Winterthur

Machte sich Thaiboxer Valdet Gashi das IS-Regime zum Feind?

Der angebliche Tod des IS-Anhängers Valdet Gashi wirft viele Fragen auf. Durchaus möglich ist, dass der bekannte deutsche Ex-Thaiboxer in der Terrororganisation in Misskredit geriet – und diese ihn schliesslich selbst ausschaltete.

Soll bei einem Angriff in Kobane getötet worden sein, die Umstände des Angriffs sind aber noch unklar: Der frühere Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi.

Soll bei einem Angriff in Kobane getötet worden sein, die Umstände des Angriffs sind aber noch unklar: Der frühere Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi. Bild: Facebook

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Der Gegensatz könnte kaum krasser sein. Als Valon Gashi am letzten Junisamstag mit einer al­banischen Folkloregruppe am Singemer Stadtfest auftrat, im Anschluss an ein Podiumsgespräch zum Thema Flüchtlinge und Integration, da war sein älterer Bruder Valdet wahrscheinlich schon tot. Gestorben in Syrien für die Terrororganisation Isla­mischer Staat (IS). Die Umstände, die dazu führten, sind noch unklar. Weder vom zuständigen Innenministerium in Stuttgart noch auf einschlägigen IS-Plattformen wird sein Tod bestätigt.

Der mehrfache Thaiboxweltmeister Gashi hatte sich nach ­Syrien abgesetzt, um sich dem IS ­anzuschliessen. Zuvor hatte er in Winterthur Kampftrainings für Muslime und nach muslimischen Regeln geleitet. Unter den Teilnehmern waren auch Winterthurer Jugendliche, die sich später ebenfalls dem IS anschlossen. Gashi wird verdächtigt, Jugendliche gezielt angeworben zu haben. Jetzt hat sein jüngerer Bruder Valon auf Facebook geschrieben: «Ruhe in Frieden mein bruder.» Gashis Todestag datiert er auf jenen Samstag, 27. Juni.

Das letzte Bild

Dies ist bisher die einzige Quelle, die Gashis Tod bezeugt. Doch mehrere Personen in der Schweiz und in Deutschland, die sich schriftlich mit ihm austauschten, bestätigen einen plötzlichen Kontaktabbruch. Eine davon ist Samuel Althof von der Extremismusfachstelle Fexx in Basel (Bild). Er schrieb seit Monaten mit Ga­shi, in der Hoffnung, ihn zur Rückkehr zu bewegen. «Trotz meiner sehr deutlichen Kritik am IS hat er nie die Tür zugeknallt und wollte im Dialog mit mir bleiben.»

Die letzte Antwort traf am Freitag, 26. Juni, ein. Einen Tag zuvor sandte Gashi sein letztes Bild: Das Selfie zeigt den bärtigen 29-Jährigen mit unbekümmertem Blick. Im Hintergrund hantieren ein Erwachsener und ein Kind an einer Waffe. Auf Facebook hatte er stets beteuert, für den IS im Grenzgebiet zu patrouillieren und nicht in Kämpfe verwickelt zu sein.

Auch Valon Ga­shi hatte an diesem Freitag zum letzten Mal mit seinem Bruder te­lefoniert, wie er dem «Südkurier» sagte, der in dieser Recherche mit dem «Landboten» kooperiert. Valdet habe ihm berichtet, dass er von seinem bisherigen Standort Membij in die rund 40 Kilometer entfernte Grenzstadt Kobane ziehen werde, um bei der Evakuierung bedrohter Zivilisten zu helfen. Es sei gefährlich; falls er nicht zurückkehre, werde sich jemand melden.

Ein paar Tage später, so erzählt Valon Gashi, habe sich über Valdets Handy tatsächlich ein Unbekannter gemeldet und mitgeteilt, dass der Bruder tot sei. Er sei am 27. Juni bei einem US-amerikanischen Luftangriff getötet worden. Gashi habe versucht, einen unter Beschuss geratenen Freund zu retten. An seinem Tod gebe es keinen Zweifel.

Ob diese «Heldengeschichte» wahr ist, lässt sich derzeit nicht überprüfen. In Kobane haben um den 27. Juni zwar heftige Gefechte zwischen Kurden und dem IS stattgefunden. Experte Althof warnt aber, dass es sich bei dieser Darstellung um eine bewusst gestreute Fehlinformation der IS-Propagandisten handeln könnte.

Sklaven als Verhängnis

Ein möglicher Grund dafür wird jetzt bekannt: Wie informierte Quellen übereinstimmend berichten, plante Gashi eine Sklavenfreilassung. Er wollte kurdische Sklaven vom IS freikaufen und die Frauen und Kinder in IS-freie Gebiete führen. Obwohl er in Vergangenheit die Sklavenhaltung des IS verteidigt hatte, hielt er dies für eine gute Tat, die er im Ramadan vollbringen wollte. Im Koran zählt das Freilassen von Sklaven als Sühneleistung für Muslime, die im Ramadan Geschlechtsverkehr ausüben.

Ein Angelpunkt der Sklavenfreilassung wäre der deutsche FDP-Politiker und Flüchtlingshelfer Tobias Huch aus Mainz gewesen. Der IS-Kritiker hatte via E-Mail bereits mehrere Wochen mit Gashi diskutiert, als dieser auf seine Pläne zu sprechen kam. Huch reagierte, indem er Hilfe anbot: Über sein Kontaktnetz im Irak wollte er dafür sorgen, dass die freigelassenen Sklaven an der irakischen Grenze empfangen und betreut werden. «Gashi führte deswegen Gespräche mit ranghohen IS-Leuten, die zunächst Goodwill signalisierten», erzählt Huch. «Ich weiss aber nicht, ob das Vorhaben bei denen wirklich gut angekommen ist.»

Ein entscheidendes Gespräch hätte in diesen Tagen stattfinden sollen. Einen Zusammenhang mit Gashis Tod hält Huch deshalb für sehr gut möglich. Auch für Althof deutet das dar­auf hin, «dass Ga­shi möglicherweise vom IS umgebracht wurde, weil er zu weit gegangen war». Sollte sich das bestätigen, dann wäre es aus Sicht des IS die denkbar schlechtere Version als die eigene, um die Geschichte ihres bekanntesten Vertreters im deutschsprachigen Raum zu Ende gehen zu lassen.

(Landbote)

Erstellt: 07.07.2015, 21:48 Uhr

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