Zürich

Was von der Liebe bleibt

Die Beziehungskiste lebt. Das Theater Winkelwiese in Zürich zeigt «Sonnenlinie» von Iwan Wyrypajew.

Distanz und Nähe: Jeanne Devos und Samuel Streiff.

Distanz und Nähe: Jeanne Devos und Samuel Streiff. Bild: Ingo Höhn

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf der Bühne ein Tisch, bedeckt von einem weissen Tuch, darüber eine Wolke, die leuchten kann und auch Schatten wirft: «Sonnenlinie» des russischen Dramatikers Iwan Wyrypajew, jetzt von Manuel Bürgin im Theater Winkelwiese brillant zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht, spielt in einer Küche, die eine Welt für sich ist.

Wir sind in der privaten Hölle.

Niemand kommt hier heraus, bis die Angelegenheiten geregelt sind. Wir sind in der privaten Hölle. Denn die Angelegenheiten meinen die Liebe, respektive das, was von der Liebe geblieben ist. Barbara und Werner sitzen an diesem Tisch. Es ist fünf Uhr am Morgen, die ganze Nacht haben sich die zwei schon gestritten. Nichts ist hier in Ordnung, auch wenn alles in Ordnung scheint: sieben Jahre Ehe, im April ist das Haus abbezahlt, und der Sex ist immer noch mehr oder weniger o.k. Wenn Barbara und Werner miteinander schlafen, dann schaut sie ihn aber nicht an. Und er machts nie ohne Gummi. Szenen einer Ehe, gar nicht gefühlsecht.

Licht und Schatten

Barbara und Werner können nicht mit sich eins sein. Er hofft in diesem Frühling auf ein «positives Ergebnis«, sie hat keine Hoffnung mehr. Vor allem: Die Frau kann den Mann nicht verstehen, wie auch sie von ihm nicht verstanden wird. Alles geht in Brüche. Eine Wand teilt sein und ihr Leben in zwei absolut verschiedene Welten. Diese «Sonnenlinie», wie Barbara diese Grenze zwischen Licht und Schatten nennt, können beide nicht überschreiten. Exakt an dieser Linie entlang bewegt sich das Stück.

«Du bist ein giftiges Streifenhörnchen.»

Ein paar gute Worte würden helfen. Aber es ist nicht einfach zu sagen: «Du, meine Liebe, bist einfach ein Brillant». Das wäre der Schlüssel zum Glück. Stattdessen sagt die Frau: «Du bist ein giftiges Streifenhörnchen.» Und der Mann gibt zurück: «Du bist Gestank im finsteren Arsch von einem gefickten Dachs». Pardon, in diesem Ton kommen die beiden wirklich nicht weiter. Sie gehen in den Infight. Und verletzen sich nicht nur mit Wörtern.

Von Iwan Wyrypajew, geboren 1974 in Irkutsk, wurden an der Winkelwiese schon die Stücke «Genesis Nr.2», «Juli» und »Sommerwespen im November» gespielt. Mit «Sonnenlinie» stellt Regisseur Manuel Bürgin alles wieder auf Frühling. Der Schmerz ist hier zwar gross, und heftig sind die Verwerfungen. Doch es gibt doch Hoffnung, dass die Mauer des Nicht-Verstehens überwunden werden kann.

Aufforderung zum Tanz

Es sind die 75 Minuten von Jeanne Devos und Samuel Streiff, sie spielen Barbara und Werner – und zeigen Schritt für Schritt alle Bewegungen dieser Beziehung. Die beiden können sehr laut sein, wenn sie sich in Wut reden, es kommt zu explosiven Augenblicken.

Barbara meint, Foxtrott zu tanzen, Werner geht eher Richtung Walzer und Tango.

Sie können aber auch die Augen schliessen und für einmal nichts sagen, es ist ihre Aufforderung zum Tanz. Die Vorstellungen gehen zwar auseinander. Barbara meint, Foxtrott zu tanzen, Werner geht eher Richtung Walzer und Tango. Aber so können sie sich wieder näher kommen. Und dann lächeln die beiden sich an. Und es kommt auch zum Kuss.

Ein Aufbruch

Da ist etwas aufgebrochen in diesem Gehäuse, das die Menschen umgibt. Die Bretter, auf denen sie sich bisher bewegten, werden gelöst, und ins Spiel kommt eine neue Leichtigkeit. Jetzt können sich Barbara und Werner sagen, was sie sich vorher nie sagen konnten, zum Beispiel: «Du, meine Liebe».

Theater Winkelwiese, Zürich, bis 10. Februar.

(Der Landbote)

Erstellt: 21.01.2018, 16:23 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!