Winterthur

Der Backsteinbau ist jetzt eine Brandruine

Beim Grossbrand in der ehemaligen Ziegelei im Dättnau ist heute ein Millionenschaden entstanden. Viel höher ist aber der immaterielle Schaden.

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Es war sechs Uhr morgens, als die Polizei heute bei Peter Keller in Pfungen anrief. Sie informierte ihn darüber, dass die ehemalige Ziegelei im Dättnau brennt. Keller ist Präsident des Verwaltungsrats der Keller AG Ziegeleien, welche das Werk im Dättnau besitzt. Sofort machte sich der Patron auf den Weg, um sich selber ein Bild zu machen. «Alles war zerstört», sagt er. «Die Feuerwehr hatte keine Chance, etwas zu retten. Als sie kam, stand das Gebäude schon im Vollbrand.»

Ein Anwohner rief kurz vor 3.30 Uhr bei der Einsatzzentrale von Schutz & Rettung in Zürich an und berichtete, dass die ehemalige Ziegelei an der Dättnauerstrasse brenne. Weshalb es zum Brand kam, ist unklar. Im Quartier spricht man von einem Blitz und einem gewaltigen Knall – diese These bestätigt die Kantonspolizei aber nicht. «Die Brandursache wird untersucht», heisst es. Den Schaden schätzt die Kapo auf mehrere Millionen Franken.

Anfällige alte Ziegeleien

«Den grossen Schaden haben die Mieter», sagt Keller. Der Betrieb stand seit 1974 still. «Alte Ziegeleigebäude waren schon immer anfällig auf Brände», sagt Keller. «Doch wer denkt schon, dass das wirklich passiert?» Im Innern standen offenbar immer noch alte Holzgestelle, die drei Stockwerke hoch und staubbedeckt waren. Dort wurden früher die Lehmziegel getrocknet.

Das Gebäude lag Keller aber nicht mehr am Herzen. Die Firma hat sich längst auf andere Standorte konzentriert, der Hauptsitz ist in Pfungen. «Doch für Winterthur war die Ziegelei von historischer Bedeutung», sagt Keller.

Er selber hat sich innerlich bereits vom Gebäude verabschiedet und überlegte, was anstelle der Ziegelei hätte entstehen können. «Umnutzen konnte man das Gebäude ohnehin nicht», sagt er, «denn es hatte eine labile Struktur und ist beispielsweise nicht mit einer alten Spinnerei zu vergleichen, in die heute Lofts eingebaut werden kann». Keller schwebte zum Beispiel ein Laden, Gewerbe und Wohnbauten an der Stelle der Ziegelei vor. «Schliesslich ist das Dättnau in einer grossen Entwicklung.» Darüber habe er mit der Stadt bereits Gespräche geführt. Nun muss er die Lage neu beurteilen. «Zuerst muss alles entsorgt werden.»

Mit Herzblut gesammelt

Ein Mieter, den der Brand hart getroffen hat, ist Balz Oertli. Er hat sein ganzes Lebenswerk verloren, wie er selber sagt. In der Ziegelei lagerte er rund zwei Dutzend Mercedes-Klassiker, die zwanzig bis vierzig Jahre alt waren. «Das sind geschichtlich wichtige Fahrzeuge und ich habe sie mit Herzblut gesammelt», sagt er am Telefon – hörbar emotional.

Der materielle Schaden betrage wohl rund eine Million Franken. Unschätzbar sei aber der ideelle Wert. «Da stand zum Beispiel ein ‹Monteverdi›, von dem es nur drei Prototypen für Mercedes gab.» Er habe nie grosses Aufheben um seine Sammlung gemacht, sagt Oertli. Doch neben der Arbeit hat der heute 72-jährige Pensionär viel Zeit und Geld in sein Hobby investiert. «Das hat mir immer Spass gemacht.»

Zwei von seinen Autos kamen sogar in Filmen vor: Eines im Spielfilm «Der Keiler» und eines in einem Kurzfilm mit Beat Schlatter. Kürzlich feierte dieser Streifen Premiere. Altershalber wollte sich Oertli zwar ohnehin von seinen Autos verabschieden. «Nun ist mir aber der Feuerteufel in die Quere gekommen.»

Optimistisch trotz Schaden

Auch für die Firma Jada Isolierungen ist der Schaden gross: «Lager und Büro sind vollständig ausgebrannt», sagt Geschäftsleiter Martin Jäger. «Aber wir sind gut versichert.» Der Betrieb könne aufrecht erhalten werden. Die Firma sei finanziell gesund und die 80 Mitarbeiter seien hoch motiviert. «Unser Hauptlieferant ist in Dübendorf», sagt Jäger. «Wir können morgen wieder weiter arbeiten.» Dennoch: Der Aufwand, die Firma wieder aufzubauen, ist beträchtlich. Eine halbe Million beträgt wohl der Schaden laut einer Schätzung von Jäger. Zwei Hubstapler sind zerstört worden und die ganzen Unterlagen, die sich im Büro befanden. «Zum Glück haben wir eine externe Datensicherung.» Jäger lässt sich nicht entmutigen. «Die Situation ist unangenehm, aber wir schaffen das.»

Vom Brand war auch das denkmalgeschützte Clubhaus der Cooking Fellows gegenüber der Ziegelei betroffen (siehe Infobox). Laut Rolando Keller vom Verein der «kochenden Freunde» sind Fenster geborsten, das Auto und die elf Palmen wurden zerstört. Leicht verletzt hat sich der Mann, der dort wohnt. Dieser konnte allerdings ambulant behandelt werden.

Die Feuerwehr war rasch vor Ort, trotzdem konnte nicht verhindert werden, dass ein Grossteil des Gebäudes zerstört wurde. (Video: Keystone)

Zeugenaufruf gestartet

Die Polizei hat mittlerweile einen Zeugenaufruf gestartet. Wer Angaben zum Brand machen kann, wird gebeten, sich bei der Kantonspolizei Zürich zu melden. Die Polizei sucht vor allem nach Hinweisen und Beobachtungen bezüglich der Brandausbruchs.

Strasse wegen Löscharbeiten gesperrt

Nebst der Berufsfeuerwehr Winterthur, der Feuerwehr Wiesendangen und der Stützpunktfeuerwehr Wallisellen standen auch die Rettungsdienste aus Winterthur und Schutz & Rettung Zürich im Einsatz.

Wegen des Brandes ist die Dättnauerstrasse zwischen Winterthur und Töss in beiden Richtungen nach wie vor gesperrt, der Verkehr wird örtlich umgeleitet. Laut Polizei wird die Absperrung noch bis spätestens um Mitternacht bestehen bleiben.

Erstellt: 09.07.2015, 08:10 Uhr

Denkmalpflege

Das Hauptgebäude des Ziegeleikomplexes im Dättnau, ein imposantes Industriegebäude, ist im Denkmalinventar der Stadt Winterthur aufgeführt. Das bedeutet, dass zu einem späteren Zeitpunkt darüber befunden worden wäre, ob das Gebäude unter Schutz gestellt wird. Das erübrigt sich nun: Die Denkmalpflege hat die Brandstelle gestern besichtigt und die Ruine aus Sicherheitsgründen zum Abbruch freigegeben, wie Lukas Mischler vom Baudepartement mitteilt. Das nebenanstehende Schutzobjekt, das ehemalige Verwaltungs- und Wohngebäude der Ziegelei an der Dättnauerstrasse 26, ist vom gestrigen Brand ebenfalls betroffen, es wurde aber nur leicht beschädigt. Die Gebäude der Ziegelei Keller Dättnau entstanden in Etappen zwischen 1895 und 1931. Das Hauptgebäude, ein fünfgeschossiger Sichtbacksteinbau, und andere Bauten sind bereits 1928 von einem Brand zerstört worden. Bis 1931 wurden sie aber wieder aufgebaut. (clp)

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