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Ausstellung von Peter FischliUnd dann brennt er Löcher in die Betonwände

Nach Fischli/Weiss erfindet sich der Zürcher Künstler neu: In Bregenz zeigt er Büchsen und Affen, ernsthafter, aber immer noch schön verspielt.

Ohne David Weiss wirkt die Kunst von Peter Fischli monologischer, ja ernsthafter.
Ohne David Weiss wirkt die Kunst von Peter Fischli monologischer, ja ernsthafter.
Foto: Miro Kuzmanovic (miromedia.net)

In Bregenz hat er einen ganz grossen Auftritt. Peter Fischli vom Zürcher Künstlerduo Fischli/Weiss, das während dreier Jahrzehnte die Kunstwelt mit seiner humorvollen Weltsicht verblüffte, bespielt nun den Kunstdom allein, den Architekt Peter Zumthor 1997 der Landeshauptstadt von Vorarlberg erbaute. Die Innenräume des Glaskubus, der auch nach über zwanzig Jahren immer noch so einzigartig erscheint wie bei der Eröffnung, wirken in diesen Spätsommertagen so luftig und diesig, dass die Kunst darin beinahe zu schweben beginnt.

Es ist die erste Museumsausstellung des inzwischen 68 Jahre alten Peter Fischli, die er nur mit seinen eigenen Werken bespielt. Mit seinem 2012 verstorbenen Freund David Weiss hat er in einem ständigen Dialog ein Werk entwickelt, das von einer geradezu unerschöpflichen Lust am Basteln erzählt. Mit Weiss konnte Fischli in der gemeinsam gestalteten Kunst abheben, die Welt in einer zugleich witzigen und liebenswürdigen Art überfliegen. Bei Meisterwerken wie dem Film «Der Lauf der Dinge» (1987), in dem die Welt zu einer Abfolge so unsinniger wie folgerichtiger, einander bedingender Unfälle zusammenschnurrt, erreichte ihre Kunst geradezu komische Dimensionen.

Der Affe als Anfang einer Künstlerkarriere: Peter Fischli kopiert und vergrössert eine seiner Kinderzeichnungen und gibt sie als Kunstdruck heraus: «Professoren-Edition 2017 (The Phantom of the Authentic)».
Der Affe als Anfang einer Künstlerkarriere: Peter Fischli kopiert und vergrössert eine seiner Kinderzeichnungen und gibt sie als Kunstdruck heraus: «Professoren-Edition 2017 (The Phantom of the Authentic)».
Foto: Peter Fischli

Nach dem Tod von Weiss hat Fischli das gemeinsame Werk, das nun auch sein eigener Nachlass war, gesichtet, geordnet und ausgestellt. Zum Höhepunkt dieser Werkpflege wurde die grossartige Schau im Solomon R. Guggenheim Museum in New York 2017, wo man auf der spiralförmigen Rampe von Frank Lloyd Wright, die sich an den Museumswänden hinaufschraubt, die in 30 Jahren entstandenen Werke abschreiten konnte. Fünf Jahre nach Weiss’ Tod waren die beiden, die in Europa und der Schweiz längst zur ersten Garde der Gegenwartskünstler aufgestiegen waren, auch in Amerika angekommen.

Die Ausstellung in Bregenz macht klar: Fischlis Kunst ist anders geworden. Man merkt dem Alterswerk des öffentlichkeitsscheuen Künstlers an, dass das langjährige Gegenüber nun fehlt. Fischli, der für ein Interview nicht zu haben war, setzt sich vermehrt mit sich und seiner Geschichte auseinander. Seine Kunst ist monologischer und ernsthafter geworden, ohne dabei den Humor zu verlieren.

Drei mehr oder weniger grosse Werkgruppen stehen im Zentrum der Schau, die sich über vier Etagen ausdehnt: Während wir uns in der ersten Etage Hunderten von Büchsen, Taschen und Kisten gegenübersehen, die auf weissen Podesten ausgestellt sind, erwartet uns in der zweiten buchstäblich ein Wald voller Affen, Affenskulpturen, die ebenfalls auf Podesten platziert sind. Im obersten Stock schliesslich hängen an den Wänden des Museums 16 weisse, kreisförmige Papiere, deren Ränder angebrannt sind: Als Rauminstallation wirkt das ungemein befreiend, es ist, wie wenn der Künstler Löcher in den Beton gebrannt hätte. Sie vermitteln einem die Vorstellung, als könne man so aus dem Museumskäfig ausbrechen.

Peter Fischli: «Papierarbeiten» (2020)
Peter Fischli: «Papierarbeiten» (2020)
Foto: Markus Tretter, Peter Fischli (Kunsthaus Bregenz)

Das Authentische als Phantom

Die Affenskulpturen, es handelt sich dabei um Reliefs, basieren auf einer Zeichnung, die Fischli im Alter von zehn Jahren gemacht hat. Sie zeigt einen stehenden Schimpansen, der seinen rechten Arm lässig auf sein angewinkeltes Bein aufstützt. Links und rechts sind Pflanzenornamente zu sehen. Der Künstler hat seine Kinderzeichnung, die mit grosser Wahrscheinlichkeit auch schon die Kopie eines anderen Bildes oder einer Fotografie war, kopiert, vergrössert und mit Aquarellfarben bemalt. Er nennt das Bild «Professoren-Edition 2017 (the Phantom of the Authentic)», was mitten hineinführt in seine Auseinandersetzung mit dem Echten im Unechten oder dem Unechten im Echten.

Peter Fischli: «Reliefs (Monkeys)» (2019).
Peter Fischli: «Reliefs (Monkeys)» (2019).
Foto: Markus Tretter, Peter Fischli (Kunsthaus Bregenz)

Die Reliefs basieren auf einem Gipsmodell, das Fischli nach dem Gemälde geformt hat. Danach wurden die Abgüsse mit Montageschaum bedeckt und mit einem Brett beschwert, sodass sich der Schaum bis in die kleinsten Ritzen ausdehnte. Diese Formen sind nochmals bearbeitet, geschliffen oder abgeschabt worden, so ergeben sich blumenartig verzierte, ins Dreidimensionale wachsende Tierformen, oder aber solche, die flach sind, bis auf die Affenumrisse reduziert. Mit dieser Serie von Reliefs gelingt dem Künstler eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Anfängen seiner Künstlerbiografie. Mit analytischer Schärfe stellt er fest, dass sich das scheinbar Echte als Phantom erweist, weil es immer auch mit dem Unechten vermischt ist.

Peter Fischli: «Cans, Bags & Boxes» (2017–2019).
Peter Fischli: «Cans, Bags & Boxes» (2017–2019).
Foto: Markus Tretter, Peter Fischli (Kunsthaus Bregenz)

Bei der Arbeit «Cans, Bags & Boxes» fühlt man sich unwillkürlich an die kapitale Skulpturengruppe von Fischli/Weiss erinnert, die den Titel «Plötzlich diese Übersicht» heisst. Aus den menschenähnlichen Knetfiguren sind in Fischlis Atelier einfache Dinge geworden, die Büchsen und Taschen und Kisten täuschend ähnlich und allesamt leer sind. Auf den Podesten sind sie so platziert und gruppiert, dass sie trotz ihrer abstrakten Dinghaftigkeit zu leben beginnen und Geschichten erzählen: Sie erzählen nicht nur vom Schweigen und Schreien, auch von Annäherung und Abstossung, von Stolz und Trauer. Es ist ein Büchsen- und Taschentheater, das in seiner Reduktion mitunter so ungemein fesselnd ist, dass man sich kaum mehr losreissen kann.

Peter Fischli: Ausschnitt aus dem Videofilm «Work, Summer 2018».
Peter Fischli: Ausschnitt aus dem Videofilm «Work, Summer 2018».
Foto: Peter Fischli

Peter Fischli geht es in seiner Kunst nicht darum, das Unechte zugunsten des Echten zu diffamieren, sondern sieht in dieser Dualität jene Energie, die seine Kunst erst befeuert. So zeigt er den Besuchern der Ausstellung im Erdgeschoss des Museums einen Film, den er im Gestus der Appropriation Art mit seinem Handy von einem Monitor abgefilmt hat, auf dem ein Werbevideo lief aus lauter Sequenzen, die mit einer Go-Pro-Kamera aufgenommen wurden.

Die Sprünge mit dem Montainbike, die Fahrt unter Palmen auf dem Skateboard im Schlepptau eines Hundes, die Gischt vor dem Jet-Ski im tiefblauen Meer oder der rasante Ritt auf den Ski durch ein unberührtes Schneefeld künden nun im Museum am Bodensee von jenem Glück, das der Mensch beim Eintauchen in die Natur verspürt und das auch durch das mehrfache Kopieren nichts, aber auch gar nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat.

Kunsthaus Bregenz, bis 29. November 2020.