Winterthur

Im Chaos bringt er die Hilfe ins Rollen

Bei Katastrophen schickt das Rote Kreuz Balz Halbheer als einen der Ersten vor. Innert Tagen baut er vor Ort die Logistik auf, damit Hilfsgüter verteilt werden können.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seine Mission ist komplex und kräfteraubend: Innert wenigen Tagen muss Balz Halbheer (55) ein Transportunternehmen auf die Beine stellen – in Ländern, die gerade im Chaos versinken und die er kaum kennt. Der Winterthurer ist Katastrophenhelfer für das Schweizerische Rote Kreuz (SRK). Als in Nepal vor knapp drei Wochen ein Erdbeben rund 8000 Menschenleben und 17'000 Verletzte forderte, weilte er mit seiner Familie noch in den Ferien. Das SRK bot ihn per Telefon auf. Drei Tage später landete er in der Hauptstadt Kathmandu, zusammen mit weiteren internationalen Helfertrupps.

Die Sprachbarriere erwies sich rasch als die grösste Hürde vor Ort. Die nepalesischen Flughafenbehörden sprachen und verstanden weder Englisch noch Französisch. Halbheer musste sich erst einmal einen Übersetzer suchen. «Das kostete bereits Nerven», sagt er. Der Zeitdruck sei enorm. Als Logistiker in Katastrophengebieten schafft er die Basis dafür, dass später tausende Tonnen internationale Hilfsgüter vor Ort ans Ziel gelangen: Hygiene-Kits, Werkzeugkisten, Planen oder Wolldecken.

Wie lauten die Zollbestimmungen? Welche lokalen Unternehmer können LKWs stellen? Wo gibt es Lagerhallen? Das sind die wichtigsten Fragen, die es für ihn möglichst rasch zu beantworten gilt. An einen festen Plan dürfe man sich aber nicht klammern: «Er ginge sowieso nie auf, nie.»

Kosovo-Konflikt als Auslöser

Anders als in der Schweiz. Hier führt Halbheer partnerschaftlich ein Transportunternehmen mit 60 Angestellten und 30 Sattelschleppern. An diversen internationalen Flughäfen wickelt er die Fracht ab, vom Zoll bis zum Transport vor Ort. Für das SRK arbeitet er rein ehrenamtlich, als Praktiker mit viel Fachwissen und seit 2009 jeweils für einen Monat pro Jahr. «Um in der Balance zu bleiben und vom eigenen Glück etwas abzugeben», sagt er. Die Bilder des Kosovo-Konfliktes von 1998 hätten in ihm diesen Entschluss reifen lassen.

Auftrag auf Rechnung?

Die ersten Stunden in Kathmandu verliefen hektisch. Die Helfer des Roten Kreuzes waren bereits ausgeschwärmt, um den Bedarf an Hilfe und Gütern in den einzelnen Regionen abzuschätzen, als Halbheer am Flughafen noch das Speditionsbüro einrichtete. Bald nahm er die ersten Fahrer unter Vertrag, erklärte ihnen, was eine Rechnung ist und informierte sich über die Strassenzustände.

Generell sei es in Extremsituationen wichtig, klare Anweisungen zu geben, notfalls mit Nachdruck. Zu Autoritätskonflikten führe das selten. «Die Leute schätzen es, wenn im Chaos jemand den Überblick behält», sagt er. Drei Tage nach Halbheers Ankunft transportierten die ersten LKWs das Material für zwei mobile Spitäler ins Krisengebiet. Nach zehn Tagen funktionierte seine «Transportfirma» nach Plan und die Ablösung traf ein.

Bilder in stillen Momenten

In seiner Logistik-Basis operiert Halbheer jeweils meist auf Distanz zum täglichen Überlebenskampf, dem Leiden der Opfer und familiären Tragödien. Auch wenn er vor Ort wie eine Maschine funktioniere; kalt liessen ihn die Einsätze nicht. «Oft tauchen die stärksten Bilder dann wieder auf, wenn ich sie nicht erwarte, zu Hause in einem stillen Moment zum Beispiel», sagt er. Dann trauere er bewusst für die Opfer.

Gerade an seiner vorletzten Mission Ende 2014 hatte er länger zu kauen. Das SRK hatte ihn nach Kenema geschickt, ein Dschungel-Städtchen in Sierra Leone, West-Afrika. Halbheer sicherte in einer Ebola-Station für 50 Patienten einen Monat lang die Versorgung von Lebensmitteln, Medikamenten und Schutzanzügen. Das Elend der Ebola-Patienten, die mit Fieber, Durchfall und Blutungen kämpften, war für ihn täglich fassbar, wenn er als Pfleger aushalf. Er sah, wie Kinder ihre Eltern sterben sahen und er half, die Leichen wegzutragen. Es war sein bisher härtester, riskantester aber auch erfolgreichster Einsatz. «Am Schluss überlebte bei uns jeder zweite Patient. Darauf können wir stolz sein», sagt er. Kürzlich hat ihm einer seiner Fahrer ein Foto seines neugeborenen Sohnes geschickt. Er hat ihn auf den Namen Balz getauft. «Auch das sind Momente, die mir nahe gehen.»

Pseudo-Hilfsprojekte sind ihm ein Dorn im Auge

Angst, sich mit dem Ebola-Virus anzustecken, hatte Halbheer keine. «Das SRK schützt seine Mitarbeiter gut», sagt er. Vorsicht und Konzentration seien dennoch geboten. Doch selbst bei dieser riskanten Mission hat ihn seine Familie ziehen lassen. Seine Frau vertraue ihm und die drei Töchter seien stolz darauf, dass ihr Vater Menschen in Not helfe.

Solage er den Sinn und Nutzen seines Engagements sehe, mache er weiter. Wenn nicht, ziehe er sofort ab. So geschehen im Tschad, wo die Regierung eine angebliche Cholera-Epidemie massiv dramatisierte, um Hilfsgelder ins Land zu locken. Pseudo-Hilfsprojekte sind Halbheer ein Dorn im Auge. Er spricht von einer Industrie, die für Helfer und Empfänger falsche Anreize schaffe. Geld korrumpiere. Auch deshalb verzichtet er auf das gute Salär, das ihm zustünde.

In Krisengebieten für eigene Firma dazugelernt

Nicht nur, dass Halbheer den Wohlstand und die Sicherheit in der Schweiz heute noch mehr zu schätzen weiss. Er hat auch Lehren für das Managment der eigenen Firma gezogen und lässt auf einzelnen Positionen heute vermehrt rotieren. Im Katastrophengebiet habe seine Ablösung die Schwachstellen seiner Logistik jeweils rasch erkannt und ausgemerzt. «Wechselnde Perspektiven perfektionieren ein System», sei er überzeugt.

In seiner Firma fällt er vorerst weiter aus. Wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Nepal reiste Halbheer weiter nach Westafrika. Seit Donnerstag ist im Norden Nigerias im Einsatz, in einem Flüchtlingslager für Menschen, die der islamischen Terrormiliz Boko Haram entkommen sind.

Erstellt: 15.05.2015, 19:34 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!