Winterthur

Möglichst lange selber über das eigene Leben bestimmen

An einem gut ­besuchten Anlass erhielten am Samstag alte Menschen Ratschläge für den Rest des Lebens – und das Sterben.

Auf Hilfe zählen bis ins hohe Alter.

Auf Hilfe zählen bis ins hohe Alter. Bild: Keystone

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Wir werden immer älter. Jetzt kommt eine Generation ins hohe Alter, die nicht einfach mehr über sich bestimmen lassen will, wie es früher üblich war. «Da hat sich viel geändert», sagte Brigitte Müller, Leiterin des Alterszentrums St. Urban, am Samstag an einer Podiumsdiskussion im Seemer Pfarreizentrum St. Urban. «Die Leute mieten bei uns ein Zimmer inklusive Service, ihr Leben sollen sie sich weiter nach ihren Wünschen einrichten können.» Marlis Schmocker, die als Bewohnerin des Alterszentrums St. Urban an der mit 160 Zuhörern gut besuchten Veranstaltung auf dem Podium sass, bestätigte das. Ihr Einzug ins Altersheim vor einem halben Jahr sei ein Akt der Selbstbestimmung gewesen: «Ich wollte niemandem zur Last fallen und habe mich deshalb bewusst rechtzeitig für diesen Weg entschieden.» Sie habe früher selber verschiedene Angehörige gepflegt, aber das sei etwas, was man einer Familie, die im Arbeits­prozess steht, heute nicht mehr zumuten könne. Was die grösste Herausforderung des Alters sei, wollte Moderatorin Claudia Sedioli wissen. Für Peter Koller, Gemeindeleiter der Pfarrei St. Urban, sind es vor allem Verlusterfahrungen, die alte Menschen belasten. Die Kräfte schwänden und der Radius, in dem man sich bewege, werde immer kleiner. Dazu komme eventuell noch der Tod des Partners. Dadurch werde man immer mehr auf sich selbst zurückgeworfen. Wichtig sei es, sich die Neugier auf das Leben bis zum Schluss zu bewahren.

Oft bewusste Entscheide über den Tod

Zur Selbstbestimmung gehört es auch, sich mit dem Ende auseinanderzusetzen. «Das kann heissen, dass man bewusst auf eine weitere Therapie verzichtet», sagte Franziska Trüb Gaja, Leiterin des Zen­trums für Palliativpflege des KSW. Dort werden viele Krebskranke im Endstadium gepflegt. Häufig seien es Angehörige, die den Patienten zuredeten, doch noch eine weitere Chemotherapie oder Bestrahlung über sich ergehen zu lassen, statt einfach die letzte Zeit des Lebens bewusst und in Ruhe zu verbringen. Häufig erlebe sie, dass die Menschen zwischen ihren eigenen Wünschen und denen ihrer Angehörigen schier zerrissen würden. «Wenn jemand stirbt, wurde in rund fünfzig Prozent aller Fälle ein bewusster Entscheid gefällt», sagte Bernadette Ruhwinkel, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Deshalb sei es so wichtig, eine Patientenverfügung zu hinterlassen und sich in guten Zeiten mit dem Thema auseinanderzusetzen. Der Patientenwunsch sei für die Ärzte bindend, aber er könne nur berücksichtigt werden, wenn man ihn kenne. «Wir sind zwar alle keine Einzelwesen, die wirklich autonom bestimmen können», sagte Ruhwinkel, aber wichtig sei auch, sich nicht von den Wünschen der Umwelt unter Druck setzen zu lassen. Sie erlebe regelmässig, dass ihr alte Menschen sagten, sie müssten jetzt ihre Wohnung ausmisten und alles schön aufräumen, damit die Angehörigen später nicht so viel Arbeit mit dem Nachlass hätten. «Ich frage dann regelmässig: Und was machen Sie, wenn Sie alle ihre schönen Dinge weggeworfen haben und noch zehn Jahre leben?» Der alte Mensch solle sich aus Rücksicht auf die Umwelt nicht zu klein machen und zurückzunehmen. Er solle sich lieber mit dem befassen, was im Leben noch möglich sei und nicht was nach dem Tod passiere.

Die Kraft, den eigenen Wunsch umzusetzen

«Reden Sie darüber», sagte Doris Held, Psychologin, Meditationslehrerin und Autorin des Buches «Die Kunst des Sterbens». «Reden Sie auch über den Tod und das Sterben. Ihre Angehörigen müssen wissen, wie Sie dar­über denken.» Besonders wenn es um die Fortsetzung von Therapien gehe, brauche es manchmal relativ viel Kraft, die eigenen Wünsche durchzusetzen. «Ein anderes Wort für Selbstbestimmung ist: Ich will.»

Erstellt: 31.05.2015, 19:10 Uhr

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