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TribüneVon der Würde der Distanz

Eine Kolumne von Monika Schmid.

Neu leben lernen! Diese Worte begleiten mich seit ein paar Wochen, eines Tages waren sie einfach da. Neu leben lernen!

Niemanden mehr umarmen, nicht die Hand geben zur Begrüssung, Abstand halten... oder auf Abstand gehen. Nein, das ist, nebenbei bemerkt, ganz und gar nicht dasselbe. Auf Abstand gehen, das haben wir längst eingeübt, wenn wir etwas nicht sehen wollen, z. B. die überfüllten Flüchtlingslager oder die Armut um uns....

Neu leben lernen! Mit Abstand leben lernen, den richtigen Abstand einüben. Im Kunstunterricht hatten wir gelernt, wie wichtig es ist, ein Bild im richtigen Abstand zu betrachten. Gehe ich zu nah an ein Bild, kann es sein, dass ich die wesentliche Aussage nicht erfasse, bin ich zu weit weg, verliere ich den Bezug zur Darstellung. Neu leben lernen, mit dem richtigen Abstand, heilsam und gut. Unsere Begrüssungsformen überdenken. Ich bin ja ganz froh und erleichtert, dass da und dort der Gruppenzwang von Küsschen, Küsschen, Küsschen wegfällt. Mögen das wirklich immer alle, oder getrauen sich jene, die es eigentlich gar nicht wollen, es nicht zu sagen, werden sie überrannt? Auch eine Form von Übergriff in einer übergriffigen Gesellschaft, die es oft gar nicht mehr wahrnimmt.

Neue Formen entwickeln, die dem Gegenüber entsprechen und der Situation. Ja, ich freue mich auf die Umarmung von Menschen, deren Nähe ich vermisse. Keine Berührung bei trauernden Menschen, keine Hand, die sich auf die andere legt am Krankenbett, all dies sind schmerzliche Erfahrungen.​

Ich sehe den alten Mann vor mir, er gehört zur jüdischen Minderheit im Iran. Er strahlt eine intensive Würde aus, gepaart mit grosser Bescheidenheit. Er steht schon da, als wir kommen, vor dem Grab der Achämeniden-Königin Esther, einer Jüdin, die im 5. Jahrhundert in der persischen Diaspora lebte. Hier will er uns erzählen vom Judentum heute im Iran. Er legt die eine Hand auf sein Herz und verneigt sich vor uns. Seine Würde geht auf mich über, ich bin zutiefst berührt. Diese Begrüssung, diesen Menschen werde ich nie mehr vergessen. Sie war so viel intensiver, als wenn wir ihm die Hand geschüttelt hätten. Eine Begrüssung von Herz zu Herz, von Seele zu Seele. Neu leben lernen von Herz zu Herz, mit dem richtigen Abstand. Die Menschen um uns neu wahrnehmen. Wer bist du, was brauchst du? Spüren lernen, herantasten, nicht überfahren, offen sein für die Schwingungen zwischen uns. Neu leben lernen, Nähe erfahren.

Monika Schmid, Theologin, Gemeindeleiterin katholische Kirche St. Martin, Illnau-Effretikon/Lindau/Brütten.