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Jugendliche bestimmen die WahlWarum «Mittwoch» das Jugendwort des Jahres werden könnte

Dieses Jahr stimmen die Jungen selbst über das deutsche Jugendwort des Jahres ab. Nun kämpft «Mittwoch» gegen «Schabernack».

Illustration: Stefan Dimitrov

Die Vorgeschichte

«Hurensohn» soll das Jugendwort des Jahres werden. Zumindest wenn es nach einer Community im Netz geht, die dieses Wort liebt und feiert und ihm neue, nur ihnen verständliche Bedeutungsnuancen abgewonnen hat. Die Fans einer hässlichen Kröte hingegen, die jeden Mittwoch verkündet, dass es Mittwoch ist, kämpfen online für das Wort «Mittwoch». Auch «Schabernack» hat eine solide Lobby in diesem Internetkrieg.

Das Jugendwort des Jahres, vielfach als realitäts- und auch jugendfern geschmäht, soll nach einem Jahr Pause nun nicht mehr von einem Gremium bestimmt werden, stattdessen sollen die Jugendlichen selbst es wählen. Das Problem dabei sind natürlich die Jugendlichen: «Wir haben schon erwartet, dass viele Beleidigungen einreichen», sagt eine Sprecherin des Pons-Verlags, der den Langenscheidt-Verlag 2019 geschluckt hat und nun das deutsche Jugendwort kürt. «Aber wir haben gedacht, dass es mehr unterschiedliche Beleidigungen wären.»

Der Aufstieg von «Hurensohn»

Als dann aber «Hurensohn» sehr stabil nach oben geht, als schliesslich klar wird, dass nicht nur, aber eben auch eigens programmierte Computerbots in regelmässigen Abständen automatisch für das Wort stimmen, macht man sich bei Pons auf die Suche, wo das herkommt – und stolpert in die Welt von «ich_iel». Der Verlag trifft also auf echte Jugendliche, dort, wo echte Jugendliche rumhängen: im Internet. «ich_iel» ist eine rund 165'000 Mitglieder grosse Community auf der Plattform Reddit, einer der Online-Schmieden von sogenannten Memes, also Internetwitzen.

Die Abkürzung «ich_iel» steht für «ich im echten Leben». Ich_iel liebt es, englische Begriffe ins Deutsche zu übersetzen, das ist der Kernwitz, der die Community zusammenhält. Mit Deutschtümelei hat das nichts zu tun, es geht um den Jux. Aus Harry Potter wird «Haariger Töpfer», Instagram heisst «Sofortigram» und die «Boomer», also die Vertreter der Babyboomer-Generation, heissen «Explodierer». Wenn jemand auf ich_iel ein englisches Wort benutzt, wird er von der Community freundlich in der Sache, aber ultra drastisch in der Wortwahl aufgefordert, er möge doch bitte Deutsch sprechen, «du Hurensohn».

Illustration: Stefan Dimitrov

Wer damit begonnen hat, weiss niemand mehr, aber irgendwie wurde daraus ein Running Gag, bis sich schliesslich «Hurensohn» ganz herauslöste. Aus der Beleidigung wurde eine Pointe, ein Destillat des Gruppengefühls.

Was an diesem Wort so lustig sein soll, versteht man als Aussenstehender ohne den Kontext all dieser Witze nicht. Und genau darum geht es – wie wahrscheinlich immer bei Jugendsprache, oder sogar bei Sprache generell: Man möchte verstanden werden. Aber man will auch etwas für sich und die eigene Gruppe beibehalten, das nur dort verstanden wird. Linguistische Rudelbildung.

Die Gegner

Als andere Communitys hören, dass ich_iel «Hurensohn» zum Jugendwort des Jahres machen will, beginnen sie, eigene Vorschläge zu posten – wie verrückt. Einige Nutzer berichten stolz ihren jeweiligen In-Groups, sie hätten gerade Stunden damit verbracht, immer wieder für «ihr» Wort zu stimmen. Laut Pons-Verlag sind so inzwischen etwa 900'000 Stimmen zusammengekommen, wenn man die herausrechnet, die von Computerbots stammen.

Mit anderen Worten: Um das Jugendwort des Jahres ist ein «Meme War» entbrannt. Geführt werden solche Kriege, wie der Name vermuten lässt, mit Memes, also mit einfach herzustellenden Basteleien aus Bildern, die man im Internet gefunden hat, und ein bisschen Text, der die Pointe liefert. Je lustiger ein Meme, desto häufiger wird es geteilt. Reichweite, die Währung des Internets, ist das Ziel.

Vor Kurzem hat der Pons-Verlag entschieden, dass «Hurensohn» nicht das Jugendwort des Jahres werden kann, «da wir Begriffe dieser Kategorie nicht unterstützen möchten», wie es in einer Erklärung auf Instagram heisst. Das Ganze sei sowieso eher ein Witz gewesen, so offenbar der überwiegende Tenor der Kritiker.

Das Finale

Bis zum 10. August werden noch Vorschläge gesammelt, am 15. Oktober wird das Siegerwort gekürt. Ich_iel hat sich inzwischen mit den Philipp-Amthor-Memes verbündet und setzt nun auf «Schabernack», was dadurch zu einem möglichen Favoriten wird. Aus der Swaggy-Smombie-Planjugendlichkeit vergangener Jugendwörter würde es auf jeden Fall herausstechen.

Ebenfalls weit vorn sind laut dem Verlag «wyld» (wild), «no front» (nichts für ungut), «Köftespiess» (erste Mahlzeit von Deutschrapper Xatar nach dem Knast), «Mittwoch», «Brüh» (eine Variante von «Bro») und «Black Lives Matter», aber es sei noch alles offen. Auf ich_iel liest man ausserdem einen weiteren Vorschlag häufiger: «Zensurensohn».