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Streit zwischen Apple und FacebookWarum Facebook grosse Angst vor einem kleinen Pop-up hat

Hunderte Millionen iPhone-Besitzer müssen bald zustimmen, bevor Apps bestimmte Daten sammeln dürfen. Das versetzt Facebook in Alarmstimmung.

Apple verhindert künftig standardmässiges Tracking und macht daraus eine Opt-in-Option.
Apple verhindert künftig standardmässiges Tracking und macht daraus eine Opt-in-Option.
Foto: Getty Images/Westend61

In Blog-Einträgen und ganzseitigen Inseraten in grossen US-Medien inszeniert sich Facebook als Retter des «freien Internets» und als Fürsprecher von KMU. Auf einer eigens eingerichteten Kampagnenseite sollen Hoteliers, Coiffeure, Restaurantbesitzerinnen und andere Betroffene ihre Stimme gegen Apple erheben und auf die dramatischen Folgen eines kleinen Pop-ups aufmerksam machen. Glaubt man Facebook, geht es um das Schicksal von Millionen kleinen Unternehmen.

Der Grund für die Panik: Im Juni hatte Apple das «App Tracking Transparency»-Framework (ATT) angekündigt. Vereinfacht gesagt, sollen Entwicklerinnen und Entwickler um Erlaubnis fragen, bevor sie User quer über andere Apps und Websites hinweg verfolgen.

Wenn Websites Bestätigungsdialoge einblenden, sind diese meist schwer verständlich bis manipulativ.

Apple verhindert also standardmässiges Tracking und macht daraus eine Opt-in-Option. Es braucht die ausdrückliche Zustimmung der Nutzenden, bevor ihnen eine individuelle Werbe-Identifikationsnummer zugewiesen werden darf. Das könnte drastische Konsequenzen haben. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und Unternehmen nutzen das gnadenlos aus: Nur ein Bruchteil der Nutzerinnen und Nutzer beschäftigt sich mit den Voreinstellungen der Dienste und Apps, die sie installieren. Die Standardkonfiguration bleibt unangetastet, und die lautet meist: alle Datenschleusen auf.

Wenn Websites Bestätigungsdialoge einblenden, sind diese meist schwer verständlich bis manipulativ: Wollen Sie alle Cookies akzeptieren? Dann klicken Sie bitte auf diesen riesigen blauen Knopf. Sie haben etwas dagegen? Hier sind 27 Haken, die Sie einzeln abwählen können.

Solche sogenannten Dark Patterns sollen Menschen dazu bringen, Dingen zuzustimmen, die sie gar nicht wollen. Der Dialog, den bald Hunderte Millionen iPhone-Besitzer sehen werden, ist nicht irreführend, sondern eindeutig: «Ask App not to Track» oder «Allow». Die genauen deutschen Übersetzungen sind noch nicht bekannt, sie dürften aber ähnlich unmissverständlich ausfallen.

Milliardengeschäft ist bedroht

Die geplanten Änderungen bedrohen eine ganze Branche, die jedes Jahr Milliarden Dollar umsetzt. Dazu gehören Werbenetzwerke, Targeting-Firmen und Anbieter von Tracking-Technologie. Auch viele Entwicklerinnen und Entwickler integrieren Facebooks Software-Bausteine in ihre Apps, sammeln darüber wertvolle Nutzungsdaten und blenden personalisierte Anzeigen ein. Gemeinsam mit Facebook, grossen Verlagen und der Werbebranche protestierten sie gegen Apples Pläne.

«Wir glauben, dass User selbst entscheiden sollten, welche Daten über sie gesammelt werden.»

Apple-Chef Tim Cook

Der Widerstand zeigte Wirkung. Apple verschob den Start, woraufhin acht Organisationen wie Amnesty International und die Electronic Frontier Foundation (EFF) einen offenen Brief schrieben, um ihrer Enttäuschung Ausdruck zu verleihen. Jane Horvath, die bei Apple für alle Entscheidungen zuständig ist, die Datenschutz betreffen, antwortete umgehend: «Wir stehen weiter voll und ganz hinter ATT und unserem umfassenden Ansatz, Privatsphäre zu schützen.» Apple habe den Entwicklern nur mehr Zeit geben wollen, um ihre Apps anzupassen.

In Foren tauchen bereits erste Screenshots auf, die den Bestätigungsdialog zeigen. Offenbar wird es Apple Entwicklern Anfang des kommenden Jahres verbieten, ohne Einwilligung mithilfe einer Werbe-ID zu tracken. Für Apple-Chef Tim Cook ist die Sache eindeutig: «Wir glauben, dass User selbst entscheiden sollten, welche Daten über sie gesammelt werden», schreibt er auf Twitter. Facebook könne Nutzerinnen und Nutzer nach wie vor quer über Apps und Websites hinweg verfolgen. Und weiter: «ATT in iOS 14 verlangt nur, dass sie davor um Erlaubnis fragen.»

Zuckerberg und Cook mögen sich nicht

Cook und Facebook-Chef Mark Zuckerberg verbindet eine innige Abneigung. Cook reibt Zuckerberg bei jeder Gelegenheit unter die Nase, wie wenig er von Facebooks Geschäftsmodell hält: Daten sammeln, Nutzerprofile bilden und deren Aufmerksamkeit an Werbetreibende verkaufen, die personalisierte Anzeigen schalten können.

Zuckerberg betont seinerseits, dass Facebook Milliarden Menschen auf der ganzen Welt vernetze, die keinen Cent dafür zahlen müssten. Apple verkaufe hochpreisige Geräte an eine wohlhabende Elite. Cook solle sich nicht als Held aufspielen, der Menschen ihre Privatsphäre zurückgebe.

Apple verdient den Grossteil seines Geldes mit Hardware. Dagegen macht das Anzeigengeschäft fast 99 Prozent von Facebooks Umsatz aus. Der aktuelle Konflikt ist für Zuckerberg deshalb doppelt unangenehm: Apple trifft Facebook an seiner wundesten Stelle. Und Cook nutzt nun genau die gleichen Wörter, mit denen Facebook sonst oft argumentiert: Kontrolle und Wahlfreiheit.

Websites sind werbefinanziert

Wohl auch deshalb zieht Facebook andere Betroffene hinzu. Viele Websites und Dienste sind nur deshalb gratis, weil sie sich durch Werbung finanzieren. Doch Apple will nicht Anzeigen per se verbieten, sondern nur bestimmte Formen des Trackings. Werbung, die KMU auf Facebook schalten, wäre zwar tatsächlich weniger effektiv, wenn viele User dem Tracking widersprechen. Dass ausgerechnet Facebook, das jahrelang mit Programmen wie Free Basics aktiv daran gearbeitet hat, das freie Netz durch ein Facebook-Internet zu ersetzen, sich nun als Bastion des freien Netzes aufspielt, verwundert viele Beobachter.

Dazu zählen nicht nur die Bürgerrechtler der EFF, sondern auch Facebooks eigene Angestellte. Wie die Nachrichtenportale Buzzfeed und The Intercept berichteten, geben sich Angestellte in internen Chats skeptisch. «Es ist, als rechtfertigten wir es, dass wir schlechte Dinge tun, indem wir uns hinter Leuten verstecken, die mehr Mitgefühl auslösen», schrieb ein Entwickler. «Machen wir uns keine Sorgen, dass uns das auf die Füsse fällt, weil es so aussieht, als wolle Facebook nur sein eigenes Geschäft verteidigen?», soll ein anderer gefragt haben.

Für Facebook steht viel auf dem Spiel. In den USA und in Europa drohen Kartellklagen und scharfe Regulierung, die den Umsatz empfindlich schmälern könnten. Der neue US-Präsident Joe Biden gilt nicht als Facebook-Fan. Dass nun auch noch Apple Facebooks Werbegeschäft bedroht, muss Zuckerberg Sorgen machen.

Für Nutzerinnen und Nutzer sind die Änderungen hingegen eine gute Nachricht. Sie können sich mit einem Klick ein Stück ihrer Privatsphäre zurückholen.

68 Kommentare
    Sacha Meier

    Mit Verlaub, aber Sie verbreiten Sirenengesänge. Wie etwa, dass sich die SVP für den kleinen Mann von der Strasse einsetzt. Haben Sie sich noch nie gefragt, warum es nicht möglich ist, so ein iPhone, oder iPad mit dem PC per USB-Kabel zu verbinden und Daten direkt, statt via der iCloud auszutauschen - wie bei einem USB-Stick? Geht bei meinem Uralt-Windows Mobile 8.1 noch. Genau. Weil eben Apple (und auch Google) ganz genau wissen wollen, welche Daten Sie halten und bearbeiten, sowie was so an Daten rauf- und runter geht. Um nur schon das zu umgehen, benötigen Sie eine kostenpflichtige Drittanbietersoftware (z.B. EaseUS). Wissen aber die wenigsten und nutzen die prominent angebotene integrierte Cloudlösung - wie etwa Microsoft das auch mit OneDrive tut. Apple mischt genau so im Datenbusiness mit, wie jeder andere Datenkonzern auch. Das zahlt auch gleich die iCloud-Infrastruktur. Oder würden Sie etwa auf eigene Kosten in einem Rechenzentrum gesicherte NAS-Server betreiben wollen und darauf lauter Gratis-Accounts bis 5GB-Speicherplatz an Kreti und Pleti verteilen wollen? Das würden Sie nur machen wollen, wenn Sie sich in Ihren AGB das Recht einräumen liessen, die Kundendaten nach den üblichen Kriterien zu analysieren und zu verkaufen.