Gesundheit

Was Gebären mit Politik zu tun hat

Eine Geburt im Spital, aber ohne Ärzte: Dieses Modell spricht immer mehr Frauen an. Kantonsräte sehen die Gesundheitsdirektion in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die hebammengeleitete Geburt bekannter wird.

Ganz in den Händen der Hebamme: Bei einer hebammengeleiteten Geburt im Spital ist kein Arzt zugegen, solange sie komplikationslos verläuft.

Ganz in den Händen der Hebamme: Bei einer hebammengeleiteten Geburt im Spital ist kein Arzt zugegen, solange sie komplikationslos verläuft. Bild: Keystone

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Annina Gerber* kennt sich aus im Gesundheitswesen: Die Zürcherin, Mitte dreissig, ist selber Ärztin. Als sie mit ihrem zweiten Kind schwanger war, erfuhr sie trotzdem erst fast im letzten Mo­ment von der Möglichkeit ei­ner hebammengeleiteten Geburt am Stadtspital Triemli. Einer Geburt­ also, die ganz in den Händen­ einer Hebamme liegt, solange­ sie einen physiologischen, das heisst gesunden und problemlosen Verlauf nimmt. Nur zufäl­lig sei sie auf das Angebot gestossen, sagt Gerber. ­«Schade – denn für Frauen, die so natürlich wie möglich gebären möchten, wäre es wichtig, besser dar­über informiert zu werden.»

Das findet auch die Zürcher ­SP-Kantonsrätin Monika Wicki. Zusammen mit zwei Kollegen von AL und EVP lancierte sie ein Postulat zur Stärkung der hebammengeleiteten Geburtshilfe. Der Kantonsrat hat dieses Anfang 2016 unterstützt. Die Regierung musste somit prüfen, wie die eigenverantwortliche Schwangerenvorsorge, Geburt und Nachsorge durch Hebammen zu fördern ist. Mittlerweile liegt dazu ein Bericht vor. Der Kanton gibt sich darin zurückhaltend, was seine Steuerungsmöglichkeiten betrifft: In den Wettbewerb zwischen den Spitälern, die über heb­ammengeleitete Angebote entscheiden, greife er nicht ein.

Spitalbefragung polarisiert

Hingegen hält die Regierung – gestützt­ auf einen Experten­bericht der Berner Fachhochschule Gesundheit – fest, dass die hebammengeleitete Geburtshilfe «ein vielversprechendes Modell» sei. Sie reduziere die Kaiserschnittraten, fördere die Spontangeburt und die Zufriedenheit der Frauen. Ihr Potenzial sei in der Schweiz noch nicht aus­geschöpft. Postulantin Wicki ist über solche Töne hocherfreut. Umso mehr sieht sie die Behörden in der Pflicht: Die Mass­nahmen, die Ge­sund­heits­direk­tor Thomas Heiniger (FDP) vorschlage, seien zu wenig griffig.

Die Gesundheitsdirektion hat bei den Zürcher Geburtshäusern und -kliniken eine Umfrage durch­geführt. Demnach beurteilen diese die hebammengeleitete Geburt am Spital als «sehr kon­trovers». Wicki, die Einsicht in die Antworten hatte, interpretiert das anders: 12 von 16 Kliniken sähen klare Vorteile – etwa die grössere Wahlfreiheit der Müt­ter und kurze Wege bei Notfällen. Zudem zeigten die Antworten, was es aus Sicht der Spitäler brauche, um hebammengeleitete Ange­bote zu etablieren.

Zeit ist auch im Gebärsaal Geld

Wicki setzt einerseits auf eine klare­ Kompetenzregelung zwischen Hebammen und Ärzten, sodass das Hebammenpotenzial ausgeschöpft werden kann. Zudem fordert sie eine höhere Geburtspauschale: Für eine komplikationslose Geburt erhält ein Spital heute deutlich weniger Geld als für eine mit Kaiserschnitt. Das sei ein Fehlanreiz. Sie for­dert, dass Heiniger sich als aktueller Präsident der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz für eine bessere Abgeltung einsetze. «Für hebammengeleitete Modelle braucht es ent­sprechende Ressourcen.»

Im Übrigen, finden die Pos­tulanten, wäre die dringendste und ein­fachste Massnahme eine öffent­liche Informationskampagne zur hebammengeleiteten Geburt. Das wäre auch im Sinne von Annina Gerber. Ihren kleinen Sohn im Arm, erzählt sie: «Die Hebamme konnte gut einschätzen, wann ich sie brauchte. Ich fühlte mich extrem sicher während der Geburt – und würde es sofort wieder so machen.»

* Name geändert (Der Landbote)

Erstellt: 07.05.2018, 14:05 Uhr

Arbeitsgruppe mit Bern

Als Reaktion auf das Postulat hat der Kanton Zürich gemeinsam mit dem Kanton Bern sowie Fachorganisationen eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Diese soll primär die Spitalliste aktualisieren und Anforderungen an die hebammen­geleitete Geburt definieren. Für die Postulanten bleibt damit aber vieles im Dunkeln: Sie fordern vom Regierungsrat einen ergänzenden Bericht zu den Ergeb­nissen der arbeitsgruppe. Derzeit ist das Geschäft bei der Gesundheitskommission pendent; noch vor den Sommer­ferien könnte es wieder in den Kantonsrat kommen. amo

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