Lupe genommen. Seine Aussagen bezeichnete der Richter wie jene der Klägerin als glaubwürdig und kohärent. Dadurch gebe es «mehr als nur Zweifel», dass er das Mädchen vergewaltigt habe. Nach dem Prinzip «Im Zweifel für den Angeklagten» wurde der Mann deshalb freigesprochen.

Auch am Mittwoch stand jedoch erneut im Raum, dass damals tatsächlich etwas vorgefallen sein muss. «Möglicherweise war die Klägerin das Opfer eines Übergriffs», sagte der Richter denn auch. «Über den genauen Täter und den Zeitpunkt ist damit aber nichts gesagt.» Und es sei durchaus möglich, dass der Beschuldigte tatsächlich der Täter sei.

Erstellt: 07.02.2018, 17:51 Uhr

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