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LomoVon Kindern und Herdplatten

Kinder entwickeln ein Präventivbewusstsein mit neun oder zehn Jahren. Bei manchen Erwachsenen dauert es viel länger.

Gemäss Entwicklungspsychologie bildet sich das Bewusstsein für Gefahren erst allmählich. Ein
sechsjähriges Kind zum Beispiel kann auf einen Baum klettern, merkt dann aber erst dort oben,
dass es runterfallen könnte. Das vorausschauende, antizipierende Gefahrenbewusstsein entwickelt
sich erst im Alter von etwa acht Jahren und das vorausplanende Präventivbewusstsein sogar noch
später, mit etwa neun oder zehn.

Doch freilich gibt es auch bezüglich des entwicklungspsychologischen Fortschritts mitunter Ausreisser: Manche kommen nämlich offenbar auch im hohen Alter nicht über die Stufe eines Kleinkinds hinaus. So hat sich ein bewunderter deutscher Theaterregisseur nicht entblödet, sich jüngst in einem Interview darüber zu entrüsten, dass er sich nicht von seiner Kanzlerin sagen lassen wolle, er solle die Hände waschen. Und auch hierzulande schaffen es Leute zwar bis in den Nationalrat, beweisen aber aktuell mit ihren Kommentaren, der Bundesrat solle gefälligst aufhören mit seinen Massnahmen gegen die Corona-Epidemie, etwa so viel Reflexionsniveau wie ein Kind, das nicht glauben will, dass man sich die Hand verbrennt, wenn man sie auf die Herdplatte legt.

Wobei, eigentlich ist der Vergleich ungerecht. Den Kindern gegenüber. Ich kann mich jedenfalls nicht entsinnen, dass ich jemals mit einem meiner Buben folgendes Gespräch führen musste: «Aber Papi, meine Hand ist ja immer noch ganz heil, warum darf ich sie dann nicht auf die Herdplatte legen?» – «Sie ist ja eben drum heil, weil ich dir verboten hab, sie auf die Herdplatte zu legen.» – «Aber wenn ich es nicht ausprobieren darf, wie kannst du dann ganz sicher wissen, ob ich mich wirklich verbrenne? Kannst du mir beweisen, dass ich meine Hand wirklich verbrenne, wenn ich es trotzdem tue?» – «Ich kann dir Bilder zeigen, wie andere sich die Hand verbrannt haben, die es getan haben.» – «Aber trotzdem, das ist ja vielleicht nur bei den anderen so, aber bei mir nicht.»

Nein, so eine birreweiche Diskussion musste ich mit einem Kind tatsächlich noch nie führen. Mit erwachsenen, auf ihre angebliche Mündigkeit pochenden Menschen müssen wir es aber tagtäglich. Und was das Ganze noch schlimmer macht: Wenn die dann trotzdem ihre Hand auf die Platte legen, dann verbrennen nicht nur sie, sondern wir alle uns die Finger.