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Leben im WeltraumVöllig losgelöst

Vor 20 Jahren startete die erste Crew zur Raumstation ISS. Der Wissenschaft hat das Milliardenprojekt eher wenig gebracht, aber darum geht es auch gar nicht.

Am Samstag startete der SpaceX-Flug in Richtung Raumstation ISS. Nun kam die vierköpfige Crew sicher an.
Video: Nasa

Es sollte ein würdiger Moment werden, der historischen Bedeutung angemessen. Die Hütte, in der Juri Gagarin wohnte, bevor er als erster Mensch ins All flog, war besichtigt, die Astronauten mit Weihwasser besprenkelt, allerlei Wink- und Grüssvorgänge absolviert. Aber dann geriet der Start zur ersten Mission auf der Internationalen Raumstation, am 31. Oktober 2000, einem nebligen Herbsttag im Kosmodrom Baikonur in Kasachstan, doch eher zu einer Freiluftparty. «Am Fuss der Rakete waren 400 Leute, rufend, schreiend, trinkend, und die Hälfte von ihnen rauchte», erzählte Missionskommandant Bill Shepherd Jahre später, sichtlich beeindruckt. «Da stehen Tausende Pfund Zeug, das gleich bum macht! Aber so machen sie es, und es funktioniert.»

Die Sojus-Rakete machte dann planmässig bum, und Shepherd sowie seine russischen Kollegen Juri Gidsenko und Sergei Krikaljow stiegen auf gen Himmel, um den neuen Aussenposten der Menschheit im All zu beziehen: die Internationale Raumstation (ISS). Zwei Tage später, am 2. November des Jahres 2000, dockten sie an der noch recht rudimentären Raumstation an.

Seit 20 Jahren ist die ISS nun durchgehend besetzt. Zeit für eine Zwischenbilanz: Was haben all der Aufwand, die vielen Milliarden gebracht?

Wir sind die Ersten, wir sind die Besten, und wir sind es, weil wir frei sind.

Ronald Reagan, Ex-Präsident der USA

Als Ronald Reagan 1984 die Nasa beauftragte, eine bemannte Raumstation zu entwickeln, hatte er nicht zuletzt das Ansehen der USA im Blick. Der Fortschritt der Raumfahrt, sagte er in der «State of the Union»-Rede am 25. Januar 1984, sei ein Tribut an amerikanische Exzellenz: «Wir sind die Ersten, wir sind die Besten, und wir sind es, weil wir frei sind.» Also müsse nun eine Raumstation her, und zwar flott, binnen einer Dekade, bitte sehr.

Tatsächlich dauerte es dann 16 Jahre. Die ursprünglich anvisierte US-Station Freedom scheiterte an der Finanzierung, dafür fiel der Eiserne Vorhang. Aus den einst verhassten Russen, denen Reagan mit der Freedom eigentlich mal wieder hatte zeigen wollen, wo der Raumanzug hängt, wurden die engsten Partner für den Aufbau der Internationalen Raumstation (ISS). Schliesslich hatten sie auch die meiste Erfahrung: Schon seit 1986 hatten sie erfolgreich die Mir betrieben, die erste grössere, dauerhaft bewohnbare Raumstation. Das bis 1974 betriebene US-Weltraumlabor Skylab konnte da nicht annähernd mithalten.

In den Aufbau der ISS, 1993 beschlossen auf Initiative von US-Präsident Bill Clinton von USA, Russland, Japan, Kanada und neun europäischen Ländern, flossen die Erfahrungen aus den acht Vorläuferstationen ein. Schon die Mir war in vieler Hinsicht revolutionär gewesen: Der Andock-Mechanismus machte problemlose Versorgungsmissionen möglich. Zudem war die Mir erstmals modular aufgebaut, was es erlaubte, die Gewichts- und Volumengrenze der Trägerraketen zu überschreiten – sie wurde nicht auf der Erde, sondern erst im All montiert.

Mechanische Handarbeit im Raumanzug

Diesem Prinzip folgte zwangsläufig auch die rund dreimal so grosse ISS. Allerdings war der Aufbau wesentlich komplexer als beim russischen Vorläufer; manche Montagearbeiten wurden mit dem riesigen kanadischen Roboterarm Canadarm2 erledigt. Aber vieles war immer noch harte, mechanische Handarbeit im Raumanzug. Nasa-Astronaut Lee Morin, der 2002 an der Installation des zentralen Mittel-Moduls S0 beteiligt war, berichtete später, er habe von den 30 Bolzen, die die ISS zusammenhalten, 12 persönlich eingeschraubt.

Für Astronauten war die neue Raumstation im Vergleich zur Mir eine deutliche Verbesserung: mehr Platz, mehr Komfort, mehr Forschungsmöglichkeiten und auch mehr Privatsphäre, da jeder eine eigene Kajüte von etwas weniger als einem Quadratmeter Grundfläche bewohnte, mit etwas Glück sogar mit Fenster.

Aber trotz der engen Platzverhältnisse schwärmen die meisten von dem Aufenthalt. Anfangs sei man sowieso überglücklich, dass der Traum, in den Weltraum zu fliegen, in Erfüllung gegangen sei, erzählt Thomas Reiter, der als Astronaut sowohl an Bord der Mir als auch der ISS war. «Dieses Gefühl hält lange an, man ist ja auch sehr beschäftigt.» Aber auch danach habe er die Station als eine Art Zuhause empfunden.

Es ist verblüffend, mit welchem Erfindungsgeist die ISS über die Jahre hinweg aufgebaut und betrieben wurde. Bis heute waren mehr als 240 Astronauten aus 19 Ländern an Bord der Station, davon 38 Frauen, die meisten von der Nasa. Allerdings war bis auf den Südafrikaner Mark Shuttleworth noch kein Mensch aus einem afrikanischen Land und kein einziger Inder auf der ISS. Besonders gerecht sind Aufenthalte in der Erdumlaufbahn nicht auf die Menschheit verteilt.

Trotzdem wird immer wieder die gemeinsame Sache, das einende Menschheitsprojekt betont, um die enormen Kosten der bemannten Raumfahrt zu rechtfertigen. Aufbau und Betrieb der ISS haben bis zum Jahr 2010 rund 150 Milliarden US-Dollar verschlungen, jedes Jahr investiert allein die Nasa weitere 3 bis 4 Milliarden Dollar. Grob geschätzt kommen so mehrere Millionen Dollar für jeden Tag eines Menschen an Bord der Station zusammen. Lohnt sich das?

Die für das Leben auf der Erde relevanten Ergebnisse von 20 Jahren Forschung an Bord der ISS sind jedenfalls überschaubar, obwohl die Astronauten zunehmend mehr im Labor forschen. «Etwa 70 Prozent der Zeit arbeitet man an wissenschaftlichen Projekten», sagt Thomas Reiter. Während der übrigen Zeit müsse man dafür sorgen, dass die Station funktioniere.

Seit 20 Jahren im All: Die Internationale Raumstation (ISS).
Seit 20 Jahren im All: Die Internationale Raumstation (ISS).
Foto: AFP

Aber die technischen Möglichkeiten in der Raumstation sind begrenzt. Die beteiligten Raumfahrtagenturen veröffentlichen regelmässig ein Buch, das den Nutzen der ISS für die Menschheit zusammenfassen soll. In der jüngsten Ausgabe sind darin bis Mitte 2018 immerhin 1542 publizierte Studien aufgelistet. Die meisten ISS-Experimente nutzen die Schwerelosigkeit.

Dabei ist das Schwerefeld der Erde in 408 Kilometer Höhe, wo die ISS unterwegs ist, nur zehn Prozent schwächer als am Boden. Die Schwerelosigkeit an Bord ist die gleiche, die man auf Parabelflügen erlebt: Die Raumstation befindet sich quasi im freien Fall um die Erde herum. Alles in ihrem Innern fällt mit ihr, wie in einem abstürzenden Aufzug, und wirkt daher schwerelos. Physikalisch sind Schwerelosigkeit und freier Fall das Gleiche.

Sehr viele ISS-Experimente befassen sich damit, wie sich diese Schwerelosigkeit auf Menschen, Tiere und Pflanzen auswirkt – Fragen indes, die man sich nicht stellen müsste, wenn man einfach auf der Erde bliebe. Zwar sind die Effekte von Schwerelosigkeit sehr ähnlich wie jene des Alterns, aber zu einem echten Durchbruch in der Behandlung von Alzheimer, Osteoporose oder Krebs hat diese Forschung bislang nicht geführt.

Fast alle ISS-Besucher haben den gleichen Lieblingsort

Vielleicht ist es also letztlich doch der Entdeckergedanke, der die Menschen ins All treibt. Das räumt auch Thomas Reiter ein. «Es ist einfach eine Eigenschaft von uns Menschen, wissen zu wollen: Was liegt da draussen, hinter dem Horizont?», sagt er. Natürlich kann man diese Frage viel leichter mit unbemannten Sonden beantworten. Aber das ändert wenig an der Faszination für bemannte Raumfahrt.

Und so wird es wohl noch eine Weile weitergehen mit der ISS. Bis 2024 ist die Finanzierung zugesagt, wahrscheinlich wäre sogar noch eine Verlängerung bis 2030 möglich. Parallel wollen Nasa und ESA den Lunar Gateway aufbauen, eine permanente Station in der Mondumlaufbahn. Die erste Frau und der 13. Mann sollen den Mond betreten, danach soll es möglichst bald Richtung Mars gehen, womöglich in den 2030er-Jahren.

Immer weiter wagt sich der Mensch in den Weltraum vor. Aber der einzige Ort, der ihm jemals eine Heimat war, ist und bleibt doch diese kleine blaue Kugel, so allein in der Schwärze des Alls. Vielleicht ist das der Grund, warum fast alle ISS-Besucher den gleichen Lieblingsort auf der Station nennen: die gläserne Kuppel, von der aus man so wunderbar die Erde beobachten kann.

3 Kommentare
    Matthias Meier

    "Natürlich könnte man diese Frage viel leichter mit unbemannten Sonden beantworten" - Nein, eben nicht. Die unbemannte Sonde kann, sagen wir, die Windgeschwindigkeit messen, Fotos machen, Gestein anbohren und untersuchen. Aber um zu erfahren, wie es an einem Ort wirklich *ist*, braucht es einen Menschen, der einem diese Frage beantworten kann - weil er halt eben selbst da war. Mit "magnificient desolation" (etwa: grossartige Einsamkeit) beschrieb Buzz Aldrin bekanntlich den Mond. Keine unbemannte Sonde kann sowas. Nicht damals, nicht heute, nicht morgen. Eine Sonde ist höchstens ein Hilfsmittel, dient vielleicht der Vorbereitung. Aber an neue Orte zu gehen, ist etwas zutiefst menschliches. Deshalb die ISS heute, deshalb, eines Tages, der Mars. Dann Ceres, Kallisto, und Titan.