«Ich wusste ohne zu zögern, dass ich das melden musste»

Alexander Vindman hat den Demokraten die erhofften Szenen geliefert. Mit seinen Aussagen belastet er Trump.

Der Ukraine-Spezialist war am 25. Juli beim Telefonat zwischen Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski zugeschaltet. (19. November 2019) Foto: Reuters

Der Ukraine-Spezialist war am 25. Juli beim Telefonat zwischen Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski zugeschaltet. (19. November 2019) Foto: Reuters

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Da war sie, die Szene, die sich die Demokraten erhofft hatten. In seiner dunkelblauen Uniform mit den goldenen Streifen stand Alexander Vindman vor den Abgeordneten, auf der Brust die Abzeichen, die Hand zum Schwur erhoben.

Ein Oberstleutnant der Armee, der im Nationalen Sicherheitsrat des Präsidenten arbeitet, der trotz einer anders lautenden Order durch das Weisse Haus in der öffentlichen Impeachment-Anhörung gegen Donald Trump auftritt: Das war vielleicht das stärkste Bild der bisherigen Untersuchung durch das US-Repräsentantenhaus. Doch es blieb nicht bei den Bildern. Es sind viel eher die Aussagen, die der Offizier nach dem Schwur machte, die Trump in der Ukraine-Affäre belasten.

«Ich musste das melden»

Das hatte mit der Eindringlichkeit zu tun, mit der Vindman gestern vor dem Geheimdienstausschuss seine Rolle bei den Ereignissen der vergangenen Monate schilderte. Der Ukraine-Spezialist war am 25. Juli beim Telefonat zugeschaltet, das Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski führte. In dem Gespräch forderte der Amerikaner seinen Amtskollegen auf, Ermittlungen gegen seinen politischen Rivalen Joe Biden aufzunehmen. «Ich wusste, ohne zu zögern, dass ich das melden musste. Es war meine Pflicht», sagte Vindman. Es sei «unangebracht» vom Präsidenten, von einer ausländischen Macht eine parteipolitisch motivierte Untersuchung zu verlangen. Vindman wandte sich an den Rechtsdienst des Nationalen Sicherheitsrats.

Für Vindman ist klar: Das war keine Bitte des US-Präsidenten, sondern eine Forderung. (Video: Tamedia)

Eindringlich war aber auch die Begründung, die der ukrainischstämmige Offizier für sein Verhalten vorbrachte. Vor 40 Jahren sei seine Familie aus der Sowjetunion geflüchtet, um in den USA ein neues Leben anzufangen. Aus Dankbarkeit gegenüber seiner neuen Heimat habe er sich für den Dienst bei den US-Streitkräften gemeldet, sagte Vindman. Es sei ihm bewusst, dass Leute in seiner Position in anderen Staaten mit dem Leben dafür bezahlen müssten, wenn sie öffentlich den Präsidenten kritisierten. «Dad», sagte er, «dass ich heute im Kapitol sitze und vor den Volksvertretern aussage, ist der Beweis dafür, dass du alles richtig gemacht hast, als du damals hierhergekommen bist. Mach dir keine Sorgen um mich.»

Der Vater sass nicht im Publikum, als er das sagte, dafür aber Vindmans Zwillingsbruder Eugene, der als Anwalt im Weissen Haus arbeitet. Er verfolgte die Anhörung zumeist regungslos. Eugene Vindman lachte nicht einmal gross, als der demokratische Abgeordnete Joaquin Castro ihn ansprach und witzelte: «Ich hoffe, dass Sie von Ihrem Zwillingsbruder netter behandelt werden als ich von meinem.» Castros Bruder Julian ist derzeit Präsidentschaftskandidat der Demokraten, und weil der Abgeordnete Joaquin nicht ständig mit ihm verwechselt werden will, liess er sich widerwillig einen Bart wachsen.

Nicht Groll, sondern Patriotismus

Es war ein seltener Moment der Heiterkeit. Vindmans Bruder war wohl nicht der einzige im Saal, der die Anhörung als angespannt erlebte. Neben Vindman war auch Jennifer Williams zur Aussage aufgeboten, eine Mitarbeiterin von Vizepräsident Mike Pence, die beim Telefonanruf zwischen Trump und Selenski ebenfalls zugeschaltet war – und Trumps Forderung für ähnlich unangemessen befand. Doch der Grossteil der Anhörung drehte sich um den Offizier. In den vergangenen Wochen war er vom Präsidenten und einigen seiner Unterstützer als Trump-Hasser und als ukrainischer Doppelagent angegriffen worden, sogar Todesdrohungen hat es gegen ihn und seine Familie gegeben. «Abscheulich» seien diese Attacken, sagte Vindman. Es sei nicht Parteipolitik oder Groll gegen Trump, der ihn leite, sondern Patriotismus.

Am Anfang stand ein Telefonat: US-Korrespondent Alan Cassidy erklärt, wie das Impeachment-Verfahren gegen Trump abläuft. (Video: Alan Cassidy, Adrian Panholzer, Sarah Sbalchiero)

Der Frust des Offiziers wurde sichtbar, als ihn Devin Nunes, der Wortführer der Republikaner im Ausschuss, als «Herr Vindman» ansprach: «Es heisst Oberstleutnant Vindman, bitte!» Das hielt die Republikaner nicht davon ab, Vindman wiederholt anzugreifen, teils direkt, teils indirekt. Warum er eigentlich im Saal seine Uniform trage, wollte ein Abgeordneter wissen. Was es damit auf sich habe, dass ihn Berater von Selenski dafür gewinnen wollten, ukrainischer Verteidigungsminister zu werden, fragte ein anderer. Vindman reagierte darauf gereizt. Er erhielt dabei Unterstützung von den Demokraten, die die Republikaner dafür kritisierten, die Loyalität des Zeugen in Zweifel zu ziehen, weil er ein Kind von Einwanderern sei. Und er erhielt die Unterstützung des Publikums im Saal, das nach einer seiner Antworten klatschte.

Ansonsten verbrachten die Republikaner viel Zeit damit, Vindman dazu zu bringen, die Identität des anonymen Whistleblowers preiszugegeben, der die Ukraine-Affäre mit einer Beschwerde überhaupt erst losgetreten hatte. Mit wem Vindman alles über den Telefonanruf zwischen Trump und Selenski gesprochen habe, mit welchen Journalisten, mit welchen anderen Regierungsmitarbeitern und mit welchem Mitglied der Geheimdienste. Die Demokraten versuchten, diese Fragen abzuklemmen, die Republikaner kamen damit nicht weiter. Stattdessen kritisierten sie den «Zirkus», der die Impeachment-Untersuchung doch sei – wahrscheinlich nicht zum letzten Mal.

Erstellt: 19.11.2019, 17:01 Uhr

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