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Wald im Tösstal«Viele Bäume sind im Dauerstress»

Die Regentage sind für Pflanzen ein Segen. Bis sich der Wald von der Trockenheit erholt, braucht es aber noch viel mehr Wasser.

Förster Rolf Stricker hofft weiterhin auf Regen, damit sich der Wald etwas erholen kann.
Förster Rolf Stricker hofft weiterhin auf Regen, damit sich der Wald etwas erholen kann.
Bild: Madeleine Schoder

Nach dem Regen ist im Wald alles frisch und grün: Wasser tropft auf Sprösslinge, Schnecken und Amphibien kriechen aus ihren Verstecken. Im Wald oberhalb von Wila im Tösstal wirkt es fast so, als hätte es die lange Trockenperiode im Frühling nie gegeben. Doch stimmt dieser Eindruck? Förster Rolf Stricker schüttelt den Kopf. «Schauen Sie genauer hin!», sagt er. Er geht auf eine Rottanne (Fichte) zu und bricht einen Zweig ab.

Aus der Nähe betrachtet, sind am Zweig diverse Nadeln zu sehen, die sich gelblich verfärbt haben. Teilweise haben sich kahle Stellen gebildet. Aus der Ferne betrachtet, sehen kahle Zweige am Baum aus wie braune Fäden, die sich nach unten ziehen. Gesunde, kräftige Bäume sehen anders aus.

Kürzere Lebenszyklen

Auffällig sind auch die zahlreichen Blüten an den Fichtenzweigen. «Wenn Bäume um ihr Leben kämpfen, wollen sie sich nochmals mit aller Kraft vermehren», sagt Stricker. Der viele Blütenstaub in den vergangenen Wochen ist daher teilweise auf diesen Überlebenskampf zurückzuführen. Stricker beobachtet zudem seit längerem, dass sich die natürlichen Lebenszyklen zur Nadel- und Blütenbildung verkürzt haben.

«Viele Bäume sind seit mindestens drei Jahren im Dauerstress», sagt der Förster weiter. «Davon erholen sie sich nicht so schnell.» Es müsste wochenlang regnen, bis sich die Situation wieder einigermassen entspannt. Der Regen in den vergangenen Tagen sei zwar wertvoll gewesen – vor allem da er nicht sintflutartig kam und das Wasser nicht gleich wieder weggeschwemmt wurde –, bislang sei der Waldboden aber erst angenetzt worden.

Aufgrund der Trockenheit haben sich einzelne Nadeln der Rottanne (Fichte) gelblich gefärbt. Zudem wachsen sie spärlicher als in anderen Jahren.
Aufgrund der Trockenheit haben sich einzelne Nadeln der Rottanne (Fichte) gelblich gefärbt. Zudem wachsen sie spärlicher als in anderen Jahren.
Bild: Madeleine Schoder
Überlebenskampf: Rottannen bilden viele Blüten.
Überlebenskampf: Rottannen bilden viele Blüten.
Bild: Madeleine Schoder
Die Fichte wirkt nur auf den ersten Blick saftig grün. Kahle Äste hängen wie Fäden am Baum herunter.
Die Fichte wirkt nur auf den ersten Blick saftig grün. Kahle Äste hängen wie Fäden am Baum herunter.
Bild: Madeleine Schoder
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Das Tösstal war von Trockenheit lange Zeit weniger betroffen als andere Regionen. Schattige Hänge und lehmige Böden verhinderten ein Austrocknen. Nun macht sich Rolf Stricker Sorgen, dass sich Borkenkäfer bald auch hier grossflächig ausbreiten und geschwächte Fichtenbestände zerstören.

Denn nach dem trockenen und heissen Jahr 2018 brachte auch 2019 für viele Bäume keine Entspannung. Und nun hat es diesen Frühling im Tösstal und andernorts 40 Tage lang praktisch gar nicht mehr geregnet. Kommt hinzu, dass der Regen ausgerechnet in jener Phase ausblieb, in der die Bäume am meisten Energie brauchen, um neue Triebe zu bilden. Bäume brauchen in dieser Zeit täglich Dutzende Liter Wasser, um Nährstoffe aus dem Boden in die Äste zu transportieren.

«Je mehr Arten in einem Wald vorkommen, desto stabiler wird das Ökosystem.»

Rolf Stricker, Förster

Einzelne trockene Phasen sind für gesunde Bäume kein Problem. Sie reduzieren dann einfach die Verdunstung oder werfen Äste, Blätter oder Nadeln ab. Mit der Zeit schwinden jedoch die Abwehrkräfte. Schädlinge wie der Borkenkäfer haben dann leichtes Spiel. Rottannen können ohne Wasser zum Beispiel nicht mehr genug Harz produzieren, um sich gegen Borkenkäfer zu wehren.

Betroffen von der Trockenheit sind nicht nur Fichten. Auch Eschen sterben seit längerem vielerorts ab, die Eschenwelke verbreitet sich weiter. Je nach Standort leiden derzeit auch andere Baumarten unter der Trockenheit, so etwa die Weisstanne, einzelne Buchen oder hie und da gar Eichen.

Lücken im Blätterdach

Rolf Stricker zeigt im Wald oberhalb von Wila mehrere Buchen, die in der Krone dieses Jahr kaum Blätter gebildet haben. Stattdessen spriessen die Blätter nur noch «wuschelartig» in der Nähe des Stamms. So sparen die Buchen Energie und hoffen auf bessere Zeiten.

Diese Buche bildet dieses Jahr in der Krone kaum Blätter, um Energie zu sparen.
Diese Buche bildet dieses Jahr in der Krone kaum Blätter, um Energie zu sparen.
Bild: Madeleine Schoder

Bäume sterben, nicht der Wald

Von einem Waldsterben will Rolf Stricker aber keinesfalls reden. Betroffen sind bislang einzelne Bäume und Baumarten. Ziel sei es daher seit längerem, die Diversität in den Wäldern zu erhöhen. «Je mehr Arten in einem Wald vorkommen, desto stabiler wird das Ökosystem», sagt Stricker. Für die Wälder im Tösstal setzt er etwa auf mehr Eichen, Kirschbäume oder Bergahorn. Er hofft, dass für diesen Wandel im Wald genug Zeit bleibt – und dass 2020 nicht ein ähnlich trockenes Jahr wird wie 2018. Für Waldbesitzer hätte dies wohl zusätzliche wirtschaftliche Folgen. Sterben noch mehr Bäume ab, können diese nicht gewinnbringend verkauft werden. Der Markt ist mit Sturm- und Käferholz ohnehin längst gesättigt.