Bildungsreise

Ausflug in Belgiens frühere Jihadisten-Hochburg

Eine siebenköpfige Zürcher Delegation, angeführt von Justizdirektorin Jaqueline Fehr (SP), besuchte am Freitag die ehmals belgische Jihadisten-Hochburg Vilvoorde. Lehrreich war die Reise auch für die Winterthurer Leiterin für Prävention.

Sieben Zürcherinnen und Zürcher besuchten am Fraitag Vivoorde in Brüssel.

Sieben Zürcherinnen und Zürcher besuchten am Fraitag Vivoorde in Brüssel. Bild: zvg

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Vilvoorde ist eine Vorstadt von Brüssels mit 43 000 Einwohnern. 28 Erwachsene und Jugendliche sind in den letzten Jahren nach Syrien in den Jihad gezogen. Wie sieht es dort aus? Grau und trostlos wie in einer Banlieue?
Françoise Vogel: Nein, auf den ersten Blick eher unspektakulär und ruhig. Vilvoorde ist kein Moloch, wo Frauen nur in Burkas umherlaufen. Aber der Ausländeranteil und die Arbeitslosigkeit sind überdurchschnittlich hoch und die muslimische Gemeinde , vor allem mit marokanischem Hintergrund, ist sehr gross.

Wie sah das Tagesprogramm ihrer Delegation aus?
Es begann mit einer Begrüssungsrede des Bürgermeisters, in der er uns die Entwicklung des Vilvoorder Radikalisierungsproblems und deren Eigendynamik nochmals schilderte. Relativ schnell sei klar gewesen, dass man schnell handeln und dabei alle mit ins Boot holen müsse, auch die Muslime.

Wie hat man reagiert?
Die Stadt hat eine Fachstelle für Radikalismus gegründet, die in einem Drei-Säulen-Modell «Prävention-Intervention-Repression» alle involvierten Stellen vernetzt. Bei der Prävention geht es um die Früherkennung von Radikalisierung, in der Schule, aber auch in der Freizeit, bei der Intervention darum, mit der gefährdeten Person direkt zu arbeiten und die Motive und möglichen Auswege zu finden. Wenn alles nichts nützt oder es schon zu spät ist, braucht es repressive Massnahmen: die Polizei und Strafbehörden werden eingeschaltet.

Dieses Drei-Säulen-Modell eigentlich nichts neues.
Ja, aber entscheidend ist, wie es im Detail aussieht und wo man Schwerpunkte setzt. Vilvoorde beispielsweise bei der besonders B, die Bevölkerung besonders breit für das Thema Radikalisierung zu sensibilisieren, damit Anzeichen früh erkannt und der neuen Fachstelle gemeldet werden.

Schafft man damit nicht ein Klima des Misstrauens und allgemeines Denunziantentum?
Nicht wenn man sich an eine Fachstelle wenden kann, die einen ersten Verdacht entsprechend einordnet, vielleicht relativiert und so für Aufklärung sorgt. Es ist als Hilfestellung gedacht. Ein Beispiel: Nach Anschlägen wie in Nizza wurden die Schulen in einem kurzen Schreiben darüber informiert, wie sie man den Vorfall in der Klasse ansprechen könnte.

Wo wurde denn in Vilvoorde vor allem für den Jihad rekrutiert?
Berüchtigt war ein Platz unter den Viadukten einer stillgelegten Eisenbahnbrücke, wo auch viel mit Drogen gedealt wurde. Die Stadt hat den Platz geräumt und aufgewertet. Heute stehen dort Fussballfelder und Spielplätze. Ähnlich hat Zürich in den 1990ern auf die lokalen Drogenszenen beim Platzspitz und Letten reagiert. Damit haben wir insofern bereits Erfahrung.

Mit dem Ergebnis, dass die Szene zwar gesprengt, aber nicht aufgelöst wurde.
Gerade deshalb braucht es die flankierenden Massnahmen des Drei-Säulen-Modells. In Vilvoorde scheinen sie zu funktionieren. Seit 2014 keine neuen Fälle von radikalisierten Muslimen oder gar Jihad-Reisenden bekannt geworden. Das ist, was man auf lokaler Ebene leisten kann. Organisiserte kriminelle Netzwerke aufzudecken und zu zerstören ist wiederum Aufgabe der nationalen Straf- und Ermittlungsbehörden. Die lokale Polizei, Jugendbeauftragten und Brückenbauer sind auch in Vilvoorde stark involviert. Interessant ist zudem: Die Jugendarbeit hat man dort lange vernachlässigt und nun neu aufgebaut. Im Nachbarstädtchen waren solche Strukturen bereits etabliert – und man zählte keinen einzigen Jihadisten, trotz des hohen Anteils an Muslimen.

Welche Rolle spielte in Vilvoorde die lokale Moschee bei der Radikalisierung?
Das weiss ich nicht genau, aber heute ist sie wie auch die Schulen stark ins Präventionsmodell eingebunden. Der Bürgermeister hat mehrmals betont, wie zentral es sei, die muslimischen Gemeinden mit ins Boot zu holen. In Vilvoorde konzentriert sich alles auf eine Moschee, deren Mitglieder sich offenbar sehr kooperativ zeigen. In Winterthur ist die muslimische Szene viel heterogener und dezentraler organisiert. Es wird eine der Aufgaben unserer neuen Fachstelle sein, diese möglichst breit einbinden zu können, zusammen mit den Kollegen von der Integrationsförderung..

Auch die berüchitgte An’Nur-Moschee in Hegi?
Auch die.

Was sind weitere Lehren, die Sie für Winterthur mitnehmen ?
Beeindruckt hat mich, dass Muslime nicht nur am runden Tisch, sondern direkt und als Mitarbeiter in der Verwaltung mitwirken, in der Jugendarbeit zum Beispiel. So baut man natürlich Hürden ab. Die Strukturen des Drei-Säulen-Modells stehen bei uns hingegen schon. Es geht nun darum, diese möglichst effektiv untereinander vernetzten. Nach den Ferien trifft sich unsere Delegation nochmals, um den Ausflug auszuwerten. ()

Erstellt: 18.07.2016, 17:12 Uhr

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