Zürich

«Wir brauchen weniger Betten, nicht mehr»

Gregor Zünd ist seit knapp einem Jahr neuer Direktor des Universitätsspitals Zürich. Er ist dabei, eine neue Strategie aufzugleisen für die Medizin der Zukunft.

«Es gibt immer etwas zu verbessern»:  Das Zürcher Universitätsspital befinde sich im steten Wandel, sagt dessen neuer Direktor Gregor Zünd.

«Es gibt immer etwas zu verbessern»: Das Zürcher Universitätsspital befinde sich im steten Wandel, sagt dessen neuer Direktor Gregor Zünd. Bild: Marc Dahinden

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Herr Zünd, Sie sind seit elf Monaten Direktor des Universitätsspitals Zürich. Mussten Sie zuerst den Chef markieren?
Gregor Zünd: Nein, das war nicht nötig. Als Herzchirurg liess ich im Operationssaal klassische Musik laufen, weil das für eine ruhige Stimmung sorgt und die Konzentration fördert. Als CEO des Unispitals halte ich Sitzungen nicht zu klassischer Musik ab, aber die Idee dahinter ist dieselbe. Mir ist es ein Anliegen, schwierige Probleme in einer angenehmen Atmosphäre anzugehen. Ich halte Diskussionen, auch mitunter heftige, für wichtig und bin auch bereit, meine Meinung zu revidieren, gleichzeitig scheue mich nicht davor, Entscheide zu fällen.

Was tun Sie, wenn jemand konsequent dagegen ist?
Das habe ich so noch nie erlebt. Das Unispital ist eine Expertenorganisation mit 44 Kliniken und Instituten und 100 Professorinnen und Professoren. Da ist es normal, dass nicht alle gleicher Meinung sind. Bei Differenzen versuche ich, die Menschen zu überzeugen. Dabei hilft, dass ich mich regelmässig mit allen austausche. Unsere Professoren sind anerkannte Experten, deren Meinung ich schätze.

"Es wäre falsch, stillzustehen. Es gibt einen steten Wandel. Dem gerecht zu werden, ist manchmal nicht ganz einfach."Gregor Zünd, Direktor Universitätsspital

Bei so vielen Persönlichkeiten gibt es sicher Konkurrenz.
Die Mentalität ist kompetitiv, wir wollen Wettbewerb. Bei aller Konkurrenz suchen wir aberkonstruktive und faire Lösungen. Letztlich eint uns das gleiche Ziel: Das Wohlergehen der Patienten.

Ihrer Vorgängerin, Rita Ziegler, wurde intern massiv kritisiert, weil sie neue Hierarchiestufen eingeführt hatte. Sehen Sie nun ruhigeren Zeiten entgegen?
Es wäre falsch, stillzustehen. Es gibt immer etwas zu verbessern. Das ist ein steter Wandel. Dem gerecht zu werden, ist manchmal nicht ganz einfach. Grundsätzlich sind die Hierarchien bei uns flach, vor allem in der Spitalleitung.

Wie gehen Sie den «steten Wandel» am Unispital an?
Wir schreiben zurzeit eine neue Strategie. Es stehen zudem grosse Bauvorhaben an. Aber Bauen ist nur das eine. Wir wollen die Prozesse optimieren, um mit neuen Abläufen in die neuen Bauten einzuziehen.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Die Komplexität der Erkrankungen nimmt zu. Früher hatte ein Patient ein Herzproblem. Heute kommt ein Patient mit einem Herz-, einem Nieren- und einem neurologischen Problem. An seiner Behandlung sind Ärzte verschiedener Fachrichtungen beteiligt. Es reicht aber nicht, gute Ärzte zu haben, auch die Pflege wird einbezogen. Diese interprofessionelle und interdisziplinäre Zusammenarbeit über die Kliniken hinweg führt zu guter Diagnostik und zur optimalen Therapie. Wir möchten ja, dass die Patienten das Spital möglichst bald wieder verlassen können.

Ihr Ziel ist es, dass niemand mehr lange im Spital bleibt?
Die Menschen sind lieber zu Hause als im Spital, das ist Lebensqualität. Deshalb soll niemand länger im Spital sein als nötig. Wenn immer möglich sollen Behandlungen ambulant erfolgen. Die Heilung ist das oberste Ziel. Ist dieses nicht zu erreichen, geht es darum, dass der Patient bei möglichst hoher Lebensqualität mit seiner Krankheit leben kann.

Was braucht es dafür im Spital?
Gute und effiziente Zusammenarbeit, etwa durch sogenannte Boards, bei denen verschiedene Spezialisten regelmässig zusammenkommen und die Behandlung eines Patienten besprechen. Und die Qualitätssicherung durch standardisierte, systematische Abläufe. Diese minimieren die Fehlerquote.

Das tönt nach viel Aufwand für die Ärzte.
Es ist viel Aufwand für die Ärzte und die Pflege, aber durch standardisierte Prozesse kann man etwa die Komplikationsrate senken. Anders ist das bei Innovationen und in der Forschung. Dort muss man Freiräume schaffen. Früher hat das Unispital vor allem neue Operationsverfahren entwickelt. Heute arbeiten wir auch in anderen Gebieten an Innovationen, etwa beim Umgang mit Big Data im Spitalbereich oder für die Forschung.

«Dass heute fast alles elektronisch ist, ist eine Chance für den Austausch mit Spitex und Hausärzten.»Gregor Zünd, Direktor Universitätsspital

Sind die Patienten bereit, ihre Daten zur Verfügung zu stellen?
Wir fragen alle Patienten und die grosse Mehrheit gibt ihre Daten dafür frei. Wir gehen mit den Daten sorgfältig um. Dass heute fast alles elektronisch ist, ist eine Chance für das Gesundheitssystem, etwa für den Austausch von Daten und Informationen. Wir müssen vermehrt mit Hausärzten, Regionalspitälern und der Spitex zusammenarbeiten, uns gegenseitig die Daten der Patienten zur Verfügung stellen und Fragen beantworten – natürlich unter Beachtung des Datenschutzes. Dann wird das System meiner Meinung nach nicht teurer, sondern günstiger.

Wie sieht für Sie die Medizin der Zukunft aus?
Heute fangen wir mit der Diagnostik erst an, wenn eine Krankheit da ist; dann beginnt die Therapie. Das Zukunftsideal sieht so aus, dass wir verstehen, wie eine Krankheit entsteht und sie deshalb bereits im Ansatz erkennen können. Zum Beispiel schon, wenn ein Patient eine Tendenz zu einem Asthma- oder einem Epilepsieanfall entwickelt. Ein anderer Ansatzpunkt ist ein gemeinsames Versorgungskonzept von Spital, Hausärzten und Spitex.

Ihre Medizin der Zukunft muss noch in die neue Infrastruktur gegossen werden. Am 27. Februar entscheidet der Kantonsrat über den Richtplan des Hochschulgebiets. Was macht Ihnen mehr Sorgen, ob die Kantonsräte auf Ihrer Seite sind oder die Anwohner?
Ich habe den Eindruck, das Projekt für das Hochschulgebiet und den Neubau des Universitätsspitals hat eine zunehmend höhere Akzeptanz bei den Anwohnern, nachdem das Volumen und die Höhe der Neubauten reduziert wurden. Wir brauchen in Zukunft auch nicht mehr Betten, sondern weniger. Ein grosser Teil der ambulanten Medizin wird künftig im Gesundheitszentrum des Unispitals im Circle am Flughafen angeboten werden.


«Ich bin zuversichtlich. Unsere Platzproblematik wird von den Kantonsräten anerkannt.»
Gregor Zünd, Direktor Universitätsspital

Was ist Ihre Prognose für den Kantonsrat?
Ich bin zuversichtlich. Unsere Unsere Platz- und Infrastrukturproblematik wird von den Kantonsräten anerkannt, und wir werden sehr gut unterstützt.

Es wird immer wieder gesagt, Ihrer sei einer der härtesten Jobs in der Branche. Können Sie das bis jetzt bestätigen?
Nein. Natürlich ist es intensiv, aber ich mache das gerne. Ich bin auch nicht allein. Ich habe Kolleginnen und Kollegen in der Spitaldirektion, die mir helfen, das Schiff zu steuern. Dann haben wir gute Klinikdirektoren, eine kompetente Pflege und engagierte Leute in den nicht medizinischen Bereichen.

Wie verhindern Sie, zwischen den Fronten aufgerieben zu werden?
Fronten bilden sich, wo Menschen sich für ihr Anliegen engagieren. Meine Erfahrung ist, dass man sich zusammensetzen und einander anhören muss. Sind Kritikpunkte berechtigt, müssen wir eine Lösung finden und diese umsetzen. Das ist leider nicht in allen Fällen oder nicht sofort möglich.

Zum Beispiel?
In einigen älteren Gebäuden sind auch die sanitären Anlagen betagt. Die Beschwerden der Patienten darüber sind absolut berechtigt.

Wann kann man mit neuen WCs im Unispital rechnen?
Ende 2018 werden wir das Provisorium im Spitalpark beziehen, Anfang 2020 das ambulante Gesundheitszentrum am Flughafen und 2025 oder 2026 steht voraussichtlich die erste Bauetappe an. Wir bemühen uns aber, dringende Infrastrukturprobleme wenn möglich frühzeitig zu lösen. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 22.02.2017, 20:07 Uhr

Zur Person

Gregor Zünd hat am 1. April 2016 die Nachfolge von Rita Ziegler als Direktor des Universitätsspitals Zürich (USZ) angetreten. Zuvor war er acht Jahre lang Direktor für Forschung und Lehre am USZ und somit bereits Teil der Spitaldirektion. Zünd ist Facharzt für Herzchirurgie und Professor an der Universität Zürich. Er arbeitete in Zürich sowie mehrere Jahre in den USA am Texas Medical Center in Houston und an der Harvard Medical School in ­Boston. Der 57-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und wohnt in Herrliberg. kme

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