Winterthur

Das Geschäft mit altem Brot und Torten vom Vortag

Was am Abend in den Bäckereien liegen bleibt, sammelt die Äss-Bar ein und verkauft es am nächsten Tag viel günstiger. Damit kämpft sie gegen die Lebensmittelverschwendung an. Morgen eröffnet eine Filiale in Winterthur.

Geschäftsführerin Rika Schneider verkauft am neuen Standort in Winterthur Gebäck vom Vortag.

Geschäftsführerin Rika Schneider verkauft am neuen Standort in Winterthur Gebäck vom Vortag. Bild: Marc Dahinden

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«Eigentlich wollten wir unsere erste Filiale ja in Winterthur aufmachen», sagt Sandro Furnari, einer der vier Gründer der Äss-Bar. Doch die Suche nach einem Lokal war erfolglos. Daher eröffneten er und drei Freunde, alle anfangs 40, Ende 2013 den ersten Standort im Niederdörfli in Zürich. Nun kommt die Äss-Bar aber doch noch nach Winterthur. Morgen findet die offizielle Eröffnung an der Technikumstrasse 50 statt. «Da unser Vorgänger, ein Cupcake-Laden, alles frisch renoviert hatte, konnten wir mit wenig Aufwand einziehen», so Furnari.

«Frisch von gestern» heisst der Slogan der Äss-Bar. Und der Name ist Konzept: Aus regionalen Bäckereien werden am Morgen übrig gebliebene Brote, Torten oder Sandwiches vom Vortag eingesammelt und im eigenen Geschäft verkauft. Damit soll ein Beitrag gegen die Lebensmittelverschwendung geleistet werden (siehe Box).

Einwandfreie Ware

«Die Bäckereien müssten ihre einwandfreie Restware sonst entsorgen, an eine Biogasanlage geben oder als Tierfutter verwenden», erklärt Rika Schneider, Geschäftsführerin der drei Zürcher Äss-Bars. Einwandfrei ist die Ware vom Vortag auch laut Lebensmittelkontrolle. Mehrmals schon kontrollierten diese die Produkte der Äss-Bar. «Bis jetzt wurde noch nie etwas beanstandet», so Schneider.

Jeden Morgen fährt ein Chauffeur eine zweistündige Tour und sammelt die Ware ein – etwa in Henggart, Brütten, Wiesendangen oder Seuzach und aus der Winterthurer Innenstadt. Auch Urs Gerber, Inhaber des Graben- und Holzofebecks in der Winterthurer Altstadt, ist Partner der Äss-Bar. «Wir verkaufen in unseren Läden nur frische Ware», erklärt Gerber. Frisch heisst, am selben Tag gebacken und verkauft.

«Eine gute Sache unterstützen wir gerne»

Am Abend bleibt daher entsprechend viel liegen. «Beide Bäckereien zusammengenommen, sind das jeden Tag etwa 10 grosse Einkaufstüten im Wert von bis zu 1200 Franken», so Gerber. Wegschmeissen geht nicht: «Das tut im Herzen weh». Bis jetzt verteilte Gerber die Ware an ein Netz von Familien, meist Bauern aus der Umgebung. Nun geht ein Teil an die Äss-Bar. Er ist sich bewusst, dass der neue Laden ganz in der Nähe auch Konkurrenz für ihn bedeutet. Aber: «Es ist eine gute Sache, die wir gerne unterstützen». Und: Die Abwicklung ist einfach. Alle Bäckereien geben ihre Ware gratis ab. Dafür sind sie mit einem kleinen symbolischen Prozentsatz am Umsatz beteiligt.

Die Äss-Bar arbeitet nicht primär gewinnorientiert. Ziel ist es in erster Linie, dass die nun vier Filialen selbsttragend funktionieren. 100'000 Franken haben die vier Gründer zum Start in die Äss-Bar investiert. Mit jedem neuen Standort waren es rund 50'000 Franken mehr. Zurückgeflossen ist bis jetzt noch nichts. Den Mitarbeiter kann jedoch ein branchenüblicher Lohn bezahlt werden.

In Zürich habe man dies bereits erreicht, sagt Gründer Furnari. Der Standort in Winterthur hat jedoch seine Tücken. In den letzten Jahren mussten einige Geschäfte die Räumlichkeiten nach kurzer Zeit wieder räumen. «Wir nicht», sagt Furnari selbstbewusst. «Bei uns stimmt die Kombination aus Idee, Konzept, Preis und engagierten Mitarbeitern.» Er sei daher sicher, dass es auch ohne Top-Lage funktionieren werde –nicht zuletzt dank der nahen Lage der ZHAW.

Berliner für einen Franken

Um 9 Uhr morgens liegen dann alle Produkte verkaufsbereit in der Auslage. Die Preise sind auf tiefem Niveau. Ein Franken kostet ein Berliner, 3.50 Franken ein Sandwich. Das einzige, was die Äss-Bar nicht verkauft, sind Tartar-Brötchen. Nicht im Sortiment waren anfangs auch Gebäcke wie Gipfeli oder Weissbrot. «Bei diesen Produkten merkt man den Unterschied zur frischer Ware am besten. Aber das stört die Kunden anscheinend nicht, denn die Nachfrage war da», so Schneider. Daher wurde das Angebot entsprechend angepasst – und die Gipfeli laufen gut.

Und was passiert mit den Resten der Reste? In allen Filialen werden die unverkauften Produkte gesammelt und in die Biogasanlage gebracht. «Aber wir hoffen natürlich, dass wir auch in Winterthur schnell ausverkauft sein werden», so Schneider.

Erstellt: 05.06.2015, 18:22 Uhr

Veranstaltungshinweis

Samstag, 06. Juni von 10 - 13 Uhr

Offizielle Eröffnung der Äss-Bar mit Backwaren und Prosecco

Lebensmittelverschwendung

Weltweit werden laut einer Studie der Vereinten Nationen jährlich rund 1,3 Milliarden Tonnen essbare Lebensmittel vernichtet. Das entspricht einem Drittel der weltweiten Jahresproduktion. Laut dem Bundesamt für Statistik würde diese Menge ausreichen, um rund 3,5 Mrd. Menschen zu ernähren. Mehr als genug für die schätzungsweise weltweit 870 Millionen Menschen, die hungern.

Der sogenannte «Food Waste» geht auch ins Geld: Jährlich schmeisst jeder Schweizer Lebensmittel im Wert von mehr als 2000 Franken weg.

Zudem werden knappe Ressourcen verschwendet: Wer zum Beispiel ein Pfund Brot entsorgt, vergeudet damit unter anderem auch 800 Liter Wasser, das auf dem gesamten Lebensweg dieses Nahrungsmittels vom Anbau des Getreides bis zum Verkauf in der Bäckerei verbraucht worden ist.

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