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Neues Album der StrokesWar es das, Jungs?

Die Strokes sind die coolste Rockband der Welt, ihr neues Album ist grossartig. Trotzdem wirken sie gerade ziemlich fehl am Platz.

Prägendste Rockband nach 2000: Die Strokes aus New York.
Prägendste Rockband nach 2000: Die Strokes aus New York.
Foto: PD

Als ich mit 16 aus einem Englandaufenthalt zurückflog, hatte ich zwei CDs im Gepäck. Die eine war eine Best-of der Smiths, die andere das Debüt von fünf jungen Amerikanern. «Is This It?» hiess es, die Band stammte aus New York, 2001 war das Jahr.

Den Kollegen vorgespielt, mussten wir nicht diskutieren: Klar, das wars.

Poesie der Langweile und euphorische Energieanfälle zwischen Melodien, die nach lange erwarteten oder knapp verpassten Liebestreffen klangen. «I am too young and they are too old», sang Julian Casablancas. Stimme: maximal blasiert.

Der Vorwurf, die Strokes seien bloss Rock-Zombies und ihre Akkorde altbekannt, er kümmerte uns nicht. Gedanken zum Fliegen, zum Cover mit dem Frauenhintern, zu den Privilegien des jungen Mannes? Eher weniger. Letztlich waren die Strokes eine gesteigerte Form von uns selbst – einfach mit reicheren Eltern, besseren Frisuren und ein paar Ideen für Musik.

Die kommenden Jahre malte man sich so aus: In der blauen Stunde durch Barcelona streunen und Lederjacke tragen dabei. Ungefähr so kams dann auch, die Strokes lieferten den Soundtrack: «I missed the last bus, I’ll take the next train.» Die Band wiederholte sich mit ihren nächsten Alben, ging irgendwie vergessen.

Sie zitieren sich selbst

Jetzt sind sie zurück, alle mittlerweile um die 40 Jahre alt. «The New Abnormal» heisst das Album, abgemischt von Produzenten-Guru Rick Rubin, der bereits Johnny Cash und die Red Hot Chili Peppers zurück auf die Spur gebracht hat.

Erste Hörprobe: Vieles hätten die Strokes so schon 2001 spielen können. Findige Fans haben bereits Passagen entdeckt, in denen sich die Band selber zitiert. Casablancas’ Texte kreisen noch immer um Fluch und Segen der Schönheitsdividende, die ihm als Sohn eines Models und eines Modelagenturbesitzers hinterlassen wurde.

In einem Song wie «Selfless» beschwört er mit heiserer Stimme alte Zeiten, die Gitarristen Nick Valensi und Albert Hammond beschrummeln das abgehangene Nichtstun. Öfters tönts wieder nach jener anderen grossen New Yorker The-Band, nach The Velvet Underground – einfach mit besserem Equipment und ohne herumdokternden Andy Warhol. Alles wie gehabt also.

Der Ernst der Jugend

Doch seltsam: Irgendwie klingt das gerade ziemlich falsch. Die Welt ist eine andere geworden, die Jugend dieser Tage, zumal die Klimajugend als ihre typische Vertreterin, wirkt so verstörend anders, so radikal und dezidiert uncool: Dieses Weltrettungspathos, die sackartigen Kleider, der humorlose Ernst in jeglichen Fragen der Moral, die Bekenntnisse zu echter Erschöpfung und wahrer Depression.

Anstrengend sind die Jungen natürlich vor allem, weil sie fast immer recht haben. Wie unangebracht wirkt dagegen die ästhetisierte Lethargie der Strokes in dieser Zeit, in der die Doomsday-Clock lauter tickt denn je. Die Schnöseligkeit eines Casablancas: nur noch zynisch.

Plötzlich da, sofort epochal: Die Strokes, 2001.
Plötzlich da, sofort epochal: Die Strokes, 2001.
PD

Bitteres Fazit: Die Zeit der Strokes ist vorbei, ihr Sound definitiv veraltet. Sie setzten einst den Goldstandard für Coolness, schön wars. Ihre Geschichte war das erste und letzte Kapitel der Retrorock-Ära, die andere grossartige Bands wie die Libertines und Franz Ferdinand hervorgebracht hat oder auch die Arctic Monkeys, deren Sänger jüngst bekannte: «I just wanted to be one of the Strokes.»

Billie Eilish ist Fan

Doch halt, zweite Hörprobe. So einfach ist es eben doch nicht. Die elektronischen Sounds, in den letzten, wenig überzeugenden Alben bereits da und dort eingestreut, sind nochmals mächtiger geworden. «Brooklyn Bridge to Chorus» ist ein perfekter Synthiesong, Valensis Gitarre imitiert ein Keyboard. Das rostige Gerüst der althergebrachten Rockband versinkt im Kaugummi-Dancefloor-Pop.

«Brooklyn Bridge to Chorus» dürfte an jeder 80s-Party bejubelt werdenund ist zugleich anschlussfähig an die Gegenwart. Sie höre das Strokes-Album derzeit 18-mal am Tag, sagt Billie Eilish, die Dominatorin des heutigen Pop. Sie könne einfach nicht aufhören damit.

Auch mit dem Kardinalsong des Albums, dem so fantastisch flirrenden, so wunderbar tanzbaren «Eternal Summer», zeigen die Strokes, dass sie es nicht beim Verwalten alter Akkorde belassen. Casablancas’ Stimme klingt wandlungsfähig wie nie, kippt vom Punkgebrüll ins Falsett und wieder zurück. Den Klimawandel und «Game of Thrones» hat er auch mitgeschnitten in den letzten Jahren: «Summer is coming, won’t go away».

Anfang Jahr waren die Strokes sogar auf Wahlkampftour mit Bernie Sanders. Störrischerweise spielte die Band weiter, auch nachdem das Licht in der Halle wieder angeknipst worden war. Es kam zum Gerangel auf der Bühne, die Polizei griff ein, worauf die Strokes prompt ihren aggressivsten Song auspackten: «New York City Cops» («They ain’t too smart»).

Er habe gedacht, er werde gleich verhaftet, sagte Julian Casablancas danach. Wurde er selbstverständlich nicht. Auch sollte man das Engagement der Strokes nicht überschätzen. Auf etwas mehr Sozialdemokratie hat man sich ja noch immer einigen können. Während des Sanders-Konzerts sagte der wie stets etwas verladene Casablancas, er sei nur wegen der Musik hier wegen der «unkontroversen Musik».

Gewählte Melancholie

Auch «The New Abnormal» ist kein ernsthaft politisches, ja nicht einmal irgendwie ernsthaftes Album. Im Eröffnungssong, «The Adults Are Talking», adressiert Julian Casablancas ein paar nicht weiter spezifizierte Aktionäre. Er werde «es» dann irgendwann mal in Ordnung bringen, verspricht er, um gleich anzufügen: «Oh, maybe not tonight.» Die Erwachsenen, macht Casablancas gleich klar, das sind weiterhin die anderen.

Später geht es wiederum um verpasste Liebschaften und vergammelte Tage («Why Are Sundays so Depressing»). Den letzten Track, die sphärische «Ode to the Mets», schrieb Casablancas unter dem Eindruck einer Niederlage seines Baseballteams, der New York MetsTrauer wegen eines Sportevents, auch so ein Luxusproblem.

Der Song ist ein lyrisches Fragment zu Verlust und Enttäuschung, das Auskosten gewählter Melancholie ist nach wie vor der Default-Modus dieser Band. Casablancas schwelgt im Ungefähren: «It’s not wrong, but it’s not right.»

Die Strokes bleiben unzuverlässige Gefährten, wie wohl auch viele ihrer Fans. Ändern dürfte sich daran nicht mehr allzu viel. Wir sind zu alt, die andern zu jung.

The Strokes, «The New Abnormal», RCA