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Digitale Kontrolle bei NovartisWie Schweizer Firmen die Mitarbeiter-Kontrolle handhaben

Der Pharmakonzern trackt die Arbeitsweise seiner Angestellten. Andere setzen auf Vertrauen statt auf Datenanalyse. Doch die Nutzung solcher Tools nehme zu, sagt eine Expertin.

Was machen die Mitarbeiter im Homeoffice? Diese Frage wird vermehrt mit Software-Tools kontrolliert.
Was machen die Mitarbeiter im Homeoffice? Diese Frage wird vermehrt mit Software-Tools kontrolliert.
Foto: Sebastian Gollnow (Keystone, DPA)

Novartis nennt es «Arbeitsplatz-Analytics», geläufiger ist der Ausdruck «People Analytics»: Dahinter steckt das professionelle Auswerten von Daten, welche die Mitarbeitenden bei der Arbeit generieren. Gerade während der Corona-Zeit boomen in aller Welt solche Software-Tools, um die Mitarbeitenden zu kontrollieren. «Damit können wir messen, ob die Mitarbeiter telefonieren, E-Mails schreiben, in digitalen Meetings sind», sagte Steven Baert, Personalchef bei Novartis im Interview mit dieser Zeitung. 

Andere Schweizer Firmen sind bei solchen Auswertungen, wie sie die Novartis macht, zurückhaltender. Grosse Firmen wie Swisscom, die Post, Credit Suisse, UBS, Baloise, die SBB, Coop und die Mobiliar sagen auf Anfrage, dass man keine solche Software einsetze.

Bei Novartis-Konkurrent Roche heisst es beispielsweise: «Wir tracken keine IT-Aktivitäten, um die Leistung oder das Verhalten von Mitarbeitenden zu erfassen.» Man erfasse aber Daten wie die Gesamtzahl von E-Mails, Videokonferenzen und Speicherplatz, «um den reibungslosen Ablauf unserer Geschäftstätigkeit sicherzustellen», sagt ein Sprecher. «Roche hat eine Kultur, welche die Eigenverantwortung der Mitarbeitenden und das gegenseitige Vertrauen betont, was sich auch während der vergangenen Monate bewährt hat», so der Sprecher. Ähnliches betont auch die Post: «Bei der Post setzen wir auf eine Vertrauenskultur, welche die Eigenverantwortung und die Selbstkompetenz der Mitarbeitenden in den Vordergrund stellt», sagt eine Sprecherin.

«Hier wird wohl nicht Vielfalt ermöglicht, sondern Einfalt. Und das ist nicht gut für Unternehmen.»

Antoinette Weibel, Professorin an der HSG

Die Aussagen der angefragten Unternehmen passen zur Forschungsarbeit von Antoinette Weibel. Sie forscht an der HSG St. Gallen auf dem Gebiet Personalmanagement. Sie sagte gegenüber SRF4 News, dass die Unternehmen generell relativ moderat und vorsichtig unterwegs seien. Ein Blick in die Resultate der Studie zeigt: Schweizer Unternehmen setzen solche Tools mehrheitlich zum Nutzen von Unternehmen und Mitarbeitenden gleichermassen ein – und somit nicht gegen die eigenen Mitarbeitenden.

Laut Weibels jüngster Forschungsarbeit zum Thema Big Data nehme die Nutzung solcher Tools in Firmen in der Schweiz zu. Hauptsächlich würden Unternehmen solche Systeme für die Rekrutierung und die Leistungsmessung und Lenkung nutzen. 39 Prozent der von der HSG befragten Firmen gaben an, dass sie beim Rekrutieren solche Tools einsetzen. 18 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren.

Die Expertin selbst habe ambivalente Gefühle gegenüber solchen Auswertungen, sie sehe aber durchaus auch positive Aspekte. Sinnvoll seien solche Tools, wenn sie Fähigkeiten und Stärken der Mitarbeitenden erkennen. Das helfe etwa bei der Zusammenstellung von Teams. 5,5 Prozent der von der HSG befragten Firmen nutzen Tools, um den Mail-Verkehr zu durchleuchten, um genau solche Stärken zu entdecken. Skeptischer ist Weibel beim Einsatz in der Rekrutierung, wenn etwa mittels Algorithmen nach den besten Mitarbeitenden gesucht wird. «Hier wird wohl nicht Vielfalt ermöglicht, sondern Einfalt. Und das ist nicht gut für Unternehmen», sagt Weibel im Interview mit SRF 4 News. Solche Programme haben denn auch schon zu negativen Schlagzeilen geführt, weil sie Frauen diskriminierten.

Firmen können nicht alles tun

Novartis-Personalchef Baert betont, dass die Mitarbeitenden freiwillig mitmachen bei dem Programm und dass nur Daten auf Team-Ebene über 30 Mitarbeitende gesammelt und ausgewertet würden. Und Novartis konnte schon Verhalten identifizieren, die sie nun anders gestalten will – zum Vorteil der Arbeitnehmenden: So konnten die Verantwortlichen etwa sehen, dass es im Homeoffice mehr vereinbarte Termine gibt. «Statt kurz zum Kollegen rüberzugehen, buchen sie einen Termin im Kalender», sagt Baert. Novartis habe darauf reagiert und will nun, dass die Mitarbeitenden mehr «ruhige Zeit» hätten, statt Termin um Termin zu absolvieren, wie Baerth sagt.

Dem Einsatz solcher Systeme sind Grenzen gesetzt. So heisst es bei der Gewerkschaft Unia: «Ganz grundsätzlich gilt, dass Unternehmen ihre Mitarbeitenden nicht einfach überwachen dürfen, wie sie wollen.» Verboten sei beispielsweise die Überwachung des Verhaltens der Angestellten mit Überwachungs- und Kontrollsystemen, durch die einzelne oder mehrere Tätigkeiten oder Verhaltensweisen erfasst werden können.

Die Einrichtung eines Überwachungs- und Kontrollsystems sei nur zulässig, wenn es aus «anderen Gründen» als der Verhaltensüberwachung notwendig ist. Also beispielsweise zur Sicherheits- oder eben auch Leistungsüberwachung, sagt ein Unia-Sprecher. Systeme zur Überwachung und zur Leistungskontrolle müssten so ausgestaltet sein, dass die Gesundheit und die Bewegungsfreiheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht beeinträchtigt würden, so der Sprecher weiter.

6 Kommentare
    Hansruedi Balschbacher

    " So konnten die Verantwortlichen etwa sehen, dass es im Homeoffice mehr vereinbarte Termine gibt. «Statt kurz zum Kollegen rüberzugehen, buchen sie einen Termin im Kalender», sagt Baert."

    Boah, das sind ja breaking news.

    Ist in China heute eventuell wieder einmal ein Sack Reis umgefallen?