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Projekt zur Kosten-Nutzen-AnalyseWie viel Lebensqualität erhalten Krebspatienten durch ihre Therapie?

Das Unispital Basel und Roche starten eine Befragung bei Lungenkrebskranken. Auch die Krankenkassen wollen wissen, ob die Behandlungen überhaupt wirken.

Ein Patient bei der Chemotherapie in einer Onkologiepraxis: Wie stark leidet er unter den Nebenwirkungen?
Ein Patient bei der Chemotherapie in einer Onkologiepraxis: Wie stark leidet er unter den Nebenwirkungen?
Foto: Giorgia Müller

Überleben ist nicht alles. Wie geht es Krebspatientinnen während und nach ihrer Therapie wirklich? Medizin und Pharmaindustrie messen häufig nur die Zeit, die die Behandelten ohne weiteres Fortschreiten der Krankheit überleben. Die Lebensqualität wird nur selten berücksichtigt. Diese aber ist für Patienten und Patientinnen entscheidend. Gerade weil diese Qualität subjektiv ist.

Dem Universitätsspital Basel (USB) geht es um genau diese individuelle Wahrnehmung und die jeweiligen persönlichen Bedürfnisse. Es ermittelt sie per digitalem Fragebogen. Gefragt wird nicht: Wie fühlen Sie sich? Sondern ganz gezielt oder auch: Wie stark fühlen Sie…? Denn nur so lässt sich subjektives Empfinden objektiv messbar machen.

Das Unispital gehört damit zu den Pionieren für wertebasierte Gesundheitsversorgung unter den Spitälern in Europa. Unter dem Begriff wird die auf die Patientinnenbedürfnisse abgestimmte Behandlung gefasst. Nun starten die Basler auch das erste Projekt zusammen mit einem Pharmakonzern: Roche und das Basler Unispital wollen so in den nächsten zwei Jahren mehr Daten zur empfundenen Behandlungsqualität von Lungenkrebspatienten erheben.

«Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz und wollen erfahren, wie die Patientinnen ihre Behandlung erleben.»

Florian Rüter, Leiter des Qualitätsmanagements am USB

«Im heutigen Gesundheitssystem werden einfach Leistungen vergütet, aber es wird nicht gemessen, wie der Erfolg beim einzelnen Patienten war», sagt Remo Christen im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ist bei Roche für die Marktlancierung von Medikamenten in der Schweiz zuständig. «Wir kommen nicht umhin, viel breiter zu denken, wir schauen uns die ganze Behandlungskette an», so Christen. Es könne ja sein, dass nicht das Arzneimittel bei einer Therapie für den Einzelnen entscheidend sei, sondern Gespräche mit dem Pflegepersonal und den Ärztinnen oder die Kommunikation zwischen den einzelnen Spitalabteilungen.

Nur ein Drittel verbessert die Überlebensrate

Bei Krebspatienten können Chemotherapie, Operation oder Strahlenbehandlung für sich oder in Kombination, durchgeführt werden. «Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz und wollen erfahren, wie die Patientinnen ihre Behandlung erleben», sagt Florian Rüter, Leiter des Qualitätsmanagements am USB.

Eine britische Studie zu 48 Krebsmedikamenten, die zwischen 2009 und 2013 in Europa zugelassen wurden, zeigt, dass nur rund ein Drittel von ihnen die Überlebensrate verbessert. Lediglich 10 Prozent heben die Lebensqualität der Patientinnen, was Schmerzen, Müdigkeit und Appetitverlust angeht. «Wir wollen nun standardisiert zeigen können, was unsere Behandlung für die Patienten bewirkt», sagt Rüter.

«Wir beobachten nur»

Das Spital und Roche führen keine klinische Studie durch, wie sie für die Zulassung für ein neues Medikament notwendig ist. Bei dem Projekt wird nichts getestet. «Wir beobachten nur», betont Rüter.

Ziel des Projektes sind auch Erkenntnisse für neuartige Vergütungsansätze.» Wir wollen in Richtung patientenbasierter Modelle gehen», sagt Rüter. Auch Roche zeigt sich offen für neue Ansätze für die Medikamentenvergütung. «Es ist denkbar, dass der volle Preis nur bezahlt wird, wenn ein Medikament einem Patienten auch tatsächlich geholfen hat», sagt Christen.

Aus der Formel Menge mal Preis für ein Medikament oder eine bestimmte Behandlung soll individuell gemessener Erfolg mal Preis werden. So sieht dies die wertebasierte Gesundheitsversorgung vor, die von den Gesundheitsökonomen Michael Porter und Elizabeth Teisberg in den USA entwickelt wurde.

Auch die Kassen wollen Kosten-Nutzen-Analyse

Wie Roche ist auch Novartis offen für eine Vergütung je nach Erfolg. «Vor allem für neue Zell- und Gentherapien braucht es neue Preismodelle», sagt eine Novartis-Sprecherin. Denn die Behandlung erfolge nicht mehr über Jahre hinweg, sondern werde oft als einmalige Behandlung mit dem Potenzial eines lebenslangen Nutzens durchgeführt. «Deshalb arbeiten wir gemeinsam mit den Kostenträgern an der Entwicklung innovativer Zahlungsmodelle.»

Der Schweizer Krankenkassenverband Santésuisse drängt ebenfalls in diese Richtung: «Es gibt fast keine unabhängigen Studien, die die Wirksamkeit einer Therapie in der Praxis belegen», sagt Direktorin Verena Nold. Daten zum tatsächlichen, langfristigen Anwendungserfolg auf breiter Basis fehlten, aktuell sind nur klinische Studien vorhanden, die vom Pharmaunternehmen im Auftrag gegeben werden. Wichtig sei, dass das Projekt am Unispital Basel auch mit der Kooperation mit Roche unabhängig und die Daten öffentlich zugänglich seien. «Nur so lässt sich die Kosten-Nutzen-Relation in der Praxis ermitteln. Denn Heilungsversprechen und Wirklichkeit klaffen zu oft auseinander.»

Krankenkassenexperte Felix Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis begrüsst den neuen Ansatz: «Das macht absolut Sinn.» Ziel müsse eine Vergütung aufgrund von Evidenz sein. Schneuwly wie auch Nold betonen, dass sich so auch die Bezahlung von Medikamenten, die nicht auf der Preisliste des Bundesamts für Gesundheit stünden, einfacher handhaben lasse: «Sonst müssen gerade Onkologen immer gegen die Kasse kämpfen, um eine Einzelfalltherapie durchzusetzen», sagt Schneuwly. Die Bezahlung je nach Wirksamkeit beim einzelnen Patienten könnte dazu beitragen, die Diskussion zu versachlichen, findet auch Nold.

15 Kommentare
    barbara marty

    ich erlebe es längst nicht so negativ wie manche der kommentator*innen: diagnostiziert wurde bei mir im sommer 2016 ein adenokarzinom der lunge mit metastasen in den knochen, behandelt mit chemotherapie, wobei ich die ersten 3 monate so stark unter den nebenwirkungen haarausfall, erbrechen, schüttelfrost etc. gelitten habe, dass für mich klar war: allzulang mach ich das nicht mit. aber dann hörten die unangenehmen begleiterscheinungen auf und ich fühlte mich fit und wohl, war (und bin es bis heute) trotz gesundheitlicher einschränkungen, zb. mit dem 15-m-sauerstoffschlauch, zufrieden. auch die nach einem rückfall nötige immuntherapie habe ich ohne grosse probleme und ohne nebenwirkungen ertragen. ich geniesse jeden tag, ich habe gelernt, bewusster zu leben und ich verschiebe dinge, die ich noch machen möchte, nicht mehr auf später. seit 2 jahren sind nun die regelmässigen computertomografien ohne befund - ich habe also bisher mind 4 jahre zusätzlicher lebenszeit gewonnen, die ich mit meinen kindern, meinen geschwistern, mit freunden und bekannten verbringen darf - mit einschränkungen zwar, aber zufrieden mit mir und der welt.

    heute gebe ich einen teil zurück, indem ich an einer medikamentenstudie für einen völlig neuen ansatz eines krebsmedikaments an der uni zürich teilnehme und so vielleicht künftigen krebspatient*innen eine verträglichere behandlung ermögliche.