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Klimaziele in GefahrHeizen die Winterthurer weiter so dreckig, rückt «netto null bis 2050» in weite Ferne

Eine Immobilienstudie der Zürcher Kantonalbank zeigt, dass beim Heizen gerade die Städter kaum auf klimafreundliche Technologien umschwenken. Winterthur schneidet nur bedingt besser ab.

Foto: Marc Dahinden
Nach wie vor wird in Winterthur vor allem mit Heizöl und Gas geheizt, was die Klimaziele gefährdet.  
Foto: Marc Dahinden
LAB

Werden die Wohnhäuser im gleichen Tempo saniert wie in den letzten Jahren, wird das Klimaziel 2050 einer CO2-neutralen Schweiz erst in 100 Jahren erreicht, ganze 70 Jahre später als geplant. Die Zürcher Kantonalbank legt in ihrem neusten Immobilien-Monitoring den Finger auf einen wunden Punkt: Bei der Umstellung auf klimafreundlichere Heizungen geht es nach wie vor harzig voran, gerade in den Städten mit ihren vielen Wohnblocks und Altbauten. In sieben von zehn Gebäuden wird noch immer fossil geheizt, mit Heizöl (41 Prozent) oder mit Gas (30), auch in Winterthur. Mit einem Anteil von 48 Prozent Heizöl und 29 Prozent Gas schneidet die Stadt nur vergleichsweise gut ab. Doch klimafreundliche Wärmepumpen, Fernwärme und Holzpellets werden noch immer selten benutzt (Anteil 20 Prozent). Solarenergie fällt – wie überall – mit einem Anteil von 0,5 Prozent nicht ins Gewicht (siehe Tabelle).

Von Gas zu Gas…

Für die Analysten der ZKB ist klar, warum beim Heizen die Trendwende in den Städten so schleppend vorangeht: Ein Heizsystem eins zu eins zu ersetzen, ist nach wie vor die bequemste und billigste Lösung, zumindest vorerst (siehe Info-Box). Infrastruktur wie Tanks, Leitungen und Radiatoren sind bereits installiert. Wärmepumpen, auf denen die Hoffnung letztlich ruhe, kämen bislang vor allem bei Neubauten und Einfamilienhäusern zum Einsatz. Die meisten Liegenschaftsbesitzer setzen beim Ersatz deshalb auf «Altbewährtes». Das verdeutlicht der Städtevergleich, den die Stadt Zürich letztes Jahr publiziert hat.

In drei von vier Fällen blieb man bei einem Heizungswechsel auch in Winterthur bei einer fossilen Lösung und wechselte von Gas zu Gas oder von Heizöl zu Gas, dem Energieträger mit der zweitschlechtesten CO2-Bilanz. Ebenfalls bemerkenswert: In Winterthur wurde in 43 Prozent der Fälle trotz Verfügbarkeit kein Fernwärmeanschluss installiert, obwohl dies grundsätzlich Pflicht wäre.

Zwar ist die Wechselquote in Winterthur unter dem Strich vergleichsweise hoch, aber sie bleibt auf tiefem Niveau. Ausserdem begünstigt die kürzere und spätere Zeitspanne (2014– 2018) das Ergebnis.

Die Studienautoren kommen letztlich zum Schluss, dass man a) das Gasangebot zurückfahren müsste, wo Alternativen möglich sind, b) man Wärmeverbünde und Fernwärme ausbauen sollte und c) den Wechsel von fossil auf fossil per Gesetz «einschränken» sollte.

Der Gemeinderat hatte vor einem Jahr in einer Motion vom Stadtrat verlangt, Massnahmen für das Ziel «netto null Tonnen CO2 bis 2050» zu präsentieren. Dieser bat um Aufschub und will in zwei Jahren Mittel und Wege skizzieren, auch zum Zwischenziel einer Tonne CO₂ pro Kopf und Jahr bis 2030. Dafür wird gerade das «Energie- und Klimakonzept» überarbeitet.

Die Stadt will den ökologischen Heizungswechsel unter anderem mit folgenden Massnahmen fördern:

- Ausbau des Fernwärmenetzes und der Wärmeverbünde (Holzheizungen)

- Gratisberatung

- Keine neuen Gasanschlüsse mehr bis 2030

- Fördergelder und -programme von Stadt, Kanton und Bund

Gaskunden blieben stur

Besitzer alter Heizungen haben die Behörden zuletzt aktiv für eine Gratisberatung angeschrieben. 300 Gespräche kamen dadurch zustande und zeigten eine gewisse Wirkung. Statt vier von zehn seien danach nur noch zwei von zehn bei ihrer Ölheizung geblieben. Die Hälfte stieg auf eine grünere Variante um. Von den Gaskunden hingegen liess sich praktisch keiner überzeugen. Unter dem Strich ist der Heizölbedarf ist in den letzten vier Jahren um ein Viertel gesunken.

Was den rechtlichen Spielraum anbelangt, zeigt man in der Stadt auch in Richtung Kanton: Dessen Parlament soll bald ein neues Energiegesetz beraten und eine Umsetzung der sogenannten Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn). Im Kanton Luzern traten diese 2019 in Kraft, und siehe da: 80 Prozent der fossilen Heizungen wurden seither klimafreundlich ersetzt. «Wir sind überzeugt, dass es diese MuKEn auch im Kanton Zürich braucht», heisst es seitens der städtischen Abteilung Energie und Technik.
Anders gesagt: Man muss mehr als nur einen Gang höher schalten, um die neuen Energieziele zu erreichen.

Was macht die Stefanini-Stiftung?

Den grössten Knackpunkt, um «netto null» zu erreichen, sehen die Immobilienexperten der Kantonalbank bei den Altbauten. Dort ist sowohl die Sanierung der Fassade als auch ein Austausch der Heizungen komplizierter und aufwendiger. Das lenkt in Winterthur den Blick auf die Stefanini-Stiftung.

Stadtweit besitzt die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte mehr als 150 Mehrfamilienhäuser und etwa 1200 Wohnungen, davon 50 in der Altstadt. Dort startet bald auch das grosse Renovierungsprogramm, das die Terresta Immobilien- und Verwaltungs AG in den nächsten zehn Jahren plant. In 29 Altstadtwohnungen wird noch mit Holzöfen geheizt, 19 mit Fernwärmenetz, zwei mit Gas. Wo möglich, heisst es, werde man die Häuser ans Fernwärmenetz anschliessen. Das ist in Winterthur inzwischen Pflicht. «Wo kein Anschluss möglich ist, suchen wir nach Alternativen», sagt Terresta-Sprecher Matthias Meier.

Die grösste ökologische Leistung bei den Sanierungen sei allerdings, dass die Stiftung ältere Wohnhäuser mit solider Bausubstanz nicht abreisse und neu baue, sondern saniere, auch energetisch. Gleichzeitig wolle man weiterhin günstige Mieten anbieten. «Wir werden den Spagat schaffen müssen, ökologischer zu werden und gleichzeitig ökonomisch zu bleiben.»

Foto: Madeleine Schoder
Sanierungsbedarf in der Altstadt: Hier will die Terresta bald die ersten Häuser sanft sanieren, auch energetisch.
Foto: Madeleine Schoder