Grundmedikamenten-Versorgung in der Schweiz nicht mehr sicher 

Der Bund schlägt Alarm, weil Pharmafirmen immer mehr wichtige Medikamente nicht liefern können. Nun soll die Armeeapotheke Grosseinkäufe tätigen.

Fehlende Rohstoffe: In der Schweiz können zurzeit 630 Medikamente nicht geliefert werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Fehlende Rohstoffe: In der Schweiz können zurzeit 630 Medikamente nicht geliefert werden. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei Medikamenten wird in der Schweiz vor allem über die Preise neuer Therapien, etwa gegen Krebs, diskutiert. Dabei droht ein Problem unterzugehen, das für die Versorgung der Bevölkerung gravierender ist: Denn immer mehr günstige Basismedika­mente wie Antibiotika oder Bluthochdruckmittel gehen aus. Die Pharmahersteller können nicht liefern.

Das ist weltweit ein zunehmendes Problem. Noch 2016 kam der Bundesrat zum Schluss, dass keine dringliche Intervention nötig sei. Nun hat die Landesregierung ihre Meinung geändert – und will einschreiten.

Im Frühjahr 2020 soll ein Bericht des Bundesamts für Gesundheit (BAG) mit einer Reihe von Handlungsansätzen für die Schweiz vorliegen. Momentan schaut sich das BAG an, welche Ursachen die chronischen Medikamentenengpässe haben.

«Dabei werden Massnahmen zur Verbesserung der Versorgungssituation auf allen Stufen der Versorgungskette geprüft, also von der Herstellung, Lagerhaltung, dem Marktzugang bis zur Preisbildung, Vergütung», sagt Sprecherin Katrin Holenstein. Im Klartext: Die gesamte Medikamentenherstellung steht zur ­Debatte.

Generika: Anreiz fehlt

Aktuell fehlen laut der Website Drugshortage.ch über 630 Medikamente. Es sind Mittel gegen verschiedene, verbreitete Krankheiten. Allen gemeinsam ist, dass bei ihnen der Patentschutz abgelaufen ist und sie deshalb nicht nur von einer, sondern von mehreren Firmen hergestellt werden. Bei den sogenannten Generika spielt also der Markt, die Preise sind deshalb günstig (lesen Sie dazu auch unseren Kommentar, weshalb billige Medikamente teurer werden müssten).

Genau das aber ist das Problem. «Für die Hersteller fehlen die Anreize, weniger profitable Medikamente herzustellen», stellt die US-Arzneimittelbehörde FDA unverhohlen fest. Ihr Bericht zu den Engpässen ist gerade erschienen. Die Amerikaner sind schneller als die Schweiz und haben schon Massnahmen vorgeschlagen. Die Pharmaindustrie solle etwa durch ein Ratingsystem dazu gebracht werden, weiter in die Herstellung von Generika zu investieren. Hersteller erhalten Noten für ihr Qualitätsmanagement und die Lieferfähigkeit ihrer Generika und können so auf bessere Preise und einen höheren Markt­anteil hoffen.

«Die sichere Versorgung mit bewährten Medikamenten hat einen gewissen Preis.»Marcel Sennhauser, Sprecher des Verbands Sciencesindustries

Das BAG erwägt für die Schweiz derzeit unter anderem ein Exportverbot. Knappe Medikamente dürften dann nicht ausgeführt werden. Auch Preiserhöhungen könnten ausnahmsweise gewährt werden. Ebenso wird diskutiert, dass die Armeeapotheke Aufträge für die knappen Medikamente an Fremdfirmen in der Schweiz vergibt.

Standard-Rohstoffe für die Medikamente werden jedoch schon lange nicht mehr nur von den Pharmafirmen selbst produziert – auch staatlich beauftragte Firmen würden dies kaum tun. Sie kommen aus Chemiebetrieben in Indien und vor allem in China, weil sie dort in riesigen Mengen billiger produziert werden können.

China habe jedoch in den vergangenen Jahren die Vor­schriften für Arbeitssicherheit und Umweltschutz stark angehoben und Tausende Fabriken geschlossen, erklärt Stefan Schmidinger von Kemiex, einer Schweizer Handels- und Informationsplattform für Medikamenten-Rohstoffe. Denn Abwässer und Abgase ­werden nun auch dort besser kontrolliert. In der Folge sind nicht nur die Preise anfälliger für starke Schwankungen und Erhöhungen geworden, was für die Pharmaindustrie höhere Kosten zur Folge hat, sondern auch Unterbrüche in den Lieferketten sind so entstanden.

Nur ein Rohstofflieferant

«Bei den Generika herrscht ein immenser Preisdruck», sagt Axel Müller vom Schweizer Verband Intergenerika. Die Engpässe kommen dem Verband wie gerufen, um gegen das aktuell diskutierte Referenzpreissystems zu argumentieren, das zum Ziel hat, die Preise für Generika in der Schweiz zu senken. Sollten die Preise sinken, so warnt auch der Verband Sciencesindustries, dürfte der Mangel an Basismedikamenten sich noch verstärken. «Will man effektiv etwas gegen die zunehmenden Versorgungsengpässe tun, dann muss man anerkennen, dass die sichere Versorgung mit bewährten Medikamenten einen gewissen Preis hat», so Verbandssprecher Marcel Sennhauser.

Die Hersteller reagieren jedoch auch aus eigenem Antrieb. Novartis ist mit seiner Generika-Tochter Sandoz gerade dabei, für diejenigen Schlüssel-Rohstoffe, die momentan nur von einem einzigen Lieferanten bezogen werden, einen zweiten zu suchen. Beim Ausfall des einen Herstellers würde es dann Ersatz geben. «Die Etablierung einer zweiten Quelle erfordert auf jeden Fall Zeit», so Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto. Laut Drugshortage.ch ist Sandoz mit 135 Medikamenten die Firma mit den grössten Lieferschwierigkeiten in der Schweiz.

Erstellt: 16.11.2019, 09:57 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Kommentare