Winterthur

Kinderpermanence wird Kinderärzteund Spital wohl nur wenig entlasten

Ende August wird in Winterthur im Einkaufszentrum Archhöfe eine Kinderpermanence eröffnet. Der hiesige Kinderärztemangel kann dadurch jedoch nach Ansicht von Fachleuten kaum nachhaltig entschärft werden.

Auch in Winterthur sind viele Praxen von Kinderärzten längst an ihre Kapazitätsgrenzen gestossen.

Auch in Winterthur sind viele Praxen von Kinderärzten längst an ihre Kapazitätsgrenzen gestossen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jedes zweite Kind hat laut dem Berufsverband Kinderärzte Schweiz keinen eigenen Kinderarzt. Auch in Winterthur können Kinderärzte nicht mehr per se jedes Kind aufnehmen. «Leider müssen wir täglich mehrmals Eltern, die wegen eines Termins für ihre Kinder anfragen, vertrösten oder ihnen absagen», sagt Karin Peier, Kinderärztin in Winterthur und Co-Präsidentin der Vereinigung Zürcher Kinder- und Jugendärzte. Zwar präsentiere sich die Situation auf dem Land noch deutlich schlechter als in den Städten. Ungeachtet dessen litten jedoch auch Winterthur und Zürich unter einem Kinderärztemangel, weiss Peier. In naher Zukunft könnte sich die Situation gar noch verschärfen. Denn in den nächsten fünf Jahren werden laut Peier 20 Prozent der in der Praxis tätigen Kinderärzte im Kanton Zürich das Pensionsalter erreicht haben. «In der Stadt Winterthur sehen die Zahlen ähnlich aus, sodass standespolitisch weiter aktiv für Verbesserungen gearbeitet und gekämpft werden muss», sagt die Winterthurer Kinderärztin. «Mit zusätzlichen 200 bis 300 Stellenprozenten würde es in Winterthur sicher bereits eine spürbare Entlastung geben.»

Ambulante Behandlung

Und Unterstützung ist nun tatsächlich in Sicht. Wenn auch vorläufig «nur» mittels 180 Stellenprozenten. Denn wie Recherchen des «Landboten» zeigen, erhält nach Zürich nun auch Winterthur eine Kinderpermanence. Katja Berlinger, CEO der Swiss Medi Kids Zürich AG, bestätigt auf Anfrage, dass die Notfallpraxis bereits Ende August ihre Pforten öffnen wird. Zu finden sein wird die Kinderpermanence im 3. Stock des Einkaufszentrums Archhöfe, gleich neben dem Augenzentrum. «Wir haben an 365 Tagen im Jahr, also auch an Wochenenden und Feiertagen, von 12 bis 20 Uhr geöffnet und werden bei Bedarf diese Öffnungszeiten auf 10 bis 20 Uhr ausdehnen», sagt Berlinger. Die Kinderpermanence hat sich auf dringliche Behandlungen von Kindern zwischen 0 und 16 Jahren spezialisiert. «Die Behandlung von Notfällen zu Zeiten, bei denen der angestammte Kinderarzt geschlossen hat oder keine Patienten mehr annehmen kann, steht bei uns im Zentrum», sagt Berlinger. Behandelt werden sollen Fälle, die leicht ambulant behandelt werden können, «wie zum Beispiel Fieber, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Platzwunden, Verstauchungen, kleinere Sportverletzungen, Schmerzen im Hals-, Nasen- und Ohrenbereich und Husten». In der Winterthurer Kinderpermanence werden sich mehrere Ärztinnen und Ärzte die 180 Stellenprozente teilen, wie Berlinger erklärt. «Durch die räumliche Nähe zu unserem Hauptstandort in Zürich können wir aber bei Bedarf auch zusätzliches Personal stellen.»

Kinderärztemangel bleibt

Doch inwieweit können die Kinderärzte in Winterthur und Umgebung durch die Eröffnung der Kinderpermanence tatsächlich mit einer spürbaren Entlastung rechnen? «Für Ferien- und Notfalldienste und Vertretungen kann die Kinderpermanence für uns Praxisärzte zu einer Entlastung führen», sagt Kinderärztin Karin Peier. Das Kerngeschäft der Permanence seien aber die Notfälle; Vorsorgeuntersuchungen blieben die Ausnahmen. Sodass sich nach Ansicht der Winterthurer Pädiaterin in Bezug auf den Mangel an Kinderärzten mit Langzeitbetreuung «wenig verändern wird».

Notfallstation als Ersatz

Diese Einschätzung teilt auch Traudel Saurenmann, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Kantonsspital Winterthur. «Es ist deshalb eine grosse Sorge von uns, dass der Kinderärztemangel dazu führen könnte, dass Familien nur noch die Notfallstationen aufsuchen.» Es sei eine Tatsache, dass immer mehr Elternpaare keinen Haus- oder Kinderarzt mehr hätten, der ihre Kinder von Vorsorgeuntersuchungen und alltäglichen Krankheiten her kenne und eine idealerweise jahrelange Beziehung aufgebaut habe. «Weder die Kinderpermanence noch unsere Notfallstation kann dafür ein guter Ersatz sein», hält Saurenmann fest. Ungeachtet dessen werde aber die Kinderpermanence sicher auf eine grosse Nachfrage stossen. Und: «Wir sind offen für Neues und heissen die Kollegen willkommen!» Saurenmann und Peier verweisen jedoch beide auf die Tatsache, dass die Eröffnung der Kinderpermanence in der Stadt Zürich im November 2011 nicht zu einem Rückgang der Patientenzahlen in der Notfallstation des Kinderspitals Zürich geführt hat.

Der Anspruch der Eltern

Zum Kinderärztemangel trägt laut Peier nicht nur die Überalterung und der fehlende Nachwuchs bei den Kinderärzten bei, sondern auch der Anstieg der Geburtenrate und der Umstand, dass viele Kinderärztinnen und Kinderärzte nur noch in einem Teilzeitpensum arbeiten wollen. «Ein weiterer Punkt ist aber auch der Anspruch und die Sorge der Eltern, dass ihr Kind möglichst schnell kontrolliert und behandelt werden muss.» (Landbote)

Erstellt: 31.05.2015, 19:01 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!