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Innovation aus VerzweiflungWeltweit einzigartig – Zürcher Opernhaus löst Corona-Problem

900 Zuschauer hören, was das Orchester im Proberaum spielt, dank Liveübertragung. So sind hier Aufführungen möglich, die überall sonst zu riskant wären. Bereits gibt es internationales Interesse am Zürcher System.

Im Probelokal gilt bis zum Platz Maskenpflicht, die Notenpulte stehen auf Distanz: Die Philharmonia Zürich hält bei den Proben alle Sicherheitsvorschriften ein.
Im Probelokal gilt bis zum Platz Maskenpflicht, die Notenpulte stehen auf Distanz: Die Philharmonia Zürich hält bei den Proben alle Sicherheitsvorschriften ein.
Foto: Andrea Zahler

Probe im Zürcher Opernhaus, auf der Bühne steigern sich zwei Sänger ins Drama, Orchesterklänge strömen aus dem Graben, es ist wie immer. Fast wie immer: Denn wenn man in den Graben schaut, ist es stockdunkel dort. Kein Mensch ist da. Nur zehn Lautsprecher.

Was aus diesen Lautsprechern kommt, wird ein paar Hundert Meter entfernt gespielt, im Probelokal am Kreuzplatz. Dort sitzen die Musikerinnen und Musiker der Philharmonia Zürich hinter ihren Notenpulten, mit striktem 1,5-Meter-Abstand. Auch der Chor ist hier; weiträumig verteilt sitzen die Sängerinnen und Sänger auf der Tribüne, Plexiglasscheiben trennen sie vom Orchester.

Drumherum gibt es Kameras, Bildschirme, Lautsprecher, Desinfektionsmittel, Monitore, Maskenschachteln. Also alles, was es braucht, um trotz Corona grosse Oper zu ermöglichen. Denn das ist das Ziel dieses Projekts, das im Mai in einer Phase der totalen Verzweiflung entwickelt worden war.

Die Tontechniker sorgen für die Übertragung. Das Opernhaus Zürich organisiert sich wegen Corona um:  Wie funktioniert das neue Produktionssystem des Opernhauses?
Die Tontechniker sorgen für die Übertragung. Das Opernhaus Zürich organisiert sich wegen Corona um: Wie funktioniert das neue Produktionssystem des Opernhauses?
Foto: Andrea Zahler

Maximal 16 Musiker, so hatte man damals ausgerechnet, dürften sich in den Graben setzen, wenn die Abstandsregeln eingehalten werden sollen. Mit dieser Besetzung wäre nur eines der für die nun bald startende Saison geplanten Werke zu retten gewesen, Pergolesis «L’Olimpiade». Alles andere hätte man streichen müssen. Oder durch Liederabende ersetzen. Oder durch irgendwelche anderen Projekte.

Auf die Idee mit dem ausgelagerten Orchester kamen damals zwei Mitglieder der Corona-Taskforce des Opernhauses: Marketingchefin Sabine Turner und Sebastian Bogatu, der Technische Direktor, der nun (mit Abstand!) vor dem Probelokal am Kreuzplatz sitzt und mit einiger Erleichterung über das Resultat dieser Idee spricht, das seit einigen Tagen getestet wird.

Technisch läuft alles gut bisher, «erstaunlich gut», sagt Bogatu: Die Kommunikation zwischen den Sängern im Opernhaus und dem Dirigenten am Kreuzplatz, die Übertragung über eine Glasfaserleitung, die Koordination zwischen Orchester und Bühnealles kein Problem. Selbstverständlich ist das nicht: Denn der Dirigent hat die Stimmen zwar im Kopfhörer; das Orchester dagegen hört sie nicht oder nur ganz leise, weil sie sonst über die Mikrofone zurückgespielt würden. Und die Sängerinnen und Sänger haben statt Menschen ein schwarzes Loch vor sich: Auch das ist gewöhnungsbedürftig.

Der Chor tönt manchmal noch nach Lautsprecher. Aber das soll sich noch ändern.

Am meisten freut sich Bogatu über den Orchesterklang. Der ist tatsächlich bemerkenswert präsent und natürlich, ein richtiger Raumklang. Beim Chor dagegen ist er noch nicht ganz zufrieden, «der tönt manchmal noch nach Lautsprecher». Aber auch das wird man in den Griff bekommen, «wir sind ja erst daran, Erfahrungen zu sammeln».

Dass Bogatu dennoch nicht grenzenlos euphorisch klingt, hat damit zu tun, dass «das hier» eben trotz allem nicht das ist, was Oper sein möchte. Oper ist live, unverstärkt, eine von vielen Menschen getragene Kunst in einem schönen Saal. Selbst wenn die Übertragung perfekt istsie bleibt eine Notlösung.

Eine raffinierte Notlösung immerhin. Und eine weltweit einzigartige: Kein anderes Opernhaus hatte die Möglichkeit für ein solches System, das nur funktioniert, wenn man einen sehr grossen Probenraum hatund genügend Geld für die technische Aufrüstung. Rund 250’000 Franken wurden investiert, und selbst die haben nur gereicht, weil schon früher eine Surround-Anlage im Opernhaus installiert worden war. Bisher kam sie nur bei Ballettaufführungen mit Musik ab Tonband oder bei zeitgenössischen Werken zum Einsatz; nun rettet sie den Spielplan.

Und nicht nur das: Sie ermöglicht dem Zürcher Opernhaus eine Planungssicherheit, die es sonst nirgends gibt. Wenn ein Musiker an Covid-19 erkranken würde, könnten die anderen dennoch weiterspielen, da der Abstand jederzeit eingehalten wird. Sollte sich das Virus verflüchtigen, kann man von einem Tag auf den anderen auf Normalbetrieb umstellen: Die Produktionen werden geprobt sein, die Sänger vor Ort. Werden dagegen wegen einer zweiten Welle wieder alle Aufführungen mit Publikum verboten, kann man nahtlos zum Streaming wechseln.

Schaut man sich die Spielpläne anderswo an, sieht man zweierlei Taktiken: Manche Häuser bleiben geschlossen oder setzen auf alternative Formate. Andere starten tatsächlich mit (in der Regel höchstens mittelgross besetzter) Oper, mit dem Orchester im Grabenund dem Risiko, bei einem Krankheitsfall die ganze Besetzung in Quarantäne schicken zu müssen.

Der Dirigent Kirill Karabits gibt sein Zürcher Debüt unter speziellen Bedingungen. Und den Applaus wird er nur per Monitor in Empfang nehmen können.
Der Dirigent Kirill Karabits gibt sein Zürcher Debüt unter speziellen Bedingungen. Und den Applaus wird er nur per Monitor in Empfang nehmen können.
Foto: Andrea Zahler

Bei diesen Alternativen wird rasch klar, dass die teure Zürcher Lösung möglicherweise eine günstige ist: 90 Prozent der Abonnenten haben ihr Abo erneuert, was sie kaum getan hätten bei einem Schrumpfprogramm. Das Opernhaus muss sich auch nicht aus lange vor der Pandemie geschlossenen Verträgen mit Sängerinnen oder Regisseuren freikaufen.

Die Einnahmen werden dennoch zurückgehen im Vergleich zu normalen Jahren; bis auf weiteres werden nur 900 der 1150 Plätze besetzt, trotz der bundesrätlichen Bewilligung von Grossanlässen. Auch hier setzt man auf Sicherheit: Man will dem Publikum in den engen Gängen und Foyers ein wenig Luft verschaffen.

Alles bestens also? Man wird es sehen. Und vor allem wird man es hören: Erstmals am kommenden Sonntag, wenn mit der international beachteten Premiere von Mussorgskis «Boris Godunow» die neue Saison eröffnet wird. Es ist ein Stück mit grossem Orchester und grossem Chor: Das neue System wird gleich beim ersten Reality Check zeigen können, was es zu bieten hat.

22 Kommentare
    Mike Burkart

    Die Kosten für eine solche Anlage sind fürs Opernhaus ein Klacks bei über 70 Millionen Franken Subventionen aus Steuergeldern.