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Löchrige Lockdown-RegelnViel Verwirrung um ersten Öffnungsschritt in Italien

In Italien darf man wieder Sport im Freien machen und sich mit Lieben treffen: Wen man sehen darf, entscheidet zwar die Regierung in Rom, doch die Regel hat ein Schlupfloch.

Bald nicht mehr so allein: Eine Joggerin auf dem Gianicolo, einem der Haushügel Roms.
Bald nicht mehr so allein: Eine Joggerin auf dem Gianicolo, einem der Haushügel Roms.
Foto: Alberto Lingria/Reuters

Halbfreiheit, allerhöchstens. In Italien beginnt «Fase due», «Phase zwei», doch die Köpfe stecken noch in der «Fase uno» fest. Gefangen in der Sorge, dass die vage Zuversicht auf Besserung schnell wieder verpufft. Kein Land Europas traf Corona früher und heftiger als Italien. 29’000 Menschenleben hat das Virus bisher gefordert, offiziell. Wahrscheinlich sind es aber sehr viele mehr gewesen.

Die Kurve ist flach geworden, endlich fällt auch die Zahl der Todesopfer. Doch wenn an diesem 4. Mai einige Lockerungen des harten Lockdown einsetzen, ist es, als traue das Land selbst seinem vorsichtigen Mut nicht wirklich.

«Wir sind mittendrin in der Krise der Pandemie.»

Giuseppe Conte, italienischer Ministerpräsident

Etwa 4,5 Millionen italienische Arbeiter kehren zurück an die Arbeit. In die Fabriken der exportstarken Möbel-, Mode- und Autoindustrie. Auf die Gemüsefelder, die Baustellen, in die Grossmärkte. Alle diese Bereiche der Wirtschaft öffnen wieder, jeder mit einem genau definierten Set von Auflagen.

Die Unternehmer werfen Premier Giuseppe Conte vor, er sei zu zögerlich. Doch der sagt, man habe ihm wissenschaftliche Szenarien unterbreitet, die ihn zu dieser Vorsicht bewegt hätten. Für mehr sei es leider zu früh. «Wir sind mittendrin in der Krise der Pandemie.»

Joggen – sogar am Meer

Ein bisschen etwas passiert aber schon. Im neuen Dekret der Regierung, das bis 18. Mai gilt, steht unter anderem, dass die Italiener nach fast zwei Monaten daheim öfter raus dürfen, allerdings brauchen sie dafür immer noch ein klares Motiv. Weil Bewegung gut ist, dürfen sie Sport im Freien machen und sich dabei etwas weiter von zu Hause entfernen.

Bisher joggte man ums Haus, mehr lag nicht drin. Jetzt darf man sogar ans Meer fahren und die Küste entlanglaufen. Allerdings sind nicht alle Strände offen, in der Romagna und in Ostia bei Rom etwa bleiben sie geschlossen. In diesen vorsommerlichen Frühlingstagen würden sie sich rasch füllen.

Jogging am Meer ist nur denen vergönnt, die in Regionen mit Meeranstoss leben. Die Wohnregion darf man nämlich ohne besondere Bewilligung und bis auf weiteres nicht verlassen, und das hat einen guten Grund. Covid-19 hat das Land dreigeteilt. Der Norden ist stark von der Seuche betroffen, das Zentrum halbstark, der Süden zum Glück nur schwach. Alle Vorsicht dient dem Zweck, den Damm nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Eine Ausnahme macht man für die Studenten aus Süditalien, die im Norden leben: Sie dürfen zurück in die Heimat, wo sie aber zunächst in Quarantäne müssen.

75 Prozent weniger öffentlicher Verkehr

Auch Velofahren geht wieder, das wird sogar sehr empfohlen – für den Arbeitsweg. In vielen Städten im flachen Teil des Nordens gehört das Velo zum Alltag, überall sonst aber eher nicht. Ein Kulturwandel im Süden wäre ein Segen.

Weil der öffentliche Verkehr um 75 Prozent reduziert wird, damit alle Sicherheitsprotokolle erfüllt werden können, wird wohl bald der Individualverkehr mit Autos und Motorrädern stark ansteigen – und mit ihm die Umweltbelastung.

Wie ernst sind Freundschaften?

Viel Verwirrung stiftete Conte, als er bei der Vorstellung seines neuen Dekrets sagte, dass es nun wieder möglich sei, sich mit einem «congiunto» zu treffen. Das ist ein selten gebrauchtes und schwammiges italienisches Wort für Verwandte und Anverwandte, für den Familienkreis im engen und auch etwas weiteren Sinn. Tagelang rätselten die Italiener, an wen Conte da wohl alles gedacht haben könnte.

Nun erliess das Amt des Ministerpräsidenten eine Liste jener «congiunti», mit denen man sich einzeln und mit Schutzmaske treffen darf. Dazu gehören Ehepartner, von denen man gerade getrennt lebt, unverheiratete und feste Lebenspartner, Paare in Zivilpartnerschaften, Verwandte bis zum sechsten Grad (also zum Beispiel die Kinder von Cousins untereinander) und Anverwandte bis zum vierten Grad (etwa Cousins des Gatten oder der Gattin) sowie «Personen, zu denen man stabile Gefühlsbande» unterhält.

Diese letztgenannte Kategorie, zu der intuitiv natürlich Verlobte und Verliebte gehören, gab am meisten zu reden. Die zentrale Frage lautete: Sind auch gute Freundschaften stabile Gefühlsbeziehungen? Nun, für die italienische Regierung sind sie das nicht, und das ist zumindest eine erstaunliche Erkenntnis.

Aber ganz so wichtig ist die Differenzierung vielleicht nicht, denn die Geschichte hat eine barocke Pointe: Auf dem Formular, das man vor dem Besuch eines «congiunto» ausfüllen muss, darf dessen Name nicht stehen – aus rechtlichen Gründen, die Privatsphäre gehöre geschützt. Bei einer allfälligen Kontrolle muss der Polizist den Angaben des Besuchenden einfach glauben.

Und Schule erst ab September

Die Medien waren am Sonntag voll mit solchen praktischen Hinweisen zur Rückkehr zu einer sehr relativen Normalität. Der Mailänder «Corriere della Sera» widmete den Neuerungen zehn Seiten, was mehr der Konfusion geschuldet ist als der Fülle an Klarheiten. Bars und Restaurants dürfen nun Take-away anbieten, essen darf man die Pizzen und Gelati aber nicht in der Nähe der Lokale.

Die Schulen werden erst im September wieder öffnen und auch dann wohl ganz anders, als man es kennt. Die Bildungsministerin erklärte, es werde dann nur Halbklassen im Rotationsbetrieb geben: Mal ist die eine Hälfte der Schüler in der Schule, während die andere daheim an den Computern an den Lektionen teilnimmt, dann umgekehrt. Die Aufregung ist jetzt schon gross. Wahrscheinlich braucht es dann auch da noch viele Präzisierungen der Regierung.

9 Kommentare
    Peter Zürcher

    Während Grenzgänger aus den Krisenregionen munter hin und her pendeln, schottet sich Italien selber von diesen Regionen ab. Und was tun wir, öffnen schrittweise Grenzübergänge.