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Kommentar zum Einsatz im Sex-MilieuWar das wirklich nötig?

Beamte der Zürcher Stadtpolizei haben an der Langstrasse ein Haus betreten, als wäre es radioaktiv verseucht. Darin wohnen Prostituierte, die ohnehin eingeschüchtert sind.

Einsatz der Stadtpolizei Zürich am 1. September an der Langstrasse.
Einsatz der Stadtpolizei Zürich am 1. September an der Langstrasse.
Foto: Urs Jaudas

Die Szenen erinnerten an den Film «Outbreak» mit Dustin Hoffman, in dem eine amerikanische Kleinstadt von einem hochgradig tödlichen Virus heimgesucht wird. Oder an Tschernobyl, Ende April 1986.

Am Dienstagnachmittag mussten vier Beamte der Zürcher Stadtpolizei an der Langstrasse rund fünfzig Quarantäneverfügungen aushändigen. Dazu betraten sie ein Haus, in dem auf drei Stockwerken afrikanische Prostituierte wohnen, oft zu dritt oder zu viert in einem Zimmer. Bei ihrem Einsatz trugen die vier Polizisten nicht bloss Masken, sondern auch weisse Schutzanzüge und Handschuhe.

War dieses Outfit wirklich nötig zumal es laut Vertreterinnen von Isla Victoria, einer Anlaufstelle für Sexarbeiterinnen, um Frauen ging, die ohnehin eingeschüchtert waren, kein oder nur wenig Deutsch sprechen und die Situation teilweise nicht richtig einschätzen konnten?

Astronauten auch im Villenviertel?

Würden sich die Beamten auch im Astronautenlook präsentieren, wenn sie einer Schweizer Familie am Zürichberg eine Verfügung übergeben müssten? Steckt hinter ihrem Outfit vielleicht sogar ein rassistisches Weltbild, das Afrika jenseits des Coronavirus mit Schmutz und Infektionsherden assoziiert?

Der Sprecher der Stadtpolizei, Marco Cortesi, sagt dazu: «Wir tragen für die Gesundheit unserer Mitarbeiter eine grosse Verantwortung. Und wir nehmen das Coronavirus ernst.» Ausserdem würden die Anzüge vom forensischen Institut zur Verfügung gestellt, es gebe keine Auswahl zwischen bedrohlich oder weniger bedrohlich wirkenden Modellen.

Ein Polizist, nachdem er den Frauen die Quarantäneverfügung ausgehändigt hat.
Ein Polizist, nachdem er den Frauen die Quarantäneverfügung ausgehändigt hat.
Foto: Urs Jaudas

Cortesi betont, zwei Beamte hätten bereits zwei Tage zuvor einer Prostituierten im selben Haus mitteilen müssen, dass ihr Testergebnis positiv ausgefallen sei und sie sich in einem Spital in Isolation zu begeben habe. Dabei hätten mehrere Frauen derart emotional reagiert, dass den beiden Beamten bei einem Gerangel die Maske verrutscht sei. Danach mussten sie ebenfalls in Quarantäne. «Der Entscheid, am Dienstag einen Schutzanzug zu tragen, lag beim Einsatzleiter», sagt Cortesi.

Die Stadtpolizei hat beim Abwägen zwischen Sicherheit der eigenen Beamten einerseits und visueller Rücksicht auf die emotionale Erschütterung der betroffenen Frauen andererseits die Waagschale klar zugunsten der Sicherheit sinken lassen. Aber nicht zuletzt angesichts des erwähnten Vorfalles erscheint das vertretbar.

Polizisten waren geduldig

Vor allem aber haben Mitarbeiterinnen der Anlaufstelle Isla Victoria sowie der Organisation Incontro die Beamten bei ihrem Einsatz begleitet. (Incontro versorgt die Frauen mit Nahrungsmitteln und sonstigen Gebrauchsgütern.) Die Begleiterinnen betonen auf Anfrage übereinstimmend, die Beamten seien äusserst geduldig und rücksichtsvoll gewesen. «Wir sind jeden Tag in dem Haus, die Frauen sprechen mit uns offen über ihre Ängste und Probleme. Der Schutzanzug der Polizisten ist nie ein Thema gewesen», sagt Ariane Stocklin von Incontro.

Tritt die Staatsmacht Personen gegenüber, die in unserer Gesellschaft nicht zu den Reichen, Mächtigen und Privilegierten gehören, ist es lobenswert, wenn Öffentlichkeit und Medien besonders genau hinschauen. Und gegebenenfalls schonungslos kritisieren. Diesmal gibt es dazu keinen Grund.

47 Kommentare
    Zisg Acha

    Die Polizisten sind da nicht schuld.

    Schuld ist eine bigotte Gesellschaft, die vor allem Frauen, denen es schon vorher schlecht ging, schamlos ausnutzt. Sie in ein Leben unter miesesten Umständen zwingt.

    Dass sich dieselbe Gesellschaft dann auch noch erlaubt diese Frauen dafür moralisch zu verurteilen ist der Gipfel.